Sepsis: Blutvergiftung mit lebenslangen Folgen

Astrid Goldmayer

Unterschätzte Blutvergiftung: Jedes Jahr sterben viele Menschen an der Sepsis

13.09.2012

Am heutigen Welt-Sepsis-Tag finden weltweit Veranstaltungen rund um das Thema „Sepsis“ statt. Die Initiatoren des Aktionstages wollen so über die weitgehend unbekannte Krankheit aufklären, an deren Folgen jährlich rund 60.000 Patienten allein in Deutschland sterben. Mehr als 1.000 Krankenhäuser und Organisationen nehmen am Aktionstag teil. „Die Sepsis verursacht jährlich weltweit mehr Todesfälle als Brustkrebs, Prostatakrebs und HIV/AIDS zusammen.

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Trotzdem ist wenig über diese Erkrankung bekannt. Das wollen wir am 13. September ändern, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit“, wird einer der Initiatoren, Professor Konrad Reinhart, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am Universitätsklinikum Jena (UKJ) und Vorsitzender der Global Sepsis Alliance (GSA), in der Pressemitteilung des Universitätsklinikums zitiert.

Blutvergiftung wird häufig unterschätzt
In Deutschland erkranken jährlich rund 150.000 Menschen an einer Sepsis. Für 60.000 Patienten endet die in der Bevölkerung weitgehend unbekannte Erkrankung tödlich. Nur den Wenigsten ist bekannt, was eine Sepsis ist und wodurch die Krankheit ausgelöst wird. „Hier besteht ein deutliches Missverhältnis zwischen der Bekanntheit und der Häufigkeit“, sagt Reinhart gegenüber „Welt Online“. Mit dem Welt-Sepsis-Tag wollen die Initiatoren die Erkrankung stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken und über die Gefahren einer „Blutvergiftung“, wie die Sepsis umgangssprachlich bezeichnet wird, informieren.

In Berlin ist am Abend ein Lichtermeer aus Kerzen am Brandenburger Tor geplant. Hintergrund dieser Aktion ist die symbolische Bedeutung der Dauer des Abbrennens eines Teelichts. Denn in der gleichen Zeit – etwa vier Stunden – sollte mit der Behandlung einer Sepsis begonnen werden, um lebensbedrohliche Komplikationen zu vermeiden. Je früher eine Sepsis diagnostiziert und therapiert wird, desto höher sind die Überlebenschancen des Betroffenen, die pro Stunde etwa um acht Prozent sinkt. Das haben der Intensivmediziner Anand Kumar von der University of Manitoba im kanadischen Winnipeg und sein Team bei der Auswertung von mehr als 2700 Patientendaten herausgefunden. „Die Kerzen stellen Überlebenslichter dar, gleichzeitig wollen wir damit auch besonders an die Menschen erinnern, die an einer Sepsis verstorben sind. In Deutschland sind dies jährlich rund 60.000 Menschen. Auch durch verbesserte Hygienemaßnahmen in den Kliniken kann diese Anzahl reduziert werden. Daher wollen wir die breite Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam machen und gleichzeitig durch patientenorientierte Forschung und Kooperationen langfristig die Sterblichkeitsraten senken“, berichtet Reinhart. „Wir möchten natürlich auch Entscheidungsträger und Interessensgruppen sensibilisieren und gewinnen. Da war es logisch, u.a. an einem zentralen Ort wie dem Brandenburger Tor in Berlin eine solche Veranstaltung durchzuführen. Aber natürlich sind wir auch in Jena am 13. September aktiv.“ Auf dem Ernst-Abbe-Platz sind ab 17 Uhr Aktionen und Informationen rund um Thema „Sepsis“ geplant. Zudem soll es ebenfalls ein Lichtermeer geben, wie das Universitätsklinikum Jena in seiner aktuellen Pressemittelung informiert.

