Rezeptfreie Arzneimittel keineswegs ungefährlich

Heilpraxisnet

Rezeptfreie Arzneimittel sind keineswegs für die Gesundheit ungefährlich.
Zwei von Drei Befragten besorgen sich laut einer Studie des „Instituts für Demoskopie Allensbach“ in der Apotheke Medikamente ohne Rezept auf eigene Kosten. Zur Linderung geringfügiger Beschwerden wird demnach häufig kein Arzt resultiert. Eine solche Selbstmedikation ist jedoch nicht ohne Risiko, da „rezeptfrei“ nicht mit „harmlos“ gleichzusetzen ist, wie die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Dr. Cornelia Goesmann, warnt.

Schmerzmittel zu 50 Prozent ohne Rezept erworben
„Wenn ich mich krank fühle und denke, dass es nicht so schlimm ist, besorge ich mir in der Apotheke Medikamente“, gaben zwei Drittel der Befragten in der Allensbach-Umfrage an. Dabei steht das Schmerzmittel Paracetamol unter den ohne Rezept erworbenen Präparaten ganz vorne. In über 50 Prozent der Fälle zahlten die Patienten das Medikament aus eigener Tasche. Doch „selbst so gängige und gern verwendete Mittel wie Paracetamol können bei einer Überdosierung schwere Leberschäden verursachen“, erklärte Dr. Goesmann. Bei rund jedem fünften Fall treten ernsthafte Probleme auf, wie auch Dr. Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker, zu berichten weiß. Der Fachmann hob hervor, dass der regelmäßige hohe Konsum von Schmerzmitteln selbst Kopfschmerzen auslösen kann. Daher sollten Patienten Schmerzmittel maximal an zehn Tagen des Monats und auf keinen Fall länger als drei Tage hintereinander einnehmen, erklärte Dr. Schulz.

Neben den rezeptfrei verkäuflichen Schmerzmitteln sind Präparate gegen Erkältungen momentan stark gefragt. Und auch hier versorgt sich jeder Dritte ohne ärztliche Empfehlung auf eigene Rechnung. Fachleute wie Dr. Goesmann sehen diese Art der Eigentherapie jedoch äußerst kritisch. Denn auch ein zunächst harmlos verlaufender grippaler Infekt kann nach Aussage der Experten größere gesundheitliche Probleme mit sich bringen, die dringend vom Arzt behandelt werden sollten. Zum Beispiel sollte bei Schmerzen im Stirn oder Augenbereich, bei eitrigem oder blutigem Auswurf oder bei schmerzhaftem Husten und Atmen, dringend ein Fachmann konsultiert werden. Fieber das bei geringer Temperaturerhöhung länger als zwei bis drei Tage anhält oder auf über 39 Grad steigt, muss ebenfalls vom Arzt behandelt werden, betonte Dr. Goesmann.

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Suchtrisiko und Gewöhnung
Dr. Goesmann und Dr. Schulz warnten vor dem Risiko einer Gewöhnung an bestimmte Mittel im Rahmen der selbst bestimmten Dosierung. Die häufige bzw. regelmäßige Verwendung bestimmter Präparate kann nicht nur zu schweren Nebenwirkungen sondern auch zu Medikamentenabhängigkeiten führen. So sollten abschwellende Nasensprays oder -tropfen zum Beispiel nicht länger als eine Woche am Stück verwendet werden, da sie Wirkstoffe wie Xylometazolin, Oxymetazolin, Tramazolin oder Naphazolin enthalten, welche die Blutgefäße in der Nasenschleimhaut verengen. Bei einer dauerhaften Behandlung von über einer Woche tritt allerdings der gegenteilige Effekt ein. Die Schleimhaut schwellen noch stärker an und die Nase scheint dauerhaft verstopft. Viele Patienten reagieren mit einer immer höheren Dosierungen, um überhaupt noch eine spürbare Wirkung zu erzielen und geraten so in die Gefahr der Abhängigkeit. In den meisten Fällen sind die Nebenwirkungen durch den dauerhaften Konsum der Arzneimittel jedoch weit schlimmer als das Suchtrisiko.

Auch pflanzliche Produkte nicht unbedingt harmlos
Die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer erklärte: „Rezeptfreie Medikamente sind zwar problemlos zu bekommen, unproblematisch sind sie aber nicht“. Und auch als „rein pflanzlich“ deklarierte Wirkstoffe, können keinesfalls grundsätzlich als harmlos gelten. So erläuterte Dr. Goesmann, dass „Johanniskrautprodukte zum Beispiel (…) die chemische Wirkung anderer Arzneien stark verändern (können) und (…) auf keinen Fall ohne Absprache mit dem Arzt oder Apotheker eingenommen werden“ sollten. Auch rezeptfreie Abführmitteln auf pflanzlicher Basis, zum Beispiel mit Sennesblättern, dürfen nach Aussage der Expertin ohne ärztliche Kontrolle nicht länger als zwei Wochen eingenommen werden. Andernfalls könne es zu chronischer Verstopfung kommen, da sich der Elektrolythaushalt verschiebt und mit dem dünnflüssigen Stuhl viel Kalium verloren geht, wodurch Lähmungen der Darmmuskulatur und entsprechende Verstopfungen auftreten können.

