Schwere Grippewelle im Winter?

Astrid Goldmayer

Experten sagen schwere Grippewelle im Winter voraus

28.09.2012

Jährlich sterben rund 100.000 Menschen weltweit an den Folgen einer Grippe. Allein in Deutschland gibt es 5.000 bis 8.000 Influenza-Fälle mit tödlichem Ausgang pro Jahr. Experten warnen davor, die Krankheit zu unterschätzen. Für den kommenden Winter wird eine besonders starke Grippewelle erwartet. „Darauf deuten die doppelt so hohen Krankheits- und Todesfälle sowie Krankenhauseinweisungen in Australien hin, wo derzeit Grippezeit ist", erklärt Peter Wutzler, Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung von Viruskrankheiten, zu Beginn des Deutschen Influenza-Kongresses in Erfurt.

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Grippewelle durch mangelnde Impfbereitschaft der Bevölkerung begünstigt?
Laut Wutzler trage die mangelnde Impfbereitschaft in der Bevölkerung wesentlich zur Verbreitung der Grippe bei. In den vergangenen zwei Jahren seien die Winter zudem milde verlaufen, so dass weniger Grippe-Fälle auftraten und die Bevölkerung nicht immunisiert sei. Vor allem für ältere und kranke Menschen sei eine Impfung im Herbst sinnvoll. Frauen im letzten Drittel der Schwangerschaft sollten sich laut Wutzler ebenfalls gegen Influenza impfen lassen. Ihr Risiko, an einer Grippe zu erkranken, sei bis zu achtfach erhöht im Vergleich zu den ersten Schwangerschaftsmonaten. So könne das Risiko einer Todgeburt und vermehrten Erkrankungen im ersten Lebensjahr des Kindes deutlich reduziert werden.

Das gesundheitliche Risiko einer Grippe werde immer noch von Patienten, aber auch von Ärzten unterschätzt. Jährlich gebe es bis zu 5.000 bis 8.000 grippebedingte Todesfälle in der Bundesrepublik. „Im Winter 1995/1996 starben allein in Deutschland 30.000 Menschen", berichtete Jan Leidel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO). Demnach verlaufen Grippewellen sehr unterschiedlich und sind schwer vorhersagbar. Laut Wutzler habe eine Grippe auch gesellschaftliche Folgen. Laut Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin gab es im Winter 2011/2012 2,1 Millionen grippebedingte Arztbesuche und 800.000 Krankschreibungen.

Risiko einer Grippewelle nicht unterschätzen
Viele Mediziner warnen davor, Influenza zu unterschätzen und auf eine Impfung zu verzichten. Laut der STIKO lasse sich lediglich die Hälfte der über 60-Jährigen, bei chronisch Kranken nur 40 Prozent und beim medizinischen Person nicht einmal jeder Dritte gegen Grippe impfen. Die EU strebt hingegen das Ziel von jeweils 75 Prozent an. Für den kommenden Winter stünde eine ausreichende Menge, mindestens zwölf Millionen Impfdosen, bereit.

Die Impfstoffe werden immer differenzierter für Kinder, Erwachsene und Ältere, so Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut. Inzwischen gebe es viele Neuentwicklungen, die jedoch noch nicht für die breite Masse Anwendung finden würden. Kleinkinder benötigten eine Grundimmunisierung, da sie noch nicht mit Grippeviren in Kontakt gekommen seien. Für gesunde Erwachsene sei eine Impfauffrischung ausreichend, während ältere Menschen wieder eine höhere Dosis benötigten, erklärte Pfleiderer.

Wie die STIKO mitteilt, steht in der Grippesaison 2011/2012 zudem erstmals ein „attenuierter Lebendimpfstoff gegen Influenzaviren“ zur Verfügung. Dieser wird durch Einsprühen in die Nasenlöcher verabreicht. Wie die zugelassen Totimpfstoffe gegen Influenza ist auch der Lebendimpfstoff ein sogenannter trivalenter Impfstoff. „Die Stammzusammensetzung entspricht der aktuellen Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO)“, heißt es in einer Mitteilung der STIKO.

Rückgang der Grippewelle in Australien
Ob die Notwendigkeit einer Schutzimpfung mehr oder weniger erforderlich ist als in den Jahren zuvor, bleibt – trotz der Warnung einiger Experten vor einer starken Grippewelle – fraglich. Denn laut dem australischen Gesundheitsministerium hat es auch in dieser Grippesaison insgesamt nicht mehr Grippefälle als in den Vorjahren gegeben.

Wie die Behörde weiter mitteilte, war besonders der Erreger H3N2 in dieser Grippesaison für viele Erkrankungen in Australien verantwortlich. Das Schweinegrippevirus H1N1 trat im Vergleich zu den Vorjahren wesentlich seltener auf. Zu Beginn der Grippesaison beobachteten die Behörden einen ungewöhnlich starken Anstieg der Krankheitsfälle. Laut dem australischen Gesundheitsministerium sei die Anzahl der Infektionen über die gesamt Grippesaison jedoch kaum höher gewesen als bei vorherigen Grippewellen. Mitte Juli habe die Zahl der grippebedingten Krankenhauseinweisungen ihren Höhepunkt erreicht. Seitdem gingen die Zahlen deutlich zurück. (ag)