Bei Blutvergiftung umgehend handeln
„Die Sepsis muss stärker ins Bewusstsein der Patienten, aber auch der Ärzte rücken. Nicht zuletzt entscheidet die rechtzeitige Behandlung über Leben und Tod“, erläutert Reinhart gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“. Frank Brunkhorst vom Jenaer Sepsiszentrum kennt die Problematik: „Auch heute noch wird eine Sepsis häufig zu spät diagnostiziert. Das liegt daran, dass Symptome und Laborwerte wie Fieber, beschleunigter Herzschlag oder die vermehrte Anzahl weißer Blutkörperchen unspezifisch sind. Dadurch wird wertvolle Zeit verloren.“

Durch rasche Antibiotikagabe kann die Ausbreitung der Infektion eingedämmt und das Leben des Patienten in den meisten Fällen gerettet werden. Reinhart hat deshalb ein ehrgeiziges Ziel formuliert. „Wir möchten, dass jeder Patient innerhalb von einer Stunde Antibiotika bekommt“, klärt er gegenüber der Zeitung.

Eine Sepsis kann immer dann entstehen, wenn ein Entzündungsherd eine große Menge an Erregern direkt in die Blutbahn streut. Weit verbreitete Bakterien wie Staphylokokken, Streptokokken oder stäbchenförmige Darmbakterien können dann verheerenden Schaden anrichten.

„Sepsis ist ein medizinischer Notfall. Auch daher sind wir froh, dass nun in einem Jenaer Pilotprojekt entsprechende Antibiotika bereits im Rettungswagen oder im Hubschrauber vorgehalten werden, um direkt reagieren zu können, nicht erst in der Klinik“, sagt Reinhart. „Eine frühe und erfolgreiche Sepsisbehandlung verkürzt die Liegedauer auf den Intensivstationen und im Krankenhaus.“ So profitieren sowohl die Patienten als auch die Kostenträger von einer zügigen Behandlung, heißt es in der Pressemitteilung des Klinikums.

Häufig geht eine Lungenentzündung einer Blutvergiftung voraus
Häufig handelt es sich bei dem Entzündungsherd um eine vorangegangene Lungenentzündung oder eine infizierte Wunde. Eine Sepsis entsteht immer dann, wenn die lokalen Abwehrmechanismen nicht mehr greifen. Normalerweise reagiert das Immunsystem umgehend auf eine Infektion. Geronnenes Blut sammelt sich dann um den Entzündungsherd und baut eine schützende Barriere auf, so dass sich die Erreger mit ihren giftigen Stoffwechselprodukten nicht weiter ausbreiten können. Funktioniert dieser Abwehrmechanismus nicht mehr, kann es zum sogenannten „systemisches inflammatorisches Response-Syndrom“ (SIRS) kommen. Dabei findet die Entzündungsreaktion im gesamten Körper gleichermaßen statt, ungeachtet des ursprünglichen Infektionsherdes. Betroffene zeigen plötzlich schwere Krankheitssymptome wie schnellen Pulsschlag, eine deutlich veränderte Körpertemperatur sowie Atemnot und sind häufig sogar geistig verwirrt. Bei diesen Warnsignalen sollten Betroffene umgehend in ein Krankenhaus gebraucht werden – insbesondere wenn ein Infektionsherd vorliegt.

Erhält der Patient nicht umgehend eine Behandlung mit Antibiotika, verschlechtert sich sein Zustand zusehends dramatisch. Es folgt die Beeinträchtigung lebenswichtiger Organe wie Leber, Niere und Herz. Kommt es zum septischen Schock, kann der Blutdruck nicht aufrecht erhalten werden und die Organe versagen vollständig. In diesem Stadium stirbt der Patient in den meisten Fällen trotz Antibiotika, Sauerstoffmaske und Flüssigkeitsinfusionen.

