Resistente Keime durch Antibiotika-Tierhaltung

Fabian Peters

MRSA-Keim Folge des Antibiotika-Einsatzes in der Tierhaltung

22.02.2012

Der Antibiotika-Einsatz in der Tierzucht fördert die Entstehung von multiresistenten Erregern. Ein internationales Forscherteam um Lance Price vom Translational Genomic Research Institute in Flagstaff (USA) konnte nachweisen, dass mindestens ein Stamm multiresistenter Erreger aus der Gattung der Staphylokokken durch den leichtfertigen Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht entstanden ist.

Mehr zum Thema:

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass der sowohl in den USA als auch in Europa verbreitete Stamm des Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA), durch den unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung entstanden ist. Dem Studienleiter Lance Price zufolge gedeiht „Staphylococcus am besten dort, wo Lebewesen eng gedrängt und unter schlechten hygienischen Bedingungen leben.“ Werde unter diesen Umständen noch Antibiotika dazugegeben, „ist das Problem programmiert“, so die Aussage des US-Forschers in dem Fachmagazin „mBio“.

Forscher entschlüsseln die Entstehung der MRSA-Erreger
Die Forscher hatten im Rahmen ihrer aktuellen Studie das Erbgut von 88 Staphylococcus aureus-Proben untersucht. Die Proben stammten aus 19 Ländern von vier Kontinenten und wurden nicht nur vom Menschen sondern auch von Nutztieren, wie zum Beispiel Schweinen, Puten und Hühnern genommen. Auf diese Weise ließ sich die Verwandtschaftsbeziehung zwischen den einzelnen Stämmen rekonstruieren und die Forscher konnten auch ermitteln, wann und wo die MRSA-Keime ihre Resistenzen entwickelt haben. Dabei stellten Price und Kollegen fest, dass die sogenannte CC398-Variante der multiresistenten Erreger vom Menschen auf Nutztiere übertragen wurde und erst dort Resistenzen gegen Tetrazykline und Methicillin, zwei wichtige Antibiotika, entwickelt hat. Anschließend seien die Erreger des MRSA-Stamms wieder vom Tier auf den Menschen übergesprungen, was aufgrund der Antibiotika-Resistenz zu kaum therapierbaren schwerwiegenden Erkrankungen mit teilweise tödlichem Ausgang geführt habe, erläuterten die Forscher. Mittlerweile seien die Erreger in Europa und den USA relativ weit verbreitetet und für die Bevölkerung ein wachsendes Risiko.

Auffällig war laut Aussage der Wissenschaftler, dass die meisten Infektionskrankheiten mit dem speziellen MRSA-Stamm Menschen betrafen, die regelmäßig Kontakt zu Nutztieren hatten. So lag der Verdacht auf einen Zusammenhang nahe. Diesen haben die Forscher nun aufgedeckt, indem sie belegen konnten, dass die Erreger erst vom Menschen auf die Tiere übertragen wurden, dort aufgrund des Kontakts mit Antibiotika ihre Resistenzen entwickelten und anschließenden wieder zurück auf den Menschen übergesprungen sind. Mit anderen Worten: Der Mensch ist Schuld an der Verbreitung der gefährlichen multiresistenten Keime.

Der Mensch ist schuld an der Entwicklung der multiresistenten Erreger
Nach Ansicht des ebenfalls an der Studie beteiligten Paul Keim von der Northern Arizona University, belegen die aktuellen Ergebnisse eindeutig, dass „weder die Natur noch die Bakterien“ für die Entwicklung der Resistenzen verantwortlich gemacht werden können. Allein der leichtsinnige Umgang mit Antibiotika in der Massentierhaltung, habe zur Entstehung des gefährlichen MRSA-Stamms geführt. Dabei stehen die aktuellen Untersuchungen zur Entwicklung der Resistenzen bei Staphylokokken lediglich beispielhaft für das Risiko des Antibiotika-Einsatzes in der Tierhaltung. Denn auch andere Bakterien könnten auf ähnlichem Wege die gleiche Widerstandsfähigkeit gegen die gängigen Antibiotika der Humanmedizin entwickeln. Erschreckend war nach Ansicht der Forscher zudem die festgestellte Verbreitung der CC398-Variante des Staphylococcus aureus. So seien die Erreger in den USA auf 47 Prozent der untersuchten Fleischproben aus dem Handel nachgewiesen worden.

Massive Kritik am Antibiotika-Einsatz in der Tierhalten
Seit Jahren wird der Antibiotika-Einsatz bei der Tierhaltung von Umweltschutzverbänden, Medizinern, Verbraucher- und Tierschutzorganisationen massiv kritisiert. So haben offizielle Untersuchungen aus dem vergangenen Jahr ergeben, dass in der Geflügelbranche (Puten und Hühner) rund 90 Prozent der Tiere während der Aufzucht Antibiotika erhalten. Die zuletzt veröffentlichten Zahlen aus Niedersachsen zeigen zudem, dass bei Mastschweinen 77 Prozent der Tiere Antibiotika erhielten, bei Mast-Jungrindern 80 Prozent und bei Mastkälbern 100 Prozent. Den Mastbetrieben wird dabei von den Kritikern unterstellt, dass sie die Antibiotika entgegen den geltenden Gesetzen nicht nur zur Krankheitsbekämpfung, sondern auch zur Wachstumsförderung und somit zur Verkürzung der Mastdauer einsetzen. Außerdem werden die Antibiotika teilweise lediglich ein bis zwei Tage verabreicht, was die Bildung von resistenten Erregen weiter begünstige. Denn bis sämtliche Krankheitserreger durch das Antibiotika abgestorben sind, können gut sechs Tage vergehen. Wird die Behandlung früher abgebrochen und überleben einige Bakterien den Kontakt mit dem Antibiotikum, so fördert dies die Entwicklung von Resistenzen. (fp)