Schlaganfall: Bislang unbekannte Risikofaktoren identifiziert

Alfred Domke
In einer Megastudie wurden die genetischen Daten von rund 500.000 Probanden untersucht, um die Ursachen für einen Schlaganfall im Erbgut zu finden.

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Hinweise auf bislang unbekannte Mechanismen die einen Schlaganfall auslösen

Obwohl Schlaganfall weltweit die Todesursache Nummer zwei ist, sind die molekularen Mechanismen und möglichen genetischen Ursachen der Gefäßkrankheit bisher noch nicht ausreichend erforscht. In einer Megastudie haben Wissenschaftler nun neue Erkenntnisse zur Entstehung des Schlaganfalls gewonnen.

In einer Metaanalyse haben Forscher die genetischen Daten von über einer halben Million Studienteilnehmern untersucht, um die Ursachen für einen Schlaganfall im Erbgut zu finden. (Bild: psdesign1/fotolia.com)

Hirninfarkt-Risiko reduzieren

In Deutschland erleiden jährlich rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Der sogenannte Hirninfarkt ist eine der häufigsten Todesursachen hierzulande.

Es ist zwar bekannt, dass man die Schlaganfall-Gefahr durch einen gesunden Lebensstil mit gesunder Ernährung, körperlichen Aktivitäten, dem Vermeiden von Übergewicht und normalen Cholesterin-Werten sowie dem Vorbeugen bestimmter Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Vorhofflimmern und Fettstoffwechselstörungen reduzieren kann, aber die molekularen Mechanismen und möglichen genetischen Ursachen des Hirninfarkts sind bisher noch nicht ausreichend erforscht.

Das internationale Forschungskonsortium „Megastroke“ hat nun in einer genomweiten Assoziation-Studie das Erbgut von mehr als 520.000 Probanden auf mögliche genetische Risikofaktoren untersucht.

Die Analyse zeigt insgesamt 32 Genorte, die mit Schlaganfall in Verbindung stehen – rund dreimal so viele, wie bisher bekannt, berichtet die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München in einer Mitteilung.

Genetische Prädisposition für Schlaganfall

„Megastroke“ ist die weltweit bislang größte Untersuchung ihrer Art zur genetischen Prädisposition für Schlaganfall.

Forschungsgruppen um Martin Dichgans, Professor für Neurologie, Direktor des Instituts für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) an der LMU sowie Forscher am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), und die Epidemiologie-Professorin Stephanie Debette von der Universität Bordeaux haben die Studie koordiniert, an der sich rund 180 Einrichtungen beteiligt haben.

Im Rahmen der Meta-Analyse wurden Daten aus nahezu 30 großen Studien auswertet. Von den gut einer halben Million Probanden, deren Daten in die Studie eingingen, waren etwa 67.000 Schlaganfallpatienten.

Die Ergebnisse sind vor kurzem im Fachblatt „Nature Genetics“ erschienen.

Veränderungen in verschiedenen Teilen des Gefäßsystems

Schlaganfälle können ausgelöst werden durch Veränderungen in verschiedenen Teilen des Gefäßsystems: in den großen Arterien und den kleinen Gefäßen, dem Herzen und den venösen Gefäßen.

„Aus der Untersuchung haben wir viel gelernt über die genetische Architektur, die der Entstehung des Schlaganfalls zugrunde liegt“, sagte Martin Dichgans.

Die Forscher fanden heraus, dass viele der 32 Genorte in Teilen mit Erbgutabschnitten übereinstimmen, die mit anderen Erkrankungen assoziiert sind wie Bluthochdruck, Hyperlipidämie, Vorhofflimmern, koronarer Herzkrankheit und venösen Thrombosen.

Genvarianten also, die beispielsweise zu Bluthochdruck führen, kommen auch als Auslöser eines Schlaganfalls in Frage.

Da die Daten von Studien aus aller Welt stammen, können die Wissenschaftler auch zeigen, dass sich die Gewichtung der Risikofaktoren in verschiedenen Ethnien leicht unterscheidet.

Hinweis auf neue, bislang unbekannte Mechanismen

„Überraschend ist, dass sich für die Hälfte der 22 neu gefundenen Genorte keine Überlappung zu bisher bekannten Risikofaktoren finden lässt“, so Dichgans.

Das deutet auf neue, bislang unbekannte Mechanismen hin, die einen Schlaganfall auslösen – und womöglich auf Zielpunkte neuer Therapien. Die Forscher fanden auch gemeinsame genetische Risikofaktoren für die beiden Hauptformen des Schlaganfalls.

Sie fanden Überlappungen der Genorte, die zum Risiko für einen Schlaganfall infolge eines Gefäßverschlusses beitragen, und solcher, die mit dem Riss eines Blutgefäßes assoziiert sind.

Das deutet auf gemeinsame Entstehungsmechanismen hin, unabhängig von bekannten Risikofaktoren, wie beispielsweise einem Bluthochdruck.

Erster Schritt zu einer personalisierten Behandlung

Indem sie die Untersuchungen um Daten zur Expression von Genen und Proteinen und anderen Charakteristika verschiedenster Zelltypen und Gewebe ergänzten, die Wissenschaftler der beteiligten Institutionen zusammengetragen hatten, konnten die Forscher erste Einblicke gewinnen, welche Gene, molekularen Mechanismen und Zelltypen das genetische Schlaganfall-Risiko der jetzt gefundenen Genorte ausmachen.

Ein Teil der 32 Genorte zeigte Überlappungen mit Bereichen, deren Genprodukte Angriffspunkte zweier gängiger antithrombotischer Therapeutika sind: einem Plasminogenaktivator, der in den Abbau von Blutgerinnseln involviert ist, und einem Wirkstoff, der die Zusammenballung der Blutplättchen zu Gerinnseln hemmt.

„Diese Befunde belegen die Bedeutung genetischer Studien für die Medikamententwicklung“, sagte Dr. Rainer Malik vom ISD, einer der Erstautoren der Studie.

Überhaupt ließen sich die Ergebnisse der Studie laut dem Experten „als ein erster Schritt zu einer personalisierten, evidenzbasierten Behandlung dieser hochkomplexen Erkrankung“ sehen. (ad)