Schweinegrippe ist kein Grund zur Panik

Fabian Peters

Rückkehr der Schweinegrippe? Zwei Todesfälle in Niedersachsen und 15 Erkrankungen in Hessen. Ministerien fordern daher die Bevölkerung zur Grippeschutzimpfung auf. Doch ist nun Anlass für Panik?

04.01.2011

Nachdem zwei Todesfälle durch die Schweinegrippe in Niedersachsen aufgetreten sind, dominiert das Thema erneut deutschlandweit die Schlagzeilen. Und auch die Politiker anderer Bundesländern sehen sich zu Maßnahmen gezwungen. So hat der hessische Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) ebenso wie seine niedersächsische Kollegin Aygül Özkan (CDU) erneut zur Grippeschutzimpfung aufgerufen. Doch sind die zwei Todesfälle in Niedersachsen ein Anlass zu einer erneuten Panik?

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Todesfälle durch Schweinegrippe kein Grund zur Panik
Einen Grund zur Panik bieten die aktuellen Todesfälle eines dreijährigen Mädchens und eines 51-Jährigen mit erheblichen chronischen Vorerkrankungen nach Ansicht der Experten nicht, wie auch Professor Hans-Dieter Klenk vom Institut für Virologie am Universitätsklinikum Marburg gegenüber dem Radiosender „hr- INFO“ erklärte. Denn obwohl die Weltgesundheitsorganisation im August die Schweinegrippe-Pandemie für beendet erklärt hatte, war stets mit einem Wiederauftreten des H1N1-Virus im Rahmen der saisonalen Grippesaison zu rechnen, so die Aussage der Experten. Und das H1N1-Virus sei bisher nicht gefährlicher einzustufen als andere Erreger, die ebenfalls in Deutschland kursieren, erklärte Dr. Christian Meyer vom Bernhard-Nocht-Institut (BNI) für Tropenmedizin in Hamburg gegenüber der „Frankfurter Rundschau“. So ist nach Einschätzung der meisten Fachleute das gesundheitliche Risiko durch die gewöhnliche Grippe weit höher zu bewerten als die Bedrohung durch den H1N1-Erreger. Bei der Schweinegrippe-Pandemie sei die Situation zudem eine grundsätzliche andere gewesen, denn „damals ist der bis dahin weitgehend unbekannte Erreger außerhalb der Grippesaison aufgetaucht“, erklärte Dr. Winfried Kern von der Uniklinik in Freiburg. „Jetzt sind wir mitten in der Influenzasaison“, so dass die Schweinegrippefälle keinen besonderen Grund zur Sorge bieten, betonte Dr. Kern.

Hessischer Sozialminister ruft zur Grippeschutzimpfung auf
Angesichts des für Ende Januar erwarteten Höchststands der saisonalen Grippewelle und der 15 nachgewiesenen Schweinegrippefälle in Hessen – allein im Dezember kamen 11 hinzu – forderte der hessische Sozialminister Grüttner die Bevölkerung noch einmal eindringlich zur Schutzimpfung auf. Der diesjährige saisonale Grippeimpfstoff wirke dabei nicht nur gegen die gängigen Influenza-Erreger sondern auch gegen Schweinegrippe, wie Grüttner mitteilte. Zur Schutzimpfung rät auch das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI), denn je nach nach Schwere der Grippewelle komme es jedes Jahr in Deutschland zu 8.000 bis 10.000 Todesfällen. Dass dabei der H1N1-Erreger, „der während der Grippesaison auf der Südhalbkugel wieder kursierte, als saisonale Influenza auch bei uns wieder auftauchen wird, war abzusehen“, betonte Professor Hans-Dieter Klenk. „Jedes Jahr kommt die Grippewelle, und jedes Jahr sterben Menschen daran“, ergänzte eine Sprecherin des RKI. So seien die aktuellen Todesfälle durch H1N1 auch keinesfalls die ersten in Deutschland nach dem offiziellen Ende der Pandemie. „Schon im Oktober wurde ein Fall bekannt“, bei dem eine 20-jährige Frau, welche ebenfalls unter chronischen Vorerkrankungen litt, nach einer H1N1-Infektion an Multiorganversagen gestorben sei, berichtete die Sprecherin des RKI.

Höchststand der Grippewelle Ende Januar / Anfang Februar
Wie schwer die Grippewelle in diesem Jahr tatsächlich verlaufen wird, ist nach Aussage des Freiburger Mediziners Dr. Winfried Kern bisher kaum abschätzbar. Mit dem Höhepunkt der diesjährigen Grippesaison rechnen die Experten Ende Januar / Anfang Februar. Anschließend nimmt im März „die Zahl der gemeldeten Fälle für gewöhnlich wieder ab“, erläuterte Dr. Kern. Dem RKI zufolge sind in der aktuellen Grippesaison bis Anfang Dezember 110 Fälle von Influenza nachgewiesen worden, wobei 32 davon nachweislich durch das H1N1-Virus ausgelöst wurden. Weitere 50 Grippefälle sind nach Aussage der Sprecherin des RKI ungeklärt. So sei es möglich, dass die Dunkelziffer erheblich höher liege und da die Schweinegrippe nicht mehr meldepflichtig sei, bleibe zudem unklar, wie viele Menschen tatsächlich bereits an dem H1N1-Erreger gestorben sind, erklärte die RKI-Sprecherin. Einen Anlass zur Panik bieten die aktuellen Zahlen jedoch nicht, so die Einschätzung des RKI. „Erst wenn in den kommenden Wochen täglich zwei durch H1N1 verursachte Todesfälle dazukommen, wäre dies ungewöhnlich und würde Anlass zur Sorge geben,“, betonte Dr. Kern. Generell rät auch der Freiburger Mediziner „Patienten mit Grunderkrankungen“ sich impfen zu lassen“, wobei vor allem älteren Menschen ab 60 Jahren und chronisch Kranken eine entsprechende Schutzimpfung zum empfehlen sei. „Für die Impfung gegen die Influenza ist es noch nicht zu spät“, betonte Dr. Kern, denn die Zeit bis zum erwarteten Höchststand der Grippewelle reiche noch aus, um einen vollständigen Schutz nach der Impfung aufzubauen – dies dauere etwa zwei Wochen.

H1N1-Erreger verschwinden nicht einfach
Im Zuge der Schweinegrippe-Pandemie hatten H1N1-Erreger „im vergangenen Jahr die früher kursierenden Virustypen weitgehend verdrängt und sich über den gesamten Globus verteilt“, erläutertet Dr. Kern. Und obwohl die WHO im August 2010 die Pandemie für endgültig beendet erklärte, warnte der WHO-Sonderberater für Grippe-Pandemien, Keiji Fukuda, schon damals, dass mit dem Ende der Pandemie das Virus nicht aus der Welt sei. Auch Dr. Christian Meyer vom BNI erläuterte, dass die Deutschen sich darauf einstellen müssen, dass das Virus H1N1 künftig immer wieder zur Grippesaison auftauche, denn „so etwas verschwindet nicht wieder einfach so.“ Demnach sind die aktuellen Fälle vermutlich nur der Anfang eines in Zukunft jährlich zu erwartenden Szenarios. (fp)