Aufgrund der hohen Sterblichkeit bei Sepsis rät Reinhart bestimmten Personengruppen zur Prophylaxe. „Die Erreger der Lungenentzündung, die Pneumokokken, sind besonders häufig Ursache einer Sepsis. Würden sich mehr Risikopatienten dagegen impfen lassen, könnten viele Todesfälle verhindert werden“, sagt er. Vor allem Menschen über 60 Jahre und Patienten mit einer Grunderkrankung wie Krebs oder einer Immunschwäche rät Reinhart, sich über eine Impfprophylaxe bei ihrem Hausarzt zu informieren.

Leider kann Prophylaxe nicht jede Blutvergiftung verhindern, deshalb rät Reinhart Leihen und Ärzten gleichermaßen dazu, die Warnsymptome sehr ernst zu nehmen und eine möglichst frühe Behandlung zu gewährleisten. „Wenn wir der Sepsis jetzt nicht entgegenwirken, werden immer mehr Menschen daran erkranken“, erklärt der Mediziner gegenüber dem Online-Portal. Denn immer mehr Menschen erkranken an einer Sepsis. Zwischen 2000 und 2008 stieg die Zahl der Sepsis-Fälle um 100 Prozent an. Nach Reinharts Ansicht sei die Ursache in der verbesserte medizinische Versorgung zu suchen. „Es gibt heutzutage einfach mehr Risikopatienten. Selbst Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen erreichen oft noch ein sehr hohes Lebensalter. Ihr Körper ist dabei aber anfälliger für schwere Infektionskrankheiten“, berichtet der Sepsis-Experte.

Zur besseren flächendeckenderen Versorgung von Sepsis-Patienten leiste das MEDUSA-Netzwerk in Deutschland einen entscheidenden Beitrag. „Dabei werden die Therapieschritte bei allen Sepsispatienten der teilnehmenden Intensivstationen exakt dokumentiert. Ziel der Studie ist es, eine Verkürzung der Zeit bis zur ersten Antibiotikagabe zu erreichen“, berichtet Reinhart. 40 Krankenhäuser beteiligen sich derzeit bundesweit an der Studie.

Blutvergiftung beeinträchtigt das Gehirn
Überstehen Patienten eine lebensbedrohliche Sepsis, ist ihr Leidensweg damit häufig noch nicht beendet. Laut Forschern der Universitätsklinik für Neurologie in Bonn beeinträchtigt ein septischer Schock die Gedächtnisfunktion des Gehirns oft dauerhaft. „Unsere Studie konnte zeigen, dass bei einer schweren Sepsis die zentrale Gedächtnisregion – der Hippocampus – geschädigt wird“, erklärt die Co-Autorin der Studie, Catherine Widmann, gegenüber „Welt Online“.

Der Hippocampus ist eine besonders stoffwechselaktive Region im Gehirn und benötigt deshalb viel Sauerstoff und Glukose. Im Schockzustand kann beides jedoch nicht bereitgestellt werden, wodurch der Hippocampus strukturell geschädigt wird. „Gegenüber gesunden Studienteilnehmern zeigten jene Probanden, die eine schwere Sepsis durchgemacht haben, eine deutliche und dauerhafte Beeinträchtigung des Erinnerung- und des Lernvermögens“, erläutert Widmann.

„Bei der Behandlung der schweren Sepsis liegt das Hauptaugenmerk immer noch auf dem kardiovaskulären System. Die Schädigung des Gehirns wird leider nach wie vor unterschätzt und derzeit nicht behandelt“, berichtet Michael Heneka, Arbeitsgruppenleiter des Forschungslabors von Widmann, gegenüber der Welt und fordert eine bessere Nachsorge für Sepsis-Patienten. „Wir haben hier eine große Gruppe von Betroffenen, die hinsichtlich ihrer dauerhaften kognitiven Beeinträchtigung noch nicht ausreichend versorgt ist, berichtet der Experte. „Dabei bräuchten sie dringend einen Ansprechpartner, der sie berät und eventuelle kognitive Defizite behandelt.“ (ag)