Kritisch: Steigender Konsum von Schlafmitteln
Ebenfalls mit Sorge betrachten die Fachleute den steigenden Konsum rezeptfrei erhältlicher Schlafmittel. Diese sollten in jedem Fall nur kurzfristige eingenommen werden, da die enthaltenen Wirkstoffe Diphenhydramin, Dimenhydrinat oder Doxylamin den Schlafrhythmus verändern und den Schlaf weniger erholsam machen. Sobald Schlafprobleme länger als maximal einen Monat andauern, mindestens dreimal in der Woche auftreten oder sich störend auf den persönlichen Alltag auswirken, ist die Hinzuziehung eines Fachmanns dringend erforderlich. Auch wenn pflanzliche Präparate mit Baldrian, Hopfen oder Melisse eine fast nebenwirkungsfreie Alternative sein, „wer dauerhaft unter Schlafstörungen leidet, sollte auf jedem Fall zum Arzt gehen», betonte Dr. Goesmann.

Riskante Wechselwirkungen mit anderen Arzneien
Zusätzlich zu den Nebenwirkungen warnten die Fachleute vor den Wechselwirkungen der rezeptfreien Präparate mit anderen Arzneimitteln. Zum Beispiel dürfen Herzinfarktpatienten, die ASS einnehmen, in keinem Fall Ibuprofen verwenden, da die Wirkung von ASS durch Ibuprofen aufgehoben wird. Außerdem ist bei der Verwendung rezeptfreier Arzneimittel bei Kindern besondere Vorsicht geboten. So sind nur rund 20 Prozent aller derzeit erhältlichen Medikamente nach dem Arzneimittelgesetz für junge Patienten zugelassen, wobei die richtige Dosierung ein besonderes Problem darstellt. Arzneimittel werden bei Kindern bisher überwiegend nach Erfahrungswerten dosiert, die in sogenannten pädiatrischen Dosistabellen aufgelistet sind. Auch Ärzte haben hier teilweise erhebliche Probleme, für die kleinen Patienten die richtige Dosis zu finden. So dürften Eltern, die ihre Kinder zu Hause in Eigentherapie behandeln, bei der Dosierung zahlreicher Präparate vor nahezu unlösbare Aufgaben gestellt sein. Daher raten die Fachleute bei der Selbstmedikation von Kindern ausschließlich Wirkstoffe zu verwendeten, die explizit als für Kinder geeignet ausgewiesen sind und entsprechende Dosierungshinweise im Beipackzettel angeben. „Ein paar abschwellende Nasentropfen oder auch ein Fieberzäpfchen können einem Kind (durchaus) Erleichterung verschaffen“ erklärte der Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Ulrich Fegeler, ergänzte jedoch: „Wichtig ist aber, dass sie nur einmalig gegeben werden.“ Sollten die Symptome sich anschließend nicht besser, „braucht man einen Arzt und auf keinen Fall weitere Medikamente“, betonte Dr. Fegeler. Schmerzmittel sind für Kinder aufgrund der zahlreichen Nebenwirkungen besonders kritisch und sie sollten diese generell erst bekommen, wenn die Schmerzursache geklärt ist.

Beratung in Apotheken gewinnt an Bedeutung
Die Deutschen zahlen nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) rund 70 Euro durchschnittlich pro Jahr aus eigener Tasche für Medikamente, die sie ohne Hinzuziehung eines Arztes einnehmen. So ziehen viele es vor, selber für die Kosten aufzukommen anstatt den Weg zum Arzt und die damit verbundene Praxisgebühr und Wartezeit in Kauf zu nehmen. Insbesondere für Erkältungen sind die Patienten dabei bereit einiges an Kosten auf sich zu nehmen. Insgesamt entsprechen die selbst finanzierten Summen einem Sechstel des gesamten Pro-Kopf-Umsatzes für Arzneimittel – mit steigender Tendenz. Jedes sechste Präparate wird demnach ohne vorherige ärztliche Untersuchung eingenommen. Damit kommt der Beratungsleistung in den Apotheke eine stark gewachsene Bedeutung zu, nicht nur in Bezug auf die Beratung zu den einzelnen Produkten sondern auch bezüglich der sinnvollen Behandlung vorliegender Erkrankungen. So „kann das Apotheken-Team wichtige Hinweise geben, ob ein Arztbesuch nötig ist“ oder nicht, erläuterte die Präsidentin der Bundesapothekerkammer, Erika Fink. (fp, 18.10.2010)