Rote Liste: Artenschwund bedroht auch Menschen

Astrid Goldmayer

Rote Liste: Artenschwund bedroht immer stärker menschliche Existenz

21.06.2012

Umweltschützer haben kurz vor Beginn des Uno-Gipfels Rio+20 die sogenannte Rote Liste der bedrohten Tier- und Pflanzenarten vorgelegt. Die Weltnaturschutzunion International Union for Conservation of Nature (IUCN) berichtete am Dienstag von knapp 20.000 bedrohten Arten. Insgesamt wurden fast 64.000 Tier- und Pflanzenarten untersucht. Demnach ist jede dritte Art vom Aussterben bedroht. Doch nicht nur die Arten selbst sind gefährdet sondern auch die Existenz vieler Menschen, wie die Forscher berichten.

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„Nachhaltigkeit ist eine Frage von Leben und Tod für die Menschen auf unserem Planeten"
Durch die Bedrohung vieler Tier- und Pflanzenarten ist auch die menschliche Existenz gefährdet, denn sie sind die Quelle zahlreicher Medikamente, Nahrung und sauberen Wassers, so die Umweltschützer. „Nachhaltigkeit ist eine Frage von Leben und Tod für die Menschen auf unserem Planeten", warnte IUCN-Chefin Julia Marton-Lefèvre. „Eine nachhaltige Zukunft kann nicht erreicht werden, ohne die Artenvielfalt zu erhalten – die Tier- und Pflanzenarten, ihre Lebensräume und ihre Gene." Das betreffe nicht nur die Natur sondern auch die Menschen, die von ihr abhängig seien.

Laut der Roten Liste sind derzeit 33 Prozent der riffbildenden Korallen, 25 Prozent der Säugetiere, 41 Prozent der Amphibien, 13 Prozent der Vögel sowie jede fünfte Pflanzenart bedroht. Welche Auswirkungen das auf die Menschen hat, ist erst auf den zweiten Blick erkennbar. So stellen Korallenriffe ein eigenes hochkomplexes Ökosystem dar, dass vielen Meeresbewohnern Schutz bietet. Mit dem Absterben der Korallen wird eine Kettenreaktion ausgelöst, durch die früher oder später auch andere Riffbewohner sterben. Der größte Feind der Korallen ist die Temperatur, denn sie leben in symbiotischer Gemeinschaft mit kleinen Algen, von denen sie sich ernähren. Da die Algen jedoch sehr temperaturempfindlich sind und bei zu hohen Temperaturen Giftstoffe produzieren, wird den Korallen durch die globale Erwärmung die Lebensgrundlage entzogen. Sie sterben ab. Ein weiteres Problem stellt die Versauerung der Meere dar. Ein großer Teil der durch den Menschen verursachten Kohlendioxidemissionen gelangt auch in die Meere. Da die Korallen aus Kalkgerüsten bestehen, kommt es durch das Kohlendioxid zum Auflösen der Skelette beziehungsweise wird ihre Neubildung verhindert.

So wie den Korallen ergeht es vielen Tier- und Pflanzenarten, denen die Existenzgrundlage durch menschliches Eingreifen entzogen wird. Paradoxerweise schadet der Mensch damit nicht nur den Arten sondern auch sich selbst. Laut der IUCN basiert sogar in Industrieländern wie den USA die Hälfte der meist verschriebenen Medikamente auf Stoffen, die von wilden Pflanzen oder Tieren gewonnen werden. Mehr als 70.000 verschiedene Pflanzen würden im Bereich der traditionellen oder Schulmedizin zum Einsatz kommen. Auch Amphibien seien unverzichtbar bei der Entwicklung neuer Medikamente, da viele Basisstoffe aus der Haut von Fröschen gewonnen würden. Ein einziger erwachsener Laubbaum produziere etwa so viel Sauerstoff, dass er für zehn Menschen ausreiche. Vielleicht braucht es Beispiele wie diese, um zu begreifen, dass der Mensch nur im Einklang mit der Natur überleben kann.

Rote Liste wächst ständig
Zu den Tieren, die neu auf die Rote Liste gesetzt wurden, zählen der Tintenfisch Sepia apama, die Springaffe Callicebus caquetensis und der Schwarzleguan Ctenosaura nolascensis. Die südostasiatische Kobra Naja siamensis wurde von bedroht zu stark bedroht hochgestuft.

Zu den positiven Meldungen der Umweltschützer gehörte die Wiederentdeckung eines als ausgestorben geltenden Frosches in Israel. Discoglossus nigriventer (weiß gepunkteter Israelischer Scheibenzüngler) hat nun den Status „stark vom Aussterben bedroht“ auf der Roten Liste.

„Die meisten Gründe für den Verlust der Artenvielfalt sind wirtschaftlicher Natur", erklärt Simon Stuart, Leiter der IUCN Species Survival Commission. Der Klimawandel sowie eingeschleppte Arten seien nur schwer beziehungsweise gar nicht umkehrbar. Als Beispiel nannte er die vom Amazonas stammende Dickstielige Wasserhyazinthe (Eichhornia crassipes), die sich in afrikanischen Gewässern verbreitet und dort einen massiven wirtschaftlichen Schaden von jährlich rund hundert Millionen Dollar verursacht. Die Trinkwasserversorgung, Transport und Fischerei seien vor allem betroffen. (ag)

Bild: Maren Beßler / pixelio.de