Skandale: Wissenschaftler von der Zuckerindustrie für gefälschte Studienergebnisse bezahlt

Harvard-Forscher sollen in den 1960er Jahren viel Geld für die Beschönigung einer Zucker-Studie bekommen haben. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)
Nina Reese
US-Zuckerindustrie zahlte hohen Betrag für Harvard-Studie
Vor mehr als 50 Jahren untersuchten Forscher der renommierten Harvard-Universität die gesundheitlichen Auswirkungen von Zucker. Was erst jetzt bekannt wurde: Die damals veröffentlichten Ergebnisse spiegelten offenbar nur einen Teil der Wahrheit wieder. Die US-Zuckerindustrie soll die Forscher dafür bezahlt haben, dass der Zusammenhang zwischen einem hohen Zuckerkonsum und Herz-Erkrankungen beschönigt wurde.

Hoher Zuckerkonsum schadet der Gesundheit
Zu viel Zucker macht dick und krank – das wurde bereits in vielen Studien belegt. Mediziner warnen schon länger vor den gravierenden Folgen eines hohen Zuckerkonsums wie beispielsweise Adipositas, Zahnkrankheiten oder Diabetes. Ein wichtiges Detail bleib der Öffentlichkeit aber bis jetzt weitgehend unbekannt: Denn einer hoher Zuckerkonsum stellt offenbar ein ähnlich hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen dar wie der hohe Verzehr von gesättigten Fettsäuren. Dies geht aus historischen Dokumenten hervor, die von Wissenschaftlern der University of California, San Francisco (UCSF), analysiert und im Fachmagazin „JAMA Internal Medicine“ veröffentlicht wurden.

Harvard-Forscher sollen in den 1960er Jahren viel Geld für die Beschönigung einer Zucker-Studie bekommen haben. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)
Harvard-Forscher sollen in den 1960er Jahren viel Geld für die Beschönigung einer Zucker-Studie bekommen haben. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)

Öffentlichkeit über Jahre hinweg getäuscht?
Demnach könnte die Debatte über den Zusammenhang zwischen Zucker und Herzerkrankungen über Jahrzehnte hinweg von der Zuckerindustrie beeinflusst worden sein, berichtet die Universität in einer aktuellen Mitteilung. Hintergrund dieser Annahme ist eine Studie zu Herzerkrankungen und deren Ursachen, die im Jahr 1967 an der renommierten Harvard University School of Public Health durchgeführt wurde. Beteiligt waren die drei Ernährungswissenschaftler Frederick Stare, Robert McGandy und Mark Hegsted, die ihre Ergebnisse damals im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten.

Industrieverband zahlt 50.000 Dollar
Wie die Forscher der University of California nun entdeckten, sollte die damalige Studie offenbar zeigen, dass nicht Zucker, sondern vorrangig Fett und Cholesterin für Herzerkrankungen verantwortlich sind. Denn die Harvard-Wissenschaftler erwähnten in ihrem Bericht zwar, dass auch ein hoher Zuckerkonsum mit der Häufigkeit eines Herzinfarkts in Verbindung gebracht wird – im Fazit wurde dieses wichtige Detail jedoch verschwiegen.

Die Analyse der historischen Dokumente brachte außerdem zu Tage, dass die Forscher damals einen sehr hohen Geldbetrag für die Studie erhalten hatten. Wie die Universität berichtet, hatte die „Sugar Research Foundation“ (SRF) rund 50.000 US-Dollar für die Arbeit zum Thema Zucker, Fett und Herzkrankheiten bezahlt. Bei der SRF handelte es sich um einen Vorläufer des heutigen Industrieverbandes der US-Zuckerindustrie („Sugar Association“).

Wissenschaftler streiten über Ursachen steigender Herzinfarkte
Anlass der Studie war demnach die zu der Zeit in den USA herrschende Diskussion über die Gründe der damals drastisch steigenden Anzahl tödlich verlaufender Herz-Erkrankungen. In dieser standen sich zwei Lager gegenüber, die laut dem Bericht der UCSF-Forscher von zwei prominenten Physiologen angeführt wurden: Der englische Ernährungswissenschaftler John Yudkin vertrat die Ansicht, dass der steigende Verzehr gezuckerter Lebensmittel für den Anstieg an Herzinfarkten verantwortlich sei. Der amerikanische Wissenschaftler Ancel Keys identifizierte hingegen Fette bzw. gesättigte Fettsäuren und Cholesterin in der Nahrung als Hauptursache.

Studie zur Ablenkung von Zucker-Kritik
Um von Yudkins Kritik abzulenken, gab die „Sugar Research Foundation“ schließlich die Harvard-Studie unter der Bezeichnung „Projekt 226“ in Auftrag. Das Fazit des damaligen Forscherteams: Es gebe „keinen Zweifel“ daran, dass die einzige ernährungsbedingte Maßnahme zur Verhinderung koronarer Herzkrankheiten darin besteht, Cholesterin in der Nahrung zu reduzieren und mehrfach ungesättigte Fettsäuren gegen gesättigte zu ersetzen, so die Mitteilung der Universität.

„Wie das Sprichwort sagt: Wer zahlt, darf auch bestimmen“, sagte Studien-Autor Stanton A. Glantz. „Es gibt alle Arten von Möglichkeiten, wie Sie auf subtile Weise das Ergebnis einer Studie manipulieren können und die Industrie ist sehr gut geübt darin“, so der Professor für Medizin und Direktor des UCSF Forschungszentrums für Tabak-Kontrolle und Bildung.

Wissenschaftler bestätigen negativen Einfluss von Zucker
Heute werden vor allem die genetische Veranlagung, Bewegungsmangel sowie Übergewicht infolge einer zu fett- und zuckerhaltigen Ernährung als zentrale Risikofaktoren für hohe Cholesterinwerte und Herzerkrankungen betrachtet. Dies bestätigt auch die Harvard-Universität: „Angesichts der Daten, die wir heute haben, zeigt sich, dass raffinierter Zucker und besonders zuckerhaltige Getränke ein Risikofaktor für Herzgefäßerkrankungen sind“, so Walter Willett vom Department für Ernährung der Harvard T. H. Chan School of Public Health gegenüber der „New York Times“. Aber auch die Art der Fette in der Nahrung sei sehr wichtig, betont der Experte. Denn vor allem ein hoher Konsum gesättigter Fettsäuren aus Lebensmitteln tierischer Herkunft gilt als Risikofaktor.

„Die Überprüfung der Literatur half nicht nur, die öffentliche Meinung dahingehend zu prägen, was Herzprobleme verursacht, sondern auch die Auffassung der wissenschaftlichen Gemeinschaft, wie Ernährungsrisikofaktoren für Herzerkrankungen zu bewerten sind“, resümiert die Hauptautorin Cristin Kearns laut der Mitteilung der Universität. (nr)

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