Schlechte Patientenberatung durch Ärzte

Nina Reese

Betroffene suchen Rat bei der „Unabhängigen Patientenberatung Deutschland“

02.07.2013

Schlechte Beratung, zu hohe Rechnungen, ein verwehrter Einblick in die Krankenakte oder die Angst um die eigene Existenz, weil plötzlich kein Krankengeld mehr gezahlt wird – mehr als 14.500 Patienten haben zwischen April 2012 und März 2013 bei der „Unabhängigen Patientenberatung Deutschland“ (UPD) Beschwerde eingereicht, insgesamt wurden laut der Organisation rund 75.000 Beratungsgespräche geführt. Nun hat die UPD zum ersten Mal alle diese Gespräche systematisch ausgewertet und durch die Veröffentlichung der Ergebnisse im "Monitor Patientenberatung" Missstände aufgezeigt, von denen offenbar tausende Patienten betroffen sind.

Der Fall Maria K.: Praxis händigt Krankenakte nicht aus
Die 56jährige Maria K. leidet unter Diabetes, starkem Übergewicht und Bluthochdruck. Da ihr Hausarzt plötzlich ein neues Medikament verschreibt, ist sie verwirrt und fragt nach dem Grund – bekommt aber keine plausible medizinische Begründung, sondern lediglich einen Hinweis auf das begrenzte Budget des Arztes. Der Arzt beendet das Gespräch mit dem Hinweis, Frau K. solle „einfach mal ihre Kekse weglassen und abnehmen“, denn dann würden auch keine Medikamente mehr notwendig sein. Verletzt über diese Reaktion wechselt Frau K. den Hausarzt – auch, weil ihr ihre Krankenkasse erklärt hat, dass der Arzt ihr das Medikament eigentlich weiterhin hätte verordnen müssen. Da sie nicht noch einmal alle Untersuchungen durchlaufen möchte, bittet sie bei ihrem vorherigen Arzt telefonisch um die Kopie ihrer Krankenakte, doch da ihr trotz mehrmaliger Erinnerung die Kopie nicht ausgehändigt wird, wendet sie sich hilfesuchend an die UPD.

"Monitor Patientenberatung" zeigt „Sorgen und Nöte der Ratsuchenden“ auf
Am Fall Maria K. zeigt die UPD exemplarisch in ihrem aktuellen Bericht die Probleme der Patienten auf – denn zum ersten Mal hat die Organisation systematisch alle 75.068 Gespräche ausgewertet, die zwischen dem 1. April 2012 und dem 31. März 2013 geführt wurden und die Ergebnisse im "Monitor Patientenberatung" veröffentlicht: Dieser „vermittelt einen Eindruck von den Anliegen, Sorgen und Nöten der Ratsuchenden und zeigt, wo Patientinnen und Patienten auf dem Weg durch unser Gesundheitssystem auf Hindernisse und Widerstände stoßen“, so die UPD.

UPD für viele Betroffene die die "letzte (Vertrauens-)Instanz"
Auch wenn die erhobenen Daten laut UPD-Geschäftsführer Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler nicht repräsentativ seien, würden diese dennoch „wichtige und ernst zu nehmende Anhaltspunkte und Hinweise auf mögliche Problemlagen, die seitens der Politik und der Wissenschaft weiter verfolgt werden sollten“ liefern. Für viele Betroffene sei die UPD die "letzte (Vertrauens-)Instanz" nach einem langen Weg durch Einrichtungen und Institutionen, so die UPD – denn ein zentrales Problem bestehe generell darin, dass Patienten nicht ausreichend über ihre Rechte Bescheid wissen: „In der Beratung sehen wir, dass viele Patienten ihre Rechte nicht kennen, geschweige denn einfordern […] auch begegnet man ihnen im Medizinbetrieb nicht immer auf Augenhöhe und einen selbstbewussten Umgang mit Ärzten oder Krankenkassen trauen sich viele Ratsuchende gar nicht zu – sie glauben einfach, dass sie als Patienten keine Chance haben“, so Schmidt-Kaehler in einer aktuellen Pressemitteilung der UPD.

Patienten werden häufig "unvollständig, widersprüchlich oder falsch informiert“
So lag es für die UPD-Berater laut dem Bericht in rund 7340 Fällen nach den Schilderungen der Betroffenen auf der Hand, dass Patienten "unvollständig, widersprüchlich oder falsch informiert wurden", in 4.900 Fällen wurden zudem „Probleme im Bereich des Zugangs zur Versorgung“ festgestellt, wobei hier zumeist die begründete Vermutung bestanden habe, „dass Versorgungsleistungen durch Leistungserbringer oder Kostenträger unberechtigt verweigert wurden.“ In 4143 weiteren Fällen hatten die Berater laut dem Bericht der UPD außerdem Hinweise auf eine "mangelhafte Versorgungsqualität" erfasst.

UPD identifiziert fünf Beratungsschwerpunkte
Durch die Auswertungen der Gespräche konnten die Experten fünf Beratungsschwerpunkte identifizieren, die offenbar eine besonders hohe Relevanz für die Patienten hatten, wobei das Thema „Patientenrechte“ an erster Stelle stand – alleine hier habe es zwischen April 2012 und März 2013 mehr als 10.000 Beratungen gegeben, wobei es „besonders häufig […] um das Recht auf Einsichtnahme in Krankenunterlagen, gefolgt von Beratungen zu unangemessenen Verhaltensweisen von Akteuren im Gesundheitswesen und zur Gewährung notwendiger Behandlungen“ ging, so die Information im „Monitor Patientenberatung“.

Häufige Themen: Behandlungsfehler und zahnmedizinische Behandlungen
Neben dem war laut der UPD auch der Verdacht auf Behandlungsfehler ein häufiges Thema in den Beratungsgesprächen (6.781 Gespräche), wobei dieser „besonders häufig bei Behandlungen und Eingriffen im Bereich der Arthrose von Hüft- und Kniegelenken sowie im Rahmen der zahnmedizinischen Behandlung“ auftrat, so der „Monitor Patientenberatung“ weiter.
Anfragen zu Zahngesundheit und zahnmedizinischer Behandlung waren mit mehr als 5.000 Gesprächen ebenfalls ein häufiges Thema, hier ging laut der UPD es in den Gesprächen „neben Fragen zu Behandlungsfehlern und Patientenrechten vor allem um Kosten und die Prüfung der Rechtmäßigkeit von Geldforderungen im Rahmen der zahnärztlichen Versorgung.“

Krankengeld wirft viele Fragen unter Betroffenen auf
Auch psychische Erkrankungen waren oft Anlass für ein Beratungsgespräch (2.184 Beratungskontakte), dabei standen meist Beratungen in Hinblick auf Krankengeld und einer ambulanten psychotherapeutischen Behandlung im Fokus, darüber hinaus stellten nach Angaben der UPD auch Fragen zur Zahlung von Krankengeld (z.B. Anspruchsvoraussetzungen, Möglichkeiten und Erfolgsaussichten zur Durchsetzung dieser Ansprüche oder sozialmedizinische Untersuchungen) ein offenbar zentrales Thema für die Patienten dar und „wurde mit 4.761 Beratungsgesprächen auffällig häufig thematisiert.“

Positives Feedback von Patientenbeauftragten Wolfgang Zöller
Nun hat die UPD ihren Bericht dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung Wolfgang Zöller überreicht – und zugleich sehr positives Feedback erhalten: „Der Bericht ist eine hervorragende Grundlage für patientenorientierte Qualitätssicherungsmaßnahmen für Krankenkassen und Ärzteschaft“, so Zöller laut der Pressemitteilung der UPD – und eigne sich daher nach Ansicht des Patientenbeauftragten optimal, um die Rechte der Patienten wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken: „Ich kann nur empfehlen, ihn auch so zu verstehen und die eigene Arbeit an den angesprochenen Punkten einmal kritisch zu hinterfragen. Selbstverständlich werde ich die Hinweise des Berichts auch in die Politik tragen, damit wenn nötig auch gesetzgeberische Konsequenzen gezogen werden können – zum Nutzen der Patienten." (nr)

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