Riskante Krebstherapie mit HI-Viren bei Leukämie

Sebastian

Leukämiekrankes Mädchen durch veränderte Immunzellen gerettet

13.12.2012

US-amerikanischen Ärzte feiern dieser Tage einen Erfolg in der Krebs-Therapie: Die an Leukämie erkrankte Emily konnte durch ein experimentelles Therapieverfahren mit HI-Viren den Blutkrebs besiegen. Die hochriskante Krebstherapie war zuvor bereits an zehn Patienten getestet worden, jedoch mit durchwachsenem Erfolg. Bei dem siebenjährigen Mädchen schlug die Therapie mit den veränderten Immunzellen sehr gut an, nachdem zunächst lebensbedrohliche Nebenwirkungen aufgetreten waren. Ob das neue Verfahren einen Durchbruch in der Krebstherapie bedeutet, bleibt abzuwarten. Denn die HI-Viren bekämpften nicht bei allen Patienten erfolgreich die Krebszellen. Der Pharmakonzern Novartis witterte dennoch bereits im August eine große Chance in dem Therapieverfahren und hat sich die Rechte an der Kommerzialisierung gesichert. Bis es die Immuntherapie vom derzeitig experimentellen Stadium in der Praxis schafft, muss noch viel Forschungsarbeit geleistet werden, heißt es aus Fachkreisen.

Deaktivierte HI-Viren übermitteln Erbgut an T-Zellen
Auf der Jahrestagung der American Society of Hematology in Atlanta stelle Carl June Anfang der Woche den Fall der kleinen Emily vor, der jetzt als Sensation gefeiert wird. Dem Immunologen von der University of Pennsylvania und seinem Team gelang es, das Leben der an Akuter Lymphatischer Leukämie (ALL) leidenden Siebenjährigen durch eine experimentelle Therapie mit genetisch veränderten HI-Viren zu retten. Zuvor hatte keine Therapie gegen diese aggressive Form von Blutkrebs bei dem Mädchen angeschlagen.

Bei dem neuartigen Verfahren, das unter dem Namen CTL019 in Fachkreisen bekannt ist, werden körpereigene T-Zellen im Labor durch deaktivierte HI-Viren genetisch umprogrammiert, so dass sie in der Lage sind, kranken Zellen auszuschalten. Dabei bekämpfen die sogenannten CART-Zellen (chimäre Antigen-Rezeptor-T-Zellen) die B-Zellen im Körper des Patienten, zu denen auch die Blutkrebszellen gehören. „Damit die T-Zellen den Krebs angreifen, müssen wir ein neues Gen hinzufügen“, erklärte der behandelnde Arzt, Stephan Grupp gegenüber dem Nachrichtensender „ABC“. „Dieses Gen ermöglicht es den T-Zellen, ein Protein zu produzieren, das sie dazu bewegt, den Krebs zu bekämpfen. Damit dieses neue Gen in die T-Zellen eindringt, benutzen wir ein auf der Basis von HIV entwickeltes Virus.“ Dieses könne jedoch kein Krankheit auslösen. „Es ist unmöglich, HIV oder eine andere Infektion zu bekommen“, betonte der Experte für pädiatrische Onkologie.

Riskante Krebstherapie hat starke Nebenwirkungen
So vielversprechend die neue Therapie gegen Leukämie auch sein mag, ihre Nebenwirkungen können lebensbedrohlich sein. Nachdem Emily die veränderten T-Zellen eingepflanzt wurden, zeigte sie grippeähnliche Symptome. Ihr Zustand verschlimmerte sich zusehens dramatisch, so dass das Mädchen auf der Intensivstation behandelt werden musste. Ein ein Medikament, das bei rheumatoider Arthritis, eingesetzt wird, half Emily schließlich. Den Ärzten zufolge geht es Emily inzwischen gut. Untersuchungen des Knochenmarks hätten ergeben, dass sie heute frei von Krebszellen sei. Die T-Zellen, die den Blutkrebs bekämpfen, seien weiterhin im Blut des Kindes, was einen Rückfall verhindern soll.

Emily geht mittlerweile wieder zur Schule. Dennoch äußerte sich Grupp vorsichtig über den Gesundheitszustand der Siebenjährigen. „Laut Testergebnissen hat sie derzeit keine Leukämie – das ergaben auch die sensibelsten Tests“, erklärte der Mediziner. „Wir müssen die Entwicklung der nächsten Jahre abwarten, bevor wir sagen können, ob sie geheilt ist oder nicht. Noch ist es dafür zu früh.“

Wie June auf dem Kongress berichtete, gab es neben Emily auch weitere Erfolge. Die Blutkrebszellen seien bei zwei von drei Patienten mit chronischer Leukämie vollständig verdrängt worden. Bei dem dritten Patienten sei dies immerhin teilweise gelungen. Bei einem weiteren Kind schien die CTL019-Therapie zunächst zu wirken. Es erlitt jedoch nach kurzer Zeit einen Rückfall. Ähnlich erging es vier weiteren Patienten, deren Zustand sich zwar durch die Therapie verbesserte, aber dennoch nicht ausreichend viele Krebszellen vernichtet werden konnten. In zwei Fällen schlug die Therapie gar nicht an.

Der Pharmakonzern Novartis setzt große Hoffnungen in das neue Therapieverfahren. Das Unternehmen gründete im August eine Forschungsallianz mit der Pennsylvania University sowie das „Center for Advanced Cellular Therapies“ in Philadelphia. Novartis hält seitdem die Rechte an der Kommerzialisierung CART-Immuntherapie. Kritiker sehen darin jedoch eine Gefährdung in der Unabhängigkeit der Forschung. (sb)

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Bild: Gerd Altmann / pixelio.de (Bild ist eine Nachzeichnung)