Revidierte Behandlungsleitlinie definiert Behandlungsstandards bei Demenzerkrankungen

Sebastian
In Deutschland sind gegenwärtig rund 1,5 Millionen Menschen an einer Demenz erkrankt, der viele verschiedene medizinische Krankheiten zugrunde liegen. Die Forschung sucht intensiv nach neuen wirksamen Therapien. Nun bündelt die neu revidierte Behandlungsleitlinie auf der höchsten Qualitätsstufe der AWMF* alle zurzeit vorliegenden klinischen Studien und das aktuelle Forschungswissen. Daraus werden neue evidenzbasierte Empfehlungen für Prävention, Diagnostik und Therapie von Demenzerkrankungen abgeleitet.

 (Bild: Syda Productions/fotolia.com)
(Bild: Syda Productions/fotolia.com)

Zwar ist Demenz derzeit nicht heilbar, aber es existieren zunehmend therapeutische Möglichkeiten zur Verbesserung der Lebensqualität, zur Linderung von Symptomen und zur Verzögerung des Fortschreitens der Erkrankung. Neue, aussagekräftige Untersuchungen belegen insbesondere die Wirksamkeit bestimmter psychosozialer Interventionen. Diese Verfahren haben in der jetzigen Revision der S3-Leitlinie erstmals denselben Evidenzgrad wie die medikamentöse Therapie mit Antidementiva. Die heutige Behandlungspraxis in Deutschland ist von diesen evidenzbasierten Empfehlungen jedoch weit entfernt, so dass erhebliche therapeutische Verbesserungen möglich und notwendig sind – zugunsten demenziell erkrankter Menschen.

Die revidierte S3-Behandlungsleitlinie steht ab heute online zur öffentlichen Konsultation bei der DGPPN und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) bereit. In den folgenden vier Wochen kann sie von allen Interessenten kommentiert werden. Der Schwerpunkt der Leitlinie liegt im medizinischen Bereich. Sie stellt eine klare, verständliche Entscheidungsgrundlage für die Diagnostik, Therapie, Betreung und Beratung von Demenzkranken dar. Ziel ist es, die medizinische Behandlung und die Betreuung von Erkrankten und deren Angehörigen nachhaltig zu verbessern. Die Federführung des Revisionsprozesses liegt bei der DGPPN und DGN. Insgesamt haben 28 Fachgesellschaften und -organisationen sowie Verbände an den Konsensbildungen dieses Großprojekts teilgenommen.

Demenzerkrankungen wirken sich nicht nur folgenschwer auf das Leben der Betroffenen und deren Angehörigen aus, sie stellen auch die Gesundheits- und Sozialsysteme vor große Herausforderungen. „Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und des demographischen Wandels ist in den nächsten Jahren mit immer mehr Betroffenen zu rechnen. Der optimalen Versorgung von Demenzerkrankungen kommt deshalb eine enorme Bedeutung zu. Hier setzt die revidierte Behandlungsleitlinie an: Sie soll die Anwendung wirksamer und hilfreicher Verfahren in der Versorgung stärken“, erklärt Dr. Iris Hauth, Präsidentin der DGPPN und Geschäftsführerin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses Berlin-Weißensee.

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Bei einer frühzeitigen Diagnose und einem rechtzeitigen Beginn der Behandlung, lässt sich der Verlauf der Demenz positiv beeinflussen. „Diagnostik und Therapie bilden die zentralen Kapitel der Leitlinie. Sie gibt den an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen klare und in der Praxis anwendbare Empfehlungen an die Hand. Gleichzeitig weist sie auf die fehlende Wirksamkeit bestimmter Anwendungen hin. Nach den Empfehlungen der Leitlinie bilden neu bestimmte psychosoziale Interventionen neben antidementiven Medikamenten gleichrangig zentrale Bausteine im Gesamtbehandlungsplan von Demenzerkrankungen. Denn heute ist die Wirksamkeit alltagsnaher kognitiver Stimulationen (nicht aber des Gedächtnistrainings), individuell angepasster Ergotherapie oder gezielter körperlicher Aktivitäten klar nachgewiesen. Die Anwendung solcher Verfahren sollte möglichst zu Hause erfolgen. Damit werden nicht nur Lebensqualität, Fähigkeiten und positive Gefühle der Patienten gefördert, sondern vor allem auch die Pflegenden entlastet“, sagt Demenzexperte Prof. Wolfgang Maier, Sprecher der Leitlinien-Steuerungsgruppe bei der DGPPN und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotheraie des Universitätsklinikums Bonn.

Die revidierte S3-Leitlinie „Demenzen“ bildet die Grundlage für eine verbesserte Versorgung von Demenzkranken. „Nun gilt es, die evidenzbasierten Empfehlungen in den Behandlungsalltag zu implementieren. Doch dazu muss unser Gesundheitswesen demenzsensibler werden: Eine intensive, kompetente fachärztliche sowie pflegerische Betreuung ist heute noch nicht ausreichend gewährleistet. Wir müssen demenziell erkrankte Menschen überall erreichen – zu Hause, in der Praxis, im Krankenhaus oder im Pflegeheim“, fordert Dr. Iris Hauth. (pm)

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