Schizotypie: Schaffenskraft des kreativen Wahnsinns

Fabian Peters

Welches kreative Potenzial bergen psychische Störungen?

Psychische Störungen werden allgemein vor allem mit Nachteilen für die Betroffenen in Zusammenhang gebracht. Doch wurden „viele bahnbrechende Innovationen der Geschichte von Menschen geschaffen, die nach heutigem Wissensstand mit einer psychischen Störung diagnostiziert werden würden“, so die aktuelle Mitteilung der Hochschule für Künste Bremen (HfK Bremen).


Das Persönlichkeitsbild von Menschen mit skurrilem, exzentrischem oder gleichgültigem Verhalten und wenig ausgeprägten sozialen Fähigkeiten wird als schizotyp bezeichnet. Einige von ihnen wählen laut Angaben der HfK Bremen einen kreativen Beruf und so wird einer Reihe von Komponisten, Schriftstellern, Malern oder Wissenschaftlern eine schizotype Störung nachgesagt. Dies gelte beispielsweise für Vincent van Gogh, Camille Claudel, Marie Curie, Alan Turing oder Virginia Woolff. Vom 18. bis 21. Januar wird sich die Konferenz „Schizotopia“ an der HfK Bremen mit der Schizotypie als kreative Kraft beschäftigen.

Welche kreative Schaffenskraft bringen psychische Störungen mit sich? (Bild: psdesign1/fotolia.com)

Kreative und produktive Ideen aus dem Abnormalen extrahieren

Alle genannten Charaktere passen in das Klischee des sogenannten „verrückten Genies“. Einerseits von der Gesellschaft als funktionsunfähig deklariert, ruhe in diesen Persönlichkeiten andererseits eine innovative, kreative Kraft, so die Mitteilung der HfK. Auf der kommenden Konferenz soll die gesellschaftliche Vorstellungen zur menschlichen Psyche hinterfragt werden und eine öffentliche Debatte der Werte wie Standardisierung und Normalität erfolgen. Dabei stelle sich auch die Frage, wie man kreative und produktive Ideen aus dem Abnormalen extrahieren kann und welche Perspektiven sich der Gesellschaft bieten, wenn sie sich schizotypen Verhaltensweisen öffnet.

Verbindung unterschiedlicher Disziplinen

Auf dem Kongress werden zahlreiche Expertinnen und Experten aus Medizin, Philosophie, Kunstgeschichte und Design für Workshops, Performances und Happenings zusammentreffen, um sich der kreativen Schaffenskraft der Schizotypie zu widmen. „Durch die Verbindung unterschiedlicher Disziplinen wollen wir eine neue Grundlage und neues Potenzial für die Entwicklung eines kollektiven Prozesses im Grafikdesign schaffen“, erläutert Samuel Nyholm, HfK-Professor für Illustration und Projektleiter. Dies geschehe „pendelnd zwischen Struktur und Chaos, exzessiver Normalität und Disziplin, Verwirrung und instinktiver Kreation.“

Schizotypie ist eine Qualität

„Für uns ist Schizotypie kein negatives Label, wie es von der Allgemeinheit oft dargestellt wird, sondern eine Qualität, die jeder von uns in unterschiedlicher Ausprägung in sich trägt“, so Prof. Nyholm. Ein Herzstück der Konferenz stelle der Bau einer Schizo-Maschine dar, zusammengesetzt aus sechs Einzelkonstruktionen der teilnehmenden Hochschulen, die miteinander verbunden sind. Die Idee gehe auf ein Phänomen zurück, dass der Psychoanalytiker Viktor Tausk („Influencing Machine“, 1919) beschriebenen hat. So hätten viele Patienten mit diagnostizierter Schizophrenie wiederholt berichtet, dass ein sich stets auf dem neusten Stand der Technik befindender Mechanismus als eine externe, bösartige Kontrollkraft über sie wache und die Gedanken und das Verhalten manipuliere.

„Schizo-Maschine“ kontrolliert das Denken

Diese „Schizo-Maschine“ kann laut Schilderung der Betroffenen auch Bilder projizieren oder Gedanken pflanzen – Symptome, die mit Schizophrenie assoziiert werden. „Wo Tausk in der Maschine eine Metapher für die Krankheit des Geistes gefunden hatte, sahen Gilles Deleuze und Felix Guattari in den frühen 70er Jahren die Maschine als ein Potential und die vermeintliche Krankheit als neuen Weg zu Austausch und Interaktion“, erläutert die HfK Bremen weiter. Der Austausch und die Interaktion werden auch bei der kommenden Konferenz im Vordergrund stehen. (fp)