Schmerzgeplagte: Chronische Schmerzen besser nicht eigenständig therapieren

Alfred Domke
23 Millionen Schmerzpatienten: Experten kritisieren mangelhafte Versorgung
Chronische Schmerzen sind in Deutschland längst zu einer Volkskrankheit geworden. Rund 23 Millionen Bundesbürger sind davon betroffen. Experten kritisieren die mangelhafte Versorgung der Patienten. Betroffenen wird aber davon abgeraten, ihre Beschwerden in Eigenregie zu behandeln.

Mehr als jeder vierte Bundesbürger hat chronische Schmerzen
„Etwa 23 Mio. Deutsche (28 %) berichten über chronische Schmerzen, 95 % davon über chronische Schmerzen, die nicht durch Tumorerkrankungen bedingt sind“, schreibt die Deutsche Schmerzgesellschaft in einer Mitteilung zum bundesweiten „Aktionstag gegen den Schmerz“ am 6. Juni. Nach Meinung von Fachleuten gibt es jedoch große Defizite in der flächendeckenden Versorgung von Schmerzpatienten in Deutschland. Bevor Betroffene die richtige Diagnose und eine adäquate Therapie erhalten, haben sie oft einen langen Leidensweg hinter sich. Trotzdem sei der schnelle Griff zu Schmerzmitteln keine gute Lösung.

Mehr als jeder vierte Bundesbürger leidet an chronischen Schmerzen. Oft vergehen Jahre bis Betroffene eine adäquate Therapie erhalten. Von einer Behandlung in Eigenregie raten Experten dennoch ab. (Bild: Andrey Popov/fotolia.com)

Patienten müssen meist lange auf Behandlung warten
„Leider müssen Schmerzpatienten durchschnittlich eine Odyssee von mehr als sechs Jahren hinter sich bringen, bis sie endlich einem Schmerztherapeuten vorgestellt werden“, erklärte der Chefarzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes, Sven Gottschling, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Einer der Gründe dafür sei, dass es zu wenig Schmerztherapeuten gebe. Dies liege auch daran, dass diese pro Quartal nur 300 Patienten behandeln dürften.

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„Wenn man sich entscheidet, niedergelassener Schmerzarzt zu werden, bedeutet das schon fast einen wirtschaftlichen Totalschaden“, so Gottschling.

Nur etwa 1.000 Ärzte in Deutschland seien als niedergelassene Schmerztherapeuten tätig. „Die Rahmenbedingungen sind total schlecht – für den Arzt und damit auch für den Patienten.“

Zum Wohl der Patienten umverteilen
Der Geschäftsführer der Deutschen Schmerzgesellschaft, Thomas Isenberg, bestätigte dies: „Wir brauchen eine andere Prioritätensetzung innerhalb des ärztlichen Honorierungssystems“, so der Experte laut dpa.

„Die multimodale Schmerztherapie befindet sich am unteren Ende. Da muss innerhalb der Ärzteschaft zum Wohle der Patienten umverteilt werden.“

Um die Qualität der Akutschmerzbehandlung zu verbessern und die Kliniken vergleichbar zu machen, fordert die Gesellschaft, dass für Krankenhäuser ähnlich wie im Bereich Hygiene gesetzlich ein Schmerzindikator eingeführt werde.

Schmerzmittel können Organe schädigen
Gottschling zufolge müssten Betroffene sechs bis neun Monate auf einen Termin bei einem Schmerztherapeuten warten. „Dann ist die Chronifizierung so weit vorangeschritten, dass Sie den Problemen hinterherrennen.“

Das hat zur Folge, dass sich Patienten Tabletten verschreiben lassen, unter denen laut Gottschling oft „Hochrisiko-Medikamente“ seien, „die den Patienten ernsthaft gefährden“.

Problematisch sei auch, wenn Betroffene zu rezeptfreien Schmerzmitteln aus der Apotheke greifen. Gottschling hält das für eine „völlige Katastrophe“, da diese Substanzen die Organe massiv schädigen könnten.

Der Chefarzt begrüßt stattdessen den professionellen Einsatz von Morphin-Präparaten oder auch mit Einschränkungen von Cannabis.

US-amerikanische Wissenschaftler haben allerdings berichtet, dass opioidhaltige Schmerzmittel wie Morphin Auslöser für chronische Schmerzen sein könnten.

Schmerzen alternativ behandeln
Gottschling sieht aber nicht nur in den finanziellen und gesetzlichen Rahmenbedingungen Defizite bei der Schmerz-Bekämpfung, sondern auch bei der Ausbildung der Mediziner und nicht ausreichend qualifiziertem Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.

„Kein Mensch muss sich damit abfinden, dass er Schmerzen hat“, so der Arzt. „Natürlich können wir es nicht jedem versprechen, aber den meisten könnten wir mit relativ einfachen Mitteln exzellent helfen.“

Problematisch sei aber, dass viele gar nicht wissen, welche Hilfen es gibt – dies trifft nicht nur auf die Betroffenen zu, sondern auch auf die Mediziner.

Zahlreichen Experten zufolge sind chronische Schmerzen häufig auch gut ohne Schmerzmittel behandelbar.

So bieten sich alternative Therapien wie beispielsweise Akupunktur und Yoga für Rückenschmerzen oder Entspannungstechniken für schwere Kopfschmerzen und Migräne an.

Und auch Tai Chi hilft bei chronischen Scherzen. (ad)