Rückkehr der Geschlechtskrankheit Syphilis

Sebastian

Experten warnen vor steigenden Zahlen sexuell übertragbarer Krankheiten

08.11.2013

Europaweit nimmt die Zahl der Infektionen mit Geschlechtskrankheiten zu. Experten warnen jedoch vor Restriktionen für Prostituierte. Diese könnten das Problem sogar noch verschärfen, weil die Betroffenen in den Untergrund gedrängt würden. Im Rahmen einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für sexuell übertragbare Krankheiten (DSTIG) in Köln diskutieren Gesundheitsexperten derzeit über Lösungsansätze.

Restriktionen für Prostituierte und Strafen gegen Freier würden das Problem nur verschlimmern
„Es ist immer die sexuelle Aktivität und das Fehlen von Schutzmaßnahmen, beispielsweise des Kondoms, die das Infektionsrisiko steigen lässt", erklärte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für sexuell übertragbare Krankheiten (DSTIG), Norbert H. Brockmeyer, anlässlich einer Tagung gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Der Wissenschaftler warnt davor, Restriktionen für Sexarbeiterinnen und eine Strafverfolgung für Freier durchzusetzen. „Alles was gegen Liberalisierung im Bereich der Prostitution arbeitet, wird die Situation deutlich verschlechtern. Damit schicken sie die Leute in den Untergrund."

Brockmeyer, Experte für Geschlechtskrankheiten an der Universitätshautklinik Bochum, spricht sich für einen vorurteilsfreien und nicht diskriminierenden Umgang mit Sexualität und sexuell übertragbaren Erkrankungen aus. „Wenn wir von unserem Vorgehen bei der HIV-Infektion lernen wollen, dann sehen wir, dass alle Staaten, die versucht haben, über Zwangsmaßnahmen die HIV-Epidemiologie einzudämmen, dramatische Zuwächse an Infektionen hatten." Ähnlich schätzt der DSTIG-Präsident auch die Folgen für Deutschland ein, wenn Sexarbeiterinnen und Freier bestraft oder noch stärkerer Stigmatisierung ausgesetzt würden.

Zahl der Neuinfektionen mit Syphilis, Chlamydien und anderen Geschlechtskrankheiten steigt weiter an
Europaweit steigen die Zahlen der Neuinfektionen mit sexuell übertragbaren Krankheiten an. Die DSTIG geht von rund 80.000 Infektionen mit humanen Papillomviren pro Jahr aus. Die Viren können Gebärmutterhalskrebs verursachen. Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren können sich jedoch dagegen impfen lassen. Etwa 100.000 bakterielle Infektionen mit Chlamydien treten der DSTIG zufolge zudem pro Jahr in Deutschland auf. Die Bakterien können bei Männern und Frauen Unfruchtbarkeit verursachen.

Wie das Robert Koch-Instituts (RKI) informiert sei auch ein Anstieg der Syphilis-Fälle zu verzeichnen. Bundesweit wurde 2012 19 Prozent mehr Infektionen – insgesamt 4410 Erkrankungen – registriert als im Vorjahr. In vier von fünf Fällen soll die Übertragung bei sexuellen Kontakten zwischen Männern erfolgt sein. Die Zahl der Ansteckungen bei Prostituierten ist Angaben des RKI zufolge konstant geblieben. „Auch hier müssen wir das Risikoverhalten betrachten und keine Scheindebatte über Prostitution führen", erläuterte Brockmeyer. Infektionen würden auch in Swinger-Clubs beobachtet.

Vor allem bei jungen Erwachsenen, die sich in ihrer sexuellen Findungsphase befänden, würde eine Zunahme der Infektionen verzeichnet werden. „Hier müssen wir in Deutschland viel mehr Aufklärungsarbeit leisten", fordert Brockmeyer.

Die DSTIG spricht mittlerweile von einem Comeback der sexuell übertragbaren Krankheiten. Nachdem es nach der HIV-Epidemie zu einem Rückgang kam, warnen die Experten heute vor einem weiteren Anstieg bei den Geschlechtskrankheiten. Dabei bleiben die HIV-Infektionen mit durchschnittlich 3.000 Neuerkranken pro Jahr konstant. Seit etwa zehn Jahre treten jedoch andere Erkrankungen, die durch sexuelle Kontakte übertragen werden, vermehrt auf.

Aufklärung über sexuell übertragbare Krankheiten verbessern
Der der Präsident der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), Rudolf Stadler, fordert eine bessere Aufklärung über Geschlechtskrankheiten. Ein wesentlicher Faktor bei der Prävention von sexuell übertragbaren Krankheiten ist Stadler zufolge ist das Wissen über Ansteckung und Folgen. Hier bestünden erhebliche Defizite. Nicht selten würden Geschlechtskrankheiten beispielsweise aus dem Urlaub mitgebracht.

In Deutschland werde eine eine kontinuierliche Informationspolitik benötigt, erklärte der DDG-Präseident im Frühjahr gegenüber der Nachrichtenagentur. Die Aufklärungsarbeit betreffe dabei nicht nur Schulen, sondern auch die Arztpraxen. In Arzt-Patienten-Gesprächen müsste auch die sexuelle Gesundheit thematisiert werden. Das gelte für Dermatologen, als auch für Gynäkologen, Urologen und Hausärzte, so Stadler. (sb)

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