Schmerzmittel Paracetamol gefährlicher als gedacht

Alfred Domke

Schmerzmittel: Gefahren von Paracetamol

28.10.2014

Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Fieber: Paracetamol gehört zu den Schmerzmitteln, die hierzulande am häufigsten zum Einsatz kommen. Das Medikament ist rezeptfrei in der Apotheke erhältlich und kostet nicht viel. Lange galt die Arznei als unbedenklich und wird selbst Schwangeren verordnet. Doch Forschungsergebnisse weisen auf gesundheitsgefährdende Folgen des Wirkstoffes hin.

Rezeptfreies und billiges Medikament
Paracetamol steht in Deutschland auf der Liste der eingenommenen Schmerzmittel ganz weit oben. Egal ob Rückenbeschwerden, Zahnschmerzen oder Clusterkopfschmerzen: Das Präparat ist in vielen Haushalten immer griffbereit. In der Apotheke ist es rezeptfrei erhältlich und kostet nur wenig. Selbst Schwangere dürfen es nehmen und für Kleinkinder ist die Arznei als Zäpfchen erhältlich. Schon seit längerer Zeit ist bekannt, dass Nebenwirkungen wie Leberversagen oder Bluthochdruck drohen können. Auch wenn das Medikament inzwischen sehr umstritten ist, werden noch immer Millionen Packungen davon verkauft.

Bild: Tim Reckmann / pixelio.de

Experte fordert seit Jahren Rezeptpflicht
Auf Grundlage einer breit angelegten Untersuchung warnt nun Professor Kay Brune von der Universität Erlangen-Nürnberg vehement vor Paracetamol und fordert sogar, es nur noch auf Rezept auszugeben. Er setzt sich seit Jahren dafür ein, dass Paracetamol der Rezeptpflicht unterstellt werden soll, wie „Spiegel Online“ kürzlich berichtete. Brune und seine Kollegen vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben jetzt in einer Analyse neue Forschungsergebnisse zusammengetragen.

Schwerwiegende Folgen bei hohen Dosen
Bereits seit längerem ist bekannt, dass das Medikament bei zu hohen Dosen das Risiko für Magengeschwüre, Herzinfarkt und Schlaganfall erhöhen kann. Vor einigen Jahren war die Packungsgröße von Paracetamol begrenzt worden, da eine zu hohe Dosierung zu Leberversagen führen kann. Allerdings ist dies aus Sicht von Brune nicht genug: Wie es in dem Beitrag heißt, hält er die Selbstverständlichkeit, mit der das Schmerzmittel genommen wird, weiterhin für höchst bedenklich. Die Studienautoren, die ihre Ergebnisse im Fachmagazin „European Journal of Pain“ veröffentlichten, gingen in ihrer Analyse der Frage nach, welche Nebenwirkungen Paracetamol in den empfohlenen Mengen von höchstens vier Gramm am Tag hat.

Studien aus Schweden und Norwegen
Einer Erhebung mit 64.322 dänischen Müttern und ihren zwischen 1996 und 2002 geborenenKindern zufolge haben Frauen, die in der Schwangerschaft regelmäßig Paracetamol einnahmen, häufiger verhaltensauffällige oder an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) leidendeKinder. Allerdings belegt die Studie nicht, dass für dieses erhöhte Risiko tatsächlich die Einnahme von Paracetamol verantwortlich ist. Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine norwegische Studie mit 48.631 Kindern: Bei ihnen wurde neben verstärkter Hyperaktivität eine schlechtere gesamtmotorische Entwicklung und ein gestörtes Kommunikationsverhalten festgestellt, wenn ihre Mütter länger Paracetamol genommen hatten. Die Einnahme des Schmerzmittels Ibuprofen während der Schwangerschaft habe den Forschern zufolge dagegen keine Auswirkungen auf die Kinder gehabt.

Geringer Nutzen bei Kopfschmerzen
Presseberichten zufolge pflichtet der Schmerztherapeut Professor Hartmut Göbel Brune bei: Demnach werde suggeriert, dass es sich bei Paracetamol für Schwangere um die sicherste Medikation gegen Schmerzen handele. „Der Wirkstoff kann jedoch die Placenta passieren und das ungeborene Leben direkt in seiner Entwicklung beeinflussen“, sagte der Wissenschaftler vom Schmerzklinikum Kiel. Gerade bei Kopf- und Gliederschmerzen sei der Nutzen von Paracetamol ohnehin gering, wie er auf der Internetseite des Klinikums schreibt. Und bei schweren Schmerzen sei es gar nicht wirksam. Der Mediziner empfiehlt während der Schwangerschaft – außer im letzten Drittel – Ibuprofen.

Hodenhochstand und Asthma
Seit Februar diesen Jahres warnt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor durch Paracetamol ausgelösten Hautreaktionen. Bereits 2010 hatte Brune in einem Artikel in der „Ärztezeitung“ Alarm geschlagen: „Paracetamol sollte nicht mehr rezeptfrei käuflich sein – auch deshalb, weil dadurch der Glaube, es handele sich um ein harmloses, verträgliches und ungefährliches Schmerzmittel, perpetuiert wird.“ Der Wissenschaftler wies in einem Artikel darauf hin, dass das Schmerzmittel womöglich Hodenhochstand bei Neugeborenen fördern könne. Außerdem sei das Auftreten von Asthma bei Babys, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol konsumiert hätten, „deutlich erhöht“. „Paracetamol ist obsolet“, so das Fazit von Brune.

Gesundheitsrisiko durch rezeptfreie Schmerzmittel
Auch wenn sich die aktuellen Untersuchungen mit Paracetamol befassen, sollte nicht übersehen werden, dass auch durch andere rezeptfreie Schmerzmittel ein Gesundheitsrisiko besteht. Viele Menschen denken, dass es sich bei diesen Mitteln um harmlose Arzneien handelt. Schätzungen zufolge schlucken „rund 3,8 Millionen Bundesbürger jedes Jahr Schmerzmittel“. Häufig werden die Pillen ohne das Wissen eingenommen, wie die Präparate wirken beziehungsweise wann ihr Einsatz sinnvoll ist. Außerdem gelte grundsätzlich für alle rezeptfreien Schmerzmittel, sie „nicht länger als drei Tage hintereinander und nicht häufiger als zehnmal im Monat einzunehmen“, wie Experten betonen. Manche Mediziner empfehlen zudem, auch einfache Schmerzmittel nie ohne ärztlichen Rat einzunehmen. (ad)