Schlechte medizinische Versorgung von Senioren

Fabian Peters

Altenbericht: Schlechte medizinische Versorgung von Senioren. Senioren erhalten zu viele Medikamente und zu wenig Reha-Maßnahmen.

15.12.2010

Ältere Patienten erhalten beim Arzt statt der benötigten medizinischen Maßnahmen oftmals lediglich eine Vielzahl verschiedener Arzneimittel. Das alarmierende Resultat: Senioren müssen oft viel zu früh in Pflege gehen.

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Der aktuelle Altenbericht der Bundesregierung mach deutlich, dass Senioren in Deutschland bei der medizinischen Versorgung zunehmend benachteiligt werden. Der Sozialverband VdK bemängelt angesichts der Ergebnisse des Altenberichts eine „verdeckte Altersdiskriminierung“, da den Senioren dringend benötigte Reha-Kuren und psychotherapeutische Behandlungen häufig vorenthalten und sie stattdessen mit Medikamenten abgespeist werden. Nur wenn ein Arzt die Rehabilitation anordnet, haben Patienten offiziell einen „Vorsorge- und Rehabilitionsanspruch" also Anspruch auf eine Kur. Doch die Ärzte tendieren laut Aussage des Altenberichts dazu, insbesondere Menschen im Alter ab 65 Jahren immer oberflächlicher zu behandeln und ihnen lieber großzügig Medikamente zu verschreiben als Reha-Maßnahmen oder psychotherapeutische Behandlungen. Die Senioren erhalten meist weniger Aufmerksamkeit von ihrem behandelnden Arzt als jüngere Patienten, so die Darstellung im Altenbericht der Bundesregierung

Altersdiskriminierung in der Versorgungspraxis
Die „altersdiskriminierende Muster“ ließen sich dem Bericht zufolge bei Vergleichsstudien zwischen jüngeren und älteren Patienten mit Todesursachen wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen feststellen. Dabei sei aufgefallen, dass Patienten im Alter über 65 Jahren durchschnittlich „eine weniger kostenintensive Behandlung“ als jüngere erhielten und „ein Maximum ärztlicher Bemühungen im mittleren Alter zu beobachten (war), während bei den über 90-Jährigen durchgehend die wenigsten Leistungen erbracht wurden“, wenn sie an Symptomen wie akutem Oberbauchschmerz, einem schwachen Herzen oder Gefäßerkrankungen litten. So werden von den über 60-Jährigen lediglich die Hälfte aller Fälle ausreichend behandelt und bei den über 70-Jährigen gäbe es ein noch ein weitaus höheres Versorgungsdefizit, kritisieren die Autoren des Altenberichts. Trotz des Grundsatzes der Krankenkassen: „Reha vor Pflege“, werde älteren Patienten immer seltener eine Reha-Kur zugestanden, weshalb die Betroffenen oft viel zu früh in Dauerpflege müssen und damit erheblich höhere Kosten im Gesundheitssystem verursachen. Die Ärzte würden sich bei der Bewilligung einer Reha immer noch zu häufig an den Kosten und nicht am Nutzen der Reha orientieren, so der Vorwurf im Altenbericht.

Ärzte verschreiben eine Vielzahl von Medikamenten
Ein weiterer Kritikpunkt des aktuellen Altenberichts in Bezug auf die medizinische Versorgungspraxis bei Senioren, ist der „fast sorglose Umgang mit mehreren Medikamenten“. So werden jedem fünften Patient im Alter über 70 Jahren durchschnittlich 13 Wirkstoffe oder mehr parallel verschrieben, oft ohne ausreichende Abstimmung und Koordination, erklären die Autoren des Altenberichts. Denn bei den Medizinern seien die „Kenntnisse über Wechselwirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen häufig mangelhaft“, so dass den Patienten – trotz des mit dem Alter und der Anzahl der Medikamente wachsenden Risikos unerwünschter Wechsel- und Nebenwirkungen – oft ein regelrechter Arzneimittel-Cocktail verschrieben wird. Ein 80 Jahre alter Patient nehme im Jahr durchschnittlich 1343Tagesdosen verschiedener Medikamenten zu sich, heißt es im aktuellen Altenbericht. Dass hier wahrscheinlich eine Überversorgung vorliegt, ist auch für den Laien offensichtlich.

Ebenfalls problematisch ist nach Aussage des Altenberichts die psychotherapeutische Versorgung von Senioren. So würden psychische Probleme, wie Altersdepressionen und Demenz, von den Medizinern häufig als normale Begleiterscheinungen des Alterns betrachtet und weitgehend ignoriert. Bereits ab einem Alter von 60 Jahren habe höchstens die Hälfte der Patienten die notwendige psychologischen Behandlungen verordnet bekommen und bei den über 70-jährigen gebe es in diesem Bereich „ein deutliches Versorgungsdefizit“, schreiben die Autoren des Altenberichts.

Bundesgesundheitsministerium: Kein Grund zum Umlenken
Das Bundesgesundheitsministerium zeigte sich von dem Ergebnis des aktuelle Altersbericht jedoch wenig beeindruckt. Zwar nimmt die Bundesregierung die Hinweise auf eine unzureichende Rehabilitation von Älteren nach eigenen Worten „sehr ernst“, doch ein Umlenken von Seiten der Politik wird offenbart als nicht erforderlich betrachtet. Das Bundesgesundheitsministerium sieht in dem aktuellen Altenbericht keinen Grund, um den bisherigen Kurs zu korrigieren. So betonte ein Sprecher des Ministeriums gegenüber „FOCUS Online“: „Eben weil die Bundesregierung Defizite in der Versorgung erkannt hat, ist die Koalition dabei, Defizite der Vergangenheit zu beseitigen. So ist für nächstes Jahr ein Versorgungsgesetz geplant, das Lücken in der Versorgung schließen soll. Auch in der Pflege soll Mängeln nachgegangen und gesetzgeberische Grundlagen verbessert werden.“ Doch nicht alle Lücken in der Versorgungspraxis werden sich so schließen lassen und insbesondere die Mediziner sollten sich angesichts des Altenberichts aufgefordert fühlen, stärker für adäquate Behandlung ältere Patienten einzustehen. (fp)