Skandal: Behinderte Jahrzehnte am Gehirn operiert

Heilpraxisnet

Psychiatrie Skandal: Behinderte über Jahrzehnte unfreiwillig am Gehirn operiert. Viele Betroffene sind an den Folgen der Gehirn-Operationen gestorben. Zudem veränderte das Verfahren die Persönlichkeitsstruktur.

Ein Medizin-Skandal wurde nun in der breiteren Öffentlichkeit Dänemarks bekannt: Über Jahrzehnte lang wurden Geistig-Behinderte am Gehirn unfreiwillig operiert. Dabei kam es zu zahlreichen Todesfällen. Sogar Kinder wurden operiert, obwohl ihre geistige Entwicklung noch nicht abgeschlossen war. Die Operationen fanden bis in die 80er Jahre statt und wurden erst dann verboten.

Behinderte ohne Einverständnis operiert
Ein Medizin-Skandal erschüttert derzeit die Öffentlichkeit von Dänemark. Über Jahrzehnte hinweg wurden geistig Behinderte am Gehirn ohne Einverständnis operiert. Viele Menschen sind dabei verstorben, wie ein dänischer Historiker berichtet. Das Verfahren nannte sich damals „Lobotomie“ und sollte an sich die Auswirkungen von Behinderungen mindern. Doch das Ergebnis war fatal, wie der Historiker Jesper Vaczy Kragh gegenüber der Zeitung "Kristelig Dagbladet" berichtet. Rund acht Prozent der Betroffenen sind nach den Eingriffen am Gehirn verstorben.

Mehr zum Thema:

Bei dem Verfahren „Lobotomie“ werden bestimmte Nervenbahnen im Gehirn getrennt. Es galt in den 50er Jahren in der Psychiatrie als weit verbreitetes Verfahren, obwohl es keine Studien über den tatsächlichen medizinischen Nutzen gab. Bei der operativen Methode sind nicht nur zahlreiche Menschen an den Folgen der Operation verstorben, auch die Persönlichkeit der Patienten veränderte sich dramatisch. Als Folge der Lobotomie tritt eine Persönlichkeitsänderung mit Störung des Antriebs und der Emotionalität auf. Deshalb wurde diese Methode eigentlich relativ schnell wieder verworfen. Doch in Dänemark wurden die Operationen von 1947 bis 1983 angewandt. Heute wird in keiner Psychiatrie der Welt mit einem solchen Verfahren an Menschen herum experimentiert.

Operationen wurden auch an kleinen Kinder ausgeführt
Besonders heftig kritisierte der Historiker Kragh, dass sogar an Kindern von nicht mehr als sechs Lebensjahren die Lobotomie angewandt wurde. Denn das Gehirn der Kinder ist in diesem Entwicklungsstadium überhaupt noch nicht vollständig ausgereift und entwickelt. Selbst wenn man damals noch davon ausging, dass solche Methoden hilfreich wären, hätten auch nach dem damaligen Kenntnisstand Kinder nicht am Gehirn operiert werden dürfen.

Erst im Jahre 1983 wurde durch die damalige dänische Regierung die psychiatrische Operativ-Methode verboten. Nach offiziellen Zahlen wurden bis dahin rund 4500 Menschen in Dänemark operiert. Nicht bekannt war, dass auch behinderte Menschen einer solchen Operation unterzogen wurden. Es gibt keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele Behinderte in Dänemark am Gehirn operiert wurden. Der Historiker berichtet, dass mehr als 300 geistig Behinderte betroffen waren. Er beruft sich dabei auf alte Krankenhausunterlagen und Patientenakten, die er ausgewertet hatte.

Totaler Mangel gegenüber dem menschlichen Leben
Die Vorsitzende des dänischen Verbandes für Behinderte, Sytter Kristensen, zeigte sich zutiefst schockiert. Solche Verfahren zeugen von einem "totalen Mangel an Respekt gegenüber dem menschlichen Leben". Kristensen kritisierte vor allem, dass die Operationen an wehrlosen Menschen ausgeführt wurden. Dabei gab es noch nicht einmal die Hoffnung auf ein positives Ergebnis. Das dänische Gesundheitsministerium kündigte an, die Vorfälle umfassend aufklären zu wollen. In der kommenden Woche will der dänische Historiker Jesper Vaczy Kragh seine Recherchen in einem Buch vorstellen. Nach der Vorstellung der Recherchen werden weitere Details erwartet.

Nicht nur in Dänemark wurde die höchst umstrittene Methode angewandt. Eine historische Untersuchung ergab, dass auch in anderen Ländern Lobotomie angewandt wurde. In Schweden sind bis 1963 laut zahlreicher Medienberichte etwa 4.500 Menschen lobotomiert worden. Viele Betroffene wurden auch in Schweden gegen ihren Willen operiert. Bis Ende der 70er Jahre wurde das Verfahren auch in Deutschland angewandt. Unfreiwillige Operationen in Deutschland an Behinderten sind bislang nicht bekannt geworden. (sb, 26.09.2010)

Lesen Sie auch:
Mehr Behinderte in Niedersachsen

Bildnachweis: Michael Bührke / pixelio.de