Schizophrenie Arzneien wirken mit Nebenwirkungen

Sebastian

Schizophrenie: Metastudie zeigt geringere psychotische Rückfallrate

03.05.2012

Medikamente bei Schizophrenie weisen starke Nebenwirkungen auf, weshalb Psychiater die Arzneien zur Rückfallprophylaxe nicht immer verschreiben. Eine neue Metastudie untersuchte die Rückfallquote mit und ohne Medikamente. Die Ergebnisse zeigten, dass die Mittel anscheinend Rückfälle verhindern können. Allerdings konnte die Metaanlyse jeweils nur einen Studien-Zeitrahmen von zwei Jahren untersuchen. Forschungen zu Langzeiteffekten fehlen noch immer.

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Massive Nebenwirkungen von Antipsychotika
Leidet ein Patient akut an einer Psychose, wird jeder Facharzt für Psychiatrie trotz Nebenwirkungen Medikamente einsetzen, um die wahnhaften Symptome zu lindern. In der modernen Psychiatrie werden daher spezielle Antipsychotika verabreicht, um die bislang schwerste psychische Erkrankung zu therapieren. Die Verordnung fällt Psychiatern im Moment der anbahnenden Psychose leicht. Soll aber ein Rückfall vermieden werden, wird aufgrund der zum Teil schwerwiegenden Begleiterscheinungen nicht immer ein Präparat dem Betroffenen verabreicht.

Je nach Medikament können attypische Antipsychotika beträchtliche Gewichtszunahmen verursachen. Bei einigen Arzneien wurde die Entstehung des sogenannten metabolischen Syndroms beobachtet. Das Syndrom ist gekennzeichnet durch Übergewicht, hohen Blutfettwerten sowie einem deutlich vergrößerten Bauchumfang. Ein metabolisches Syndrom kann zu Folgeerkrankungen wie Diabetes, Schlaganfall oder Herzinfarkt führen. Bei den älteren, konventionellen Antipsychotika kommt es nicht selten zu Störungen des Bewegungsablaufs. Die Betroffenen fühlen zum Beispiel einen steifen Rücken und empfinden sich als nicht mehr beweglich genug. Zudem können nach Jahren der Einnahme Bewegungsstörungen der Gesichtsmuskulatur und willkürliche Bewegungen der Extremitäten auftreten. Leiden Patienten an einer bipolaren Erkrankung, sind sie für motorische Begleiterscheinungen sehr anfällig. Einige Langzeitstudien weisen sogar auf ein erhöhtes Sterberisiko hin.

Die Betroffenen befinden sich jedoch in einem Dilemma. Werden die Medikamente nicht weiter eingenommen, steigt auch die Gefahr, einen Rückfall zu erleiden. Allerdings weisen einige Forschungsarbeiten daraufhin, dass bei weitem nicht alle Patienten ohne Arzneimittelverordnung rückfällig werden. Zusätzlich verursachen die Langzeitmittel den Gesundheitssystemen weltweit Kosten in Milliardenhöhe. Schätzungen gehen davon aus, dass die Höhe der Ausgaben für Antipsychotische Medikamente weltweit bei rund 18,5 Milliarden Dollar liegen.

Medikamente senkten Rückfallhäufigkeit
Unter der Leitung des Wissenschaftlers Stefan Leucht untersuchte ein Forscherteam der Technischen Universität München (TU) die Rückfallhäufigkeit mit und ohne Arzneimittel. Dabei analysierten sie die Daten aus 116 methodischen Studien von rund 6500 Schizophrenie-Patienten. Die Daten stammten je nach Herkunft aus den Jahren 1959 bis 2011. Die Studienergebnisse wurden im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht und stützen nunmehr den Einsatz von Medikamenten zur Rückfallprophylaxe.

Bei der Auswertung zeigte sich, dass Patienten bei Einnahme eines Präparates eine Rückfallhäufigkeit von 27 Prozent aufwiesen. Patienten die keinen Wirkstoff verabreicht bekamen, erlitten in Folge in 64 Prozent der Fällen einen psychotischen Rückfall. Zudem mussten Patienten, denen ein Mittel verabreicht wurde, wesentlich weniger stationär in eine Klinik aufgenommen werden, als Patienten ohne antipsychotische Medikamente. Hier lag die vergleichbare klinische Aufnahmequote bei 10 zu 26 Prozent.

Einige Daten weisen zudem daraufhin, dass während der Medikation aggressive Impulsausbrüche nachließen und die Lebensqualität sich insgesamt steigerte. Allerdings seien diese Ergebnisse nur mit Vorbehalt zu betrachten, da die Belege hierfür nach Aussagen der Forscher begrenzt seien.

Probanden, die ein Arzneimittel einnahmen, zeigten im Gegensatz zu den Placebo-Gruppen verstärkt auch Nebenwirkungen. Demnach klagten sie wesentlich häufiger unter Bewegungsstörungen (16 zu neun Prozent), Müdigkeit (13 zu neun Prozent) und drastischer Gewichtszunahme (zehn zu sechs Prozent).

Wirkung der Arzneien lassen mit der Zeit nach
Auffällig war, dass laut Datenlage die Wirksamkeit der Arzneien mit der Zeit nachließen. Zwar sprechen die Ergebnisse der Metaanalyse dafür, dass die medikamentöse Prophylaxe sich als wirksam erwies, allerdings verfolgten die Studien die Probanden nur maximal zwei Jahre. Vor dem Hintergrund der zeitlich begrenzten Wirksamkeit bleiben zahlreiche Fragen weiterhin offen. Denn die Erkrankung bleibt ein Leben lang für die Betroffenen bestehen. Dadurch war es während der Forschungsarbeit unmöglich, auch die Langzeiteffekte in Sachen Wirksamkeit und Nebenwirkungen zu untersuchen.

Der Streit zwischen Psychiatern wird daher weiterhin bestehen bleiben, da der Erfolg der Medikation nur schwer messbar ist. Zudem konzentrieren sich Ärzte meist auf die Linderung psychotischer Beschwerden. Schizophrenie-Geplagte leiden aber auch unter kognitiven Störungen und Beeinträchtigungen ihrer sozialen Fähigkeiten. Eine vollständige Heilung existiert es bis heute nicht. (sb)

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