Skin-Picking-Disorder: Kratzen, Knibbeln oder Quetschen bis aufs Blut

Sebastian
Impulskontrollstörung führt zu massiven Hautverletzungen
Jeder Mensch beschäftigt sich täglich vor allem beim Waschen oder Pflegen mit seiner Haut. Dass dabei gelegentliche an Pickelchen herum gedrückt oder kleine Härchen heraus gezupft werden, ist normalerweise unbedenklich und in gewissem Rahmen ganz „normal“. Doch einige Menschen gehen sehr extrem vor, setzen Werkzeuge wie Nadeln und Messer ein und führen sich dadurch ernsthafte Verletzungen zu. Was steckt hinter dem so genannten „Skin Picking“? Experten und eine betroffene junge Frau berichten im Gespräch mit der Nachrichtenagentur „dpa“ von der bislang wenig erforschten Erkrankung.

Betroffene gehen sehr brachial mit ihrer Haut um
Das Pulen, Zupfen und Kratzen an bestimmten Hautabschnitten zur Beseitigung von Pickeln, Schuppen, Schorf oder kleinen Härchen ist ein weit verbreitetes Phänomen. Geschieht dies in „normalem“ Rahmen, spricht nichts dagegen und dient vielen Menschen sogar als Entspannungsritual. Doch was passiert, wenn diese Handlungen krankhaft werden und sogar das tägliche Leben beeinträchtigen? In diesem Fall wird medizinisch von „Dermatillomanie“ oder „Skin-Picking-Disorder“ gesprochen. Wer darunter leidet, geht sehr brutal vor, zieht quetscht und drückt mit aller Kraft, schneidet kleine Stücke aus der Haut heraus oder dringt in diese mit spitzen Gegenständen ein. In der Folge kommt es meist zu Blutungen, es entstehen Rötungen, eitrige Stellen, offene Wunden und Narben.

Selbstverletzendes Verhalten bei Impulsstörungen. Bild: Jürgen Fälchle - fotolia
Selbstverletzendes Verhalten bei Impulsstörungen. Bild: Jürgen Fälchle – fotolia

Erkrankung zählt zu den Impulskontrollstörungen
„Ich fühle nach Unreinheiten, scanne meinen Körper ab und suche, wo ich was kratzen oder drücken kann“, so die Studentin Lisa Müller (Name geändert) aus Nordrhein-Westfalen gegenüber der „dpa“. Anschließend beginne das „Bearbeiten“ des Körpers, bis die malträtierten Hautbereiche anfangen zu bluten. „Es sieht hinterher schlimmer aus als vorher. Und man hört nach einer Stelle ja auch nicht auf.“ Lisa M. leidet seit der Pubertät an Skin Picking, wobei es mit den Jahren immer schlimmer geworden sei, berichtet die junge Frau.

Der Satz „hör doch auf zu knibbeln“ begleite sie dementsprechend schon fast ihr halbes Leben. Aber das Aufhören ist nicht möglich. Denn die Krankheit gehört zu den so genannten „Impulsstörungen“. Das heißt für die Betroffenen einen starken inneren Drang, dem sie sich nur kaum widersetzen können. Ein Erkennen der Erkrankung, Vernunft oder das Wissen um die Folgeschäden haben meist keinen Effekt – stattdessen dominiert der Impuls, die Haut bearbeiten zu müssen. Da die Prozedur automatisch und wie in Trance ausgeführt wird, verspüren die Betroffenen währenddessen offenbar keine Schmerzen.

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Schamgefühl wegen der Wunden führt zu sozialem Rückzug
„Wenn das Skin Picking anhaltend über mehrere Wochen oder Monate besteht und Hautschäden sichtbar werden, ist das ein Alarmsignal“, erklärt Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Zudem habe die Erkrankung oft weitreichende Folgen, denn viele Betroffene würden sich für die sichtbaren Hautschädigungen schämen und den Kontakt zu anderen meiden. „Neben den Hautschäden führt das dann auch zu sozialen Schäden“, so Hauth weiter.

Bade-Ausflüge mit Freunden nicht denkbar
Aus Scham wird daher meist versucht, das Gekratze und Gezupfe zu verstecken. Auch Lisa M. knibbele nicht vor ihrem Bruder und ihrem Vater, Bescheid wüssten nur ihre Mutter und Oma, eine Freundin und ihr Freund. Das Versteckspiel erfordere jedoch einige Regeln, indem sie „mindestens Drei-Viertel-Ärmel und lange Hosen“ trage und die betroffenen Stellen mit getönter Creme oder Schminke abdecke.
Aktivitäten wie Badeausflüge mit Freunden oder abendliches Grillen sind nicht denkbar. Ebenso wie der ursprünglich geplante Umzug in eine Studenten-WG, denn „morgens ungeschminkt am Frühstückstisch sitzen, das geht gar nicht. Oder wissen, dass ich nicht knibbeln kann. Das würde mich stressen“, erklärt die Betroffene. Stattdessen wohne sie in einer eigenen Wohnung. Doch auch dadurch hat sich an der Erkrankung nichts geändert. Beim „Knibbeln“ könne sie Stress abbauen, wobei der Drang abends am stärksten sei: „Weil ich weiß, dass ich nicht mehr raus muss.“

Das Bearbeiten der Haut hat dementsprechend zunächst einen angenehmen und entspannenden Effekt und fungiere laut Hauth „bei Stress, bei Anspannung, Überforderung, heftigen Emotionen, Wut oder Trauer“, oft als Ventil. Doch auch Langeweile könne der Grund sein. Daher müssten sich Betroffene zur Bearbeitung des Problems intensiv mit sich selbst auseinandersetzen und Fragen stellen wie „Warum knibbele ich gerade in dieser Situation?“ Im nächsten Schritt könne dann versucht werden, „[…] das gewohnte Verhalten durch weniger schädliche Strