Schmerz wirkt blitzartig auf die Gefühlswelt

Heilpraxisnet

Schmerz wirkt bereits nach Minuten auf die Gefühlswelt

16.03.2015

Einer neuen Studie zufolge wirkt sich körperlicher Schmerz schon nach Minuten stark auf die Psyche aus. Die neuen Erkenntnisse könnten künftig helfen, Therapien für Schmerzpatienten zu verbessern.

Körperlicher Schmerz wirkt schnell auf die Psyche
Körperlicher Schmerz wirkt sich einer neuen Studie zufolge bereits nach Minuten seelisch aus. Schon nach so kurzer Zeit waren Reize in emotionalen Bereichen des Gehirns messbar. Dies ergab eine Untersuchung an der Technischen Universität München (TUM), wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet. Der Neurologe Markus Ploner vom TUM-Klinikum rechts der Isar erklärte demnach: „Das Ergebnis hat uns selbst sehr verblüfft. Der Schmerz hat über die zehn Minuten nur noch ganz wenig zu tun mit dem was objektiv passiert.“ Und umgekehrt beeinflusst die Psyche messbar das Schmerzempfinden. So bestätigten die Forscher in einem weiteren Versuch, dass das Scheinmedikament Placebo lindernd wirkt.

Neue Ansätze für Diagnose und Behandlung
Wie die Wissenschaftler meinen, könnten die Erkenntnisse neue Ansätze für die Diagnose und Behandlung chronischer Schmerzen bieten. „Wenn Schmerz so viele Einflussfaktoren hat, kann er auch auf vielfältige Weise beeinflusst werden.“ Insgesamt 41 Probanden bekamen in einer in der Fachzeitschrift „Cerebral Cortex“ veröffentlichten Studie Hitzereize auf die Hand, die über zehn Minuten in ihrer Stärke variierten. Die Teilnehmer bewerteten auf einer Skala ständig die Schmerzstärke. Ploner erklärte zum Ergebnis: „Schon über wenige Minuten veränderte sich die subjektive Schmerzwahrnehmung der Teilnehmer – sie spürten zum Beispiel Änderungen des Schmerzes, wenn der objektive Reiz unverändert blieb.“ Der Experte sagte weiter: „Die Empfindung von Schmerz löste sich somit bereits über wenige Minuten vom objektiven Reiz.“

Emotionale Hirnbereiche aktiv
Ploner erläuterte zudem, dass bisherige Studien Schmerzreize nur über Sekunden untersucht hätten. Dabei seien den Angaben zufolge Hirnbereiche aktiv, die Signale der Sinnesorgane wie der Haut verarbeiten. Doch dass EEG zeigte bei diesem ersten Experiment mit minutenlangen Schmerzen ein anderes Bild: Emotionale Hirnbereiche waren ebenfalls aktiv. „Dauert ein Schmerz über einen längeren Zeitraum an, so wandelt er sich offensichtlich von einem reinen Wahrnehmungsprozess zu einem mehr emotionalen Prozess.“ Doch wenn sich die Wahrnehmung bereits nach so kurzer Zeit dermaßen ändere, stelle sich einmal mehr die Frage, was im chronischen Krankheitsverlauf über Jahre im Gehirn geschehe. „Das ist methodisch schwer zu untersuchen.“ Doch: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin: Je länger Schmerz dauert umso mehr Emotionen entwickelt man.“

Enge Verknüpfung von Schmerz und Psyche
Ein in der Fachzeitschrift „Pain“ veröffentlichtes Ergebnis der Münchner Wissenschaftler weist ebenfalls auf die enge Verknüpfung von körperlichem Schmerz und Psyche hin. Bei dieser Untersuchung erhielten 20 Probanden unterschiedlich starke Laserpulse auf zwei Bereiche ihres Handrückens und bewerteten den Schmerz. Im Anschluss daran erhielten sie die gleichen Reize noch einmal. Zuvor wurden die Handrücken jedoch mit Cremes behandelt, wovon eine angeblich schmerzlindernd war. Diese war zwar wirkstofffrei, doch trotzdem bewerteten die Teilnehmer die Schmerzen hier schwächer.
Wenn Patienten selbst auf starke Medikamente nicht ansprechen
Auch im Gehirn war der Placebo-Effekt sichtbar. So feuerten die Nervenzellen trotz gleicher Schmerzreize ein anderes Muster von Signalen. Ploner sagte, dass dies auch erklären helfen könne, dass Schmerzpatienten häufig sogar auf starke Medikamente nicht ansprechen. „Sie haben die negative Erwartung: Bei mir hilft nichts – so erleben sie es dann.“ Ähnliches hatten im vergangenen Monat auch Mediziner des Wagner-Jauregg Spitals im österreichischen Linz mitgeteilt. Sie verwiesen darauf, dass bei vielen Patienten, selbst wenn sie opioidhaltige Schmerzmittel erhalten, keine wesentliche Schmerzreduktion herbeigeführt werden könne. (ad)

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>Bild: Claudia Heck / pixelio.de