Salzmythen: Salziges Essen ist doch kein Durst-Auslöser

Alfred Domke
Eine Prise Salz gegen den Durst
Zu viel salziges Essen gefährdet die Gesundheit. Zudem wird man davon schnell sehr durstig. Letzteres stimmt aber offenbar gar nicht. In wissenschaftlichen Untersuchungen zeigte sich, dass sich bei Raumfahrern das Durstgefühl durch mehr Salz im Essen sogar reduzierte – der Hunger stieg dadurch jedoch.

Zu viel Salz gefährdet die Gesundheit
Mediziner warnen immer wieder: Salziges Essen gefährdet die Gesundheit. Ein hoher Salzkonsum kann unter anderem zu gesundheitlichen Problemen wie Bluthochdruck und weiteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Langfristig steigt dadurch auch die Gefahr für Herzinfarkt und Schlaganfall. Zudem schädigt zu viel Salz unser Immunsystem. Und nicht zuletzt führt salziges Essen zu einem starken Durstgefühl. Doch letzteres stimmt offenbar gar nicht, wie Forscher nun berichten.

Salziges Essen erhöht das Durstgefühl. So die Alltagserfahrung. Wissenschaftler haben diese Binsenweisheit nun jedoch widerlegt. Ein erhöhter Salzkonsum führt demnach nicht dazu, dass man mehr trinkt.
(Bild: Andrey_Arkusha/fotolia.com)

Binsenweisheit widerlegt
Chips und Erdnüsse zum Knabbern und schon steigt der Durst. Vor allem vor dem Fernseher kann man diese Alltagserfahrung immer wieder machen. Dass man von salzigem Essen mehr trinken muss, ist laut Wissenschaftlern jedoch eine Binsenweisheit, die nun widerlegt wurde.

Zwei neue Studien zeigen nämlich genau das Gegenteil.

Wie Salz im Essen das Trinkverhalten beeinflusst, wurde nie in einer Langzeitstudie überprüft, heißt es in einer Mitteilung der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

Bekannt war bisher lediglich, dass mehr Salz in der Nahrung die Produktion von Urin stimuliert. Diese zusätzliche Flüssigkeit stammt aus Getränken – so die These.

Experimente während simulierter Marsmission
Weit gefehlt! sagt nun ein Forschungsteam vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC), der Universität Erlangen-Nürnberg, der Vanderbilt University in den USA und weiteren internationalen Kolleginnen und Kollegen.

Sie überprüften die alte Weisheit während einer simulierten Marsmission, und stellen ihre Ergebnisse nun in der aktuellen Ausgabe des „Journal of Clinical Investigation“ vor.

Es zeigte sich, dass „Kosmonauten“, die dabei mehr Salz zu essen bekamen, mehr Wasser im Körper erzeugten, weniger tranken und mehr Energie benötigten.

Salz hat natürlich nichts direkt mit dem Mars zu tun. Wollten Menschen zum Roten Planeten reisen, wäre zwar jeder Tropfen Trinkwasser kostbar und eine Prise Salz im Essen dürfte die Mission nicht gefährden.

Wirklich interessant war die Simulation jedoch, weil so Ernährung, Wasser- und Salzaufnahme streng kontrolliert und gemessen werden konnten.

Dr. Natalia Rakova und ihr Team von der Charité und dem MDC führte zwei unabhängige Studien an zehn männliche Freiwilligen durch. Die Probanden waren über einen Zeitraum von entweder 105 oder 205 Tagen in einer Raumschiff-Attrappe eingeschlossen.

Sämtliche Teilnehmer hatten absolut identische Speisepläne. Im Laufe der Wochen veränderte das Forschungsteam dann stufenweise den Salzgehalt in der Nahrung.

Salz verstärkt kurzfristig den Durst
Bei dem Experiment bestätigte sich, dass Salz kurzfristig den Durst verstärkt. Mehr Salz im Essen führt auch zu einer höheren Salzkonzentration im Harn und einer höheren Gesamtmenge Urin – das war nicht weiter überraschend.

Doch die größere Menge Flüssigkeit stammte nicht aus Getränken. Die Probanden tranken sogar insgesamt weniger, wenn sie mehr Salz zu sich nahmen. Das Salz löste in den Nieren einen Wasserspar-Mechanismus aus.

Bisher galt, dass die Natrium- und Chlorid-Ionen, aus denen Salz besteht, an Wassermoleküle binden und diese in den Harn ziehen. Doch die neuen Ergebnisse zeigten, dass das Salz im Harn bleibt, während das Wasser in die Niere und Körper zurücktransportiert wird.

Das überraschte das Team um Jens Titze, Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg und am Vanderbilt University Medical Center. „Was könnte die Kraft sein, die das Wasser zurück in den Körper treibt“, fragte er sich.

Mehr Hunger durch salziges Essen
Versuche an Mäusen zeigten dann, dass die Substanz Harnstoff (Urea) daran beteiligt sein könnte. Mit Hilfe dieses Stoffes entsorgen Muskeln und Leber Stickstoff. In der Niere der Mäuse sammelte sich Harnstoff und wirkte dort der Wasser-bindenden Kraft von Natrium und Chlorid entgegen.

Die Synthese von Harnstoff kostet jedoch viel Energie. Mäuse, denen salzigere Nahrung verabreicht wurde, hatten größeren Hunger, tranken aber nicht mehr. Auch die menschlichen „Kosmonauten“, die salziges Essen bekamen, klagten über Hunger.

Laut den Wissenschaftlern lassen die neuen Erkenntnisse die Rolle des Harnstoffs in neuem Licht erscheinen. „Harnstoff ist nicht nur ein Abfallprodukt, wie wir bisher angenommen hatten“, so Prof. Friedrich C. Luft von der Charité und dem MDC.

„Stattdessen erweist er sich als ein sehr wichtiger Osmolyt – das ist eine Verbindung, die Wasser an sich bindet und so hilft, es zu transportieren. Harnstoff hält das Wasser im Körper, wenn wir Salz ausscheiden. So wird das Wasser zurückgehalten, das sonst durch das Salz in den Urin hineingetragen würde. “

Das Gleichgewicht von Wasser im Körper (Wasserhomöostase) ist auch für das Leben hier auf der Erde wichtig. „Wir müssen diesen Vorgang als eine gemeinsame Anstrengung der Leber, der Muskeln und der Nieren sehen“, sagte Titze.

„In der Studie haben wir den Einfluss auf den Blutdruck und andere Aspekte des Herz-Kreislauf-Systems nicht direkt untersucht. Ihre Funktionen sind aber eng mit der Wasserhomöostase und dem Energiestoffwechsel verbunden.“ (ad)