Schlaganfall: Frauen öfter betroffen

Heilpraxisnet

Schlaganfall: Frauen entgegen gängiger Meinung häufiger betroffen als Männer

15.12.2014

Für gewöhnlich gelten Männer im Rentenalter, die mit Übergewicht, Diabetes und hohen Cholesterinwerten zu kämpfen haben, als die übliche Risikogruppe für Hirninfarkte. Dabei täuscht dieses gängige Klischee über die Tatsache hinweg, dass Frauen häufiger von Schlaganfällen betroffen sind als Männer. „55 Prozent der jährlich rund 270.000 Schlaganfälle hierzulande treten bei ihnen auf“, erklärt Prof. Thomas Els, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Marien-Krankenhaus Bergisch Gladbach. „Überdies gelangen weibliche Patienten später in die rettende Notaufnahme als männliche. Und sie bleiben danach häufiger pflegebedürftig“, so der Mediziner.

Und das, obwohl Frauen durch ihr Geschlecht eigentlich besser geschützt sind als Männer: „Die weiblichen Sexualhormone erweitern die Arterien und beugen Gefäßablagerungen vor. Deshalb haben Frauen bis zu den Wechseljahren seltener mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu tun als Männer“, erklärt Thomas Els.

Frauen vor allem nach der Menopause stärker gefährdet
Dennoch wird die Situation noch dadurch verschärft, dass die Symptome bei Frauen häufig sehr unspezifisch sind und Schlaganfälle deshalb häufig erst mit Verspätung diagnostiziert werden. Nicht selten wird ein Schlaganfall von den Betroffenen fälschlicherweise mit den Kopfschmerzen eines Migräneanfalls verwechselt.

Mit zunehmendem Alter schwindet dann auch der hormonelle Vorteil gegenüber den Männern. Nach der Menopause sind Frauen sogar stärker von auslösenden Risiken betroffen als Männer. So erhöht etwa das Rauchen bei Frauen das Risiko eines Schlaganfalls um das Dreifache und liegt damit doppelt so hoch wie bei den Männern. Und auch Diabetes und Bluthochdruck gefährden Frauen in weit höherem Maße als Männer.

Und auch das Vorhofflimmern ist bei Frauen über 65 deutlich häufiger festzustellen als bei Männern. In solchen Fällen werden in der Regel blutgerinnungshemmende Medikamente verschrieben.
Diese Erkenntnisse haben in den USA dazu geführt, dass Leitfäden zur Vorbeugung und Behandlung speziell für Frauen entwickelt wurden. Ein Weg, den Mediziner auch hierzulande begrüßen: „Man darf Frauen und Männer in Sachen Hirninfarkt nicht länger in einen Topf werfen.“
Ein weiterer Risikofaktor ist womöglich die Hormonersatztherapie. Sie steht einer älteren Studie zufolge im Verdacht verstärkt Schlaganfälle und Herzinfarkte zu verursachen. Neuere Studien haben diese Erkenntnisse allerdings relativiert. Und auch bestimmte Medikamente erhöhen das Schlaganfallrisiko für Frauen. Dabei kann sogar der hormonelle Vorteil vor der Menopause nebensächlich werden. So stehen Triptane im Verdacht Schlaganfall begünstigend zu wirken.

Unspezifische Symptome
Ein weiteres Problem ist, dass neben den üblichen Schlaganfall Symptomen auch unspezifische auftreten, die von den Rettungskräften nicht richtig gedeutet werden und so eine schnelle Diagnose verzögern: „Daneben berichten weibliche Patienten häufig von unspezifischen Symptomen wie Luftnot, Übelkeit, Gliederschmerzen oder Orientierungsproblemen“, erläutert der Radiologe Prof. Marcus Seemann von der Diagnoseklinik München. „In solchen Fällen hat das Rettungspersonal mehr Probleme, die Notlage zu erkennen.“ Zudem hätten Frauen die Angewohnheit, die Probleme herunterzuspielen, um niemanden zur Last zu fallen. Das alles führt dazu, dass die exakte Diagnose verzögert wird und Frauen häufig nicht rechtzeitig in die Klinik eingeliefert werden. Dabei ist gerade eine schnelle Behandlung obligatorisch. Ca. viereinhalb Stunden bleiben den Ärzten für eine erfolgreiche Behandlung: „So lange lässt sich das Gerinnsel in vielen Fällen mit einem gerinnungshemmenden Medikament auflösen.“ Auch ein chirurgischer Eingriff kann Hilfe bringen. Wie auch immer, Eile ist in jedem Fall geboten.
Dr. Seemann: „Bei einem ischämischen Insult gehen jede Minute knapp 2 Millionen Nervenzellen verloren.“ In 15 Prozent der Fälle wird ein Schlaganfall nicht durch ein verschlossenes Gefäß ausgelöst, sondern durch eine Hirnblutung – im Fachjargon hämorrhagischer Insult genannt: „Dabei ist eine Arterie geplatzt, Blut tritt aus und drückt das empfindliche Nervengewebe zusammen.“ Diese Ausdehnung, gilt es einzudämmen. Diagnostizieren lässt sich eine solche Hirnblutung nur mit Hilfe der Computertomografie (CT) oder der Magnetresonanztherapie (MRT).

Strokeunits bieten beste Versorgung
Sogenannte Strokeunits bieten die beste Chance, das Gewitter im Kopf zu überstehen. Eine Rundumversorgung durch Neurologen, Kardiologen, Neurogefäßchirurgen und Radiologen verbessert die Chancen der Patienten, das Krankenhaus ohne Lähmungen zu verlassen um 25 Prozent. (jp)

Bild: Rike / pixelio.de