Schmerzmittel können bei Einnahme tödlich wirken

Sebastian

Schmerzmittel können Leberschäden hervorrufen und sogar tödlich sein

22.01.2012

Bedenkenlos verabreichen sich Millionen Deutsche jeden Tag frei verkäufliche Schmerzmittel, um beispielsweise Kopfschmerzen, Migräneanfälle oder Rückenleiden symptomatisch zu lindern. Was viele allerdings nicht wissen: Schon kleinste Mengen der Wirkstoffe können ein Leberschaden verursachen oder im schlimmsten Fall zum Tode führen. Kritische Ärzte fordern daher schon seit längerer Zeit, schmerzlindernde Mittel wie Paracetamol verschreibungspflichtig zu machen.

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Leberschäden und schwere Nebenwirkungen
Der Griff zum Schmerzmittel nach einer Alkoholnacht, bei Rückenschmerzen oder Kopfweh ist für viele Menschen mittlerweile Alltag. Pro Jahr konsumieren etwa 3,8 Millionen Menschen in Deutschland nicht-rezeptpflichtige Schmerzarzneien. Weil keine Verordnung durch den Haus- oder Facharzt notwendig ist, gehen viele fälschlicherweise davon aus, dass Mittel wie Paracetamol oder Aspirin gesundheitlich harmlos sind. Auch die Werbung der Pharmaindustrie suggeriert häufig den Patienten eine Harmlosigkeit. Der Standartsatz: „Bei Fragen wenden sie sich an den Arzt oder Apotheker“ verhallt bei den meisten Menschen. Schmerzmedikamente ohne Rezeptpflicht sind keineswegs harmlos, sondern können massive Nebenwirkungen produzieren. In den schlimmsten Fällen tragen Konsumenten bleibende Leberschäden davon, einige sterben sogar an den Schmerzmitteln.

Überdosierung wirkt toxisch
Eine große Gefahr ist die Überdosierung. Professor Kay Brune von der Universität Erlangen schlägt Alarm. Gegenüber dem Magazin „Focus“ sagte Brune, Arzneimittel wie Paracetamol „würden heute nicht mehr zugelassen werden, auch nicht auf Rezept.“ Schon die geringe Menge von vier Gramm des Wirkstoffes pro Tag kann bei einigen Patienten eine schwere Leberschädigung provozieren. „Vier Gramm ist die maximale Höchstdosis pro Tag“, erklärt der Experte. Nimmt ein Schmerzpatient die doppelt erlaubte Menge von acht Gramm ein, so droht ein akutes Leberversagen. Daher rät der Medizinexperte grundsätzlich von der Einnahme von Paracetamol ab. „Wir haben hier ein Medikament auf dem Markt, das bereits bei geringer Überdosierung tödlich wirkt. Und das ist kein schöner Tod, er zieht sich über mehrere Tage hin,“ mahnt der Arzneimittelexperte. Er fordert, dass das Medikament aus diesem Grund vom Arzneimittelmarkt genommen werden soll.

Aspirin wird seit je her als Wundermittel der Schulmedizin gefeiert. Neben Beschwerden wie Kopfschmerzen soll das Mittel auch bei Herz-Kreislauferkrankungen effektiv konventionelle Therapien unterstützen. Aber auch dieses Schmerzmedikament ist dem Professor ein Dorn im Auge. Der enthaltene Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) sei nur für Betroffene mit schwerwiegenden Herz-Kreislaufkrankheiten wie einem durchlebten Herzinfarkt empfehlenswert. Der Stoff ASS wirke nur kurzweilig gegen Schmerzen, aber verdünne das Blut längerfristig. Daher müssten oftmals medizinische Eingriffe verschoben werden, weil der OP-Patient zuvor ASS eingenommen hatte. Wer demnach Aspirin einnimmt, gehe ein „völlig unnötiges Blutungsrisiko“ ein, mahnt Brune.

Vorsicht bei kombinierten Schmerzmitteln
Sorgen bereitet dem renommierten Forscher auch die Zulassung von kombinierten Schmerzpräparaten. Diese enthalten gleich mehrere unterschiedliche Wirkstoffe, die miteinander kombiniert werden. Diese sind „besonders riskant“, weil Patienten leicht den notwenigen Überblick verlieren. Viele können schlecht abschätzen, welche Mengen sie mit den Kombi-Präparaten verzehrt haben. Die schädigenden Wirkungen auf die Gesundheit sind meist höher einzuschätzen, als der schmerzstillende Effekt.

Hat die Pharmaindustrie kein Interesse an der Minimierung der Nebenwirkungen oder warum gerät die Debatte um diese Mittel immer wieder ins Stocken? Brune erklärt gegenüber dem Nachrichtenmagazin, dass beide Wirkstoffe keinem Patent unterliegen. Daher wollen die Arzneimittelhersteller die Kosten für weitere Forschungsarbeiten nicht übernehmen. Die Mitbewerber würden nämlich von den Ergebnissen gleichermaßen profitieren, erklärt der Wissenschaftler.

Wenn Schmerz-Geplagte schon Arzneimittel zur Schmerzhemmung einnehmen müssen, sollten Patienten statt Aspirin oder Paracetamol eher auf Ibuprofen oder Deiclofenac zurückgreifen, sagt Brune. Aber auch hier bestehen Gefahren für die Gesundheit, besonders wenn die Höchstmengen überschritten werden. Zwar sind die benannten Stoffe besser wissenschaftlich erforscht und allgemein verträglicher, dennoch seien auch diese Arzneimittel in ihrer Potenz hoch wirksam und nicht mit einfachen Hustenbonbons zu verwechseln. Bei missbräuchlicher Einnahme können die Schutzmechanismen der Gefäße beschädigt werden. Entscheidend ist die Dosis, so der Experte.

Forschungsarbeiten aus der Vergangenheit von Berner Epidemiologen um Prof. Peter Jüni hatten unter anderem gezeigt, dass beispielsweise Ibuprofen das Schlaganfall-Risiko um das Dreifache erhöht, wenn das Medikament über einen längeren Zeitraum kontinuierlich von Probanden eingenommen wird. Die Forscher gelangten im Rahmen einer Metastudie von 31 Studien und rund 1160.000 Studienteilnehmern zu dem besorgniserregenden Ergebnis.

Besser Bewegung und Akupunktur
Patienten mit wiederkehrenden Schmerzen bleibt meist nur die ursächliche Behandlung. Alternativ raten Heilpraktiker zur Akupunktur, die bereits in mehreren wissenschaftlichen Arbeiten gute Ergebnisse auch bei Kopf- und Rückenschmerzen liefern konnte. Auch Mittel der Naturheilkunde oder Hausmittel können leichte Schmerzen lindern und sind meistens sehr gut verträglich. Prof. Peter Jüni rät Patienten zudem zur aktiven Bewegung. Das ist zwar anstrengender als eine Pille einzunehmen, aber längerfristig erfolgreicher. (sb)