Schwangerschaft ist offenbar ansteckend

Fabian Peters

Schwangerschaften wirken ansteckend auf Kolleginnen, so das Ergebnis einer Studie der Wissenschaftler um Prof. Dr. Henriette Engelhardt-Wölfler, Leiterin des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg. Im Rahmen der Studie wurden die Daten von mehr als 42 000 Frauen aus knapp 7 600 Betrieben analysiert.

28.11.2012

Seit langem ist bekannt, dass bestimmte Verhaltensweise im Freundes- und Bekanntenkreis übernommen werden. Der umgangssprachlich verwendete Begriff „Gruppenzwang“ beschreibt auf einfache Weise dieses weit verbreitete Phänomen. Die Wissenschaftler des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg (ifb) haben nun in der Studie „Sind Geburten ansteckend? Fertilität und soziale Interaktion am Arbeitsplatz“ untersucht, ob sich bei Frauen die Neigung, erstmalig schwanger zu werden, erhöht, nachdem eine Kollegin ein Kind zur Welt gebracht hat. Die Analyse der Daten aus den Jahren 1993 bis 2007 zeigte „einen deutlichen Ansteckungseffekt im Jahr nach einem Geburtsereignis einer Kollegin“, schreiben Engelhardt-Wölfler und Kollegen. So war die Neigung, zum ersten Mal schwanger zu werden, in diesem Zeitraum nahezu doppelt so hoch.

Interaktion mit schwangeren Kolleginnen stärkt den Kinderwunsch
Laut Aussage der Wissenschaftler des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg sprechen die aktuellen „Ergebnisse dafür, dass die Ansteckung von Fertilität am Arbeitsplatz sowohl bedürfnis- als auch überzeugungsvermittelt verläuft.“ Dabei stärke die Interaktion mit den schwangeren Kolleginnen und/oder ihren Neugeborenen sowohl den Kinderwunsch selbst als auch das Selbstvertrauen bei bestehendem Kinderwunsch, erläutern Engelhardt-Wölfler und Kollegen. „Fast alle Frauen sind heute vor der Geburt ihres ersten Kindes erwerbstätig. Das Erleben, wie Arbeitskolleginnen den Übergang zur Mutterschaft erfolgreich gestalten, kann den eigenen Kinderwunsch beflügeln“, kommentierte die bayrische Familienministerin Christine Haderthauer das Studienergebnis. Der Ansteckungseffekt war nach einer Schwangerschaft im Kollegium nicht nur im ersten Jahr, sondern auch in darauffolgenden Jahren zu beobachten – fiel mit wachsendem zeitlichen Abstand jedoch deutlich geringer aus. Am höchsten lag der Ansteckungseffekt einer Schwangerschaft bei Kolleginnen, die sich annähernd im selben Alter (Altersunterschied von maximal zwei Jahren) befanden.

Schwangerschaft als Kettenreaktion unter Kolleginnen
Die aktuelle Studie zeige, „dass erwerbstätige Frauen, die sich für ein Kind entscheiden, eine Art Kettenreaktion unter ihren Kolleginnen hervorrufen können“, berichten die Wissenschaftler des Staatsinstituts für Familienforschung. Sie sehen in ihrer Arbeiten einen wesentlichen Beitrag zur Diskussion um die niedrigen Geburtenrate in Deutschland und zu den Ansteckungseffekten von Schwangerschaften in unterschiedlichen Netzwerken, wie beispielsweise der Familie, dem Freundeskreis oder auf der Arbeit. Ein besseres Verständnis dieser Ansteckungseffekte in den unterschiedlichen Netzwerken bietet nach Ansicht der Forscher einen vielversprechenden Ansatz, um die Geburtenraten in Zukunft wieder deutlich zu erhöhen. „Sozialpolitische Maßnahmen, die auf eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie abzielen, könnten aufgrund solcher sozialer Multiplikationseffekte ein besonders starkes Potenzial zur Belebung der Fertilität entfalten“, schreiben Engelhardt-Wölfler und Kollegen. (fp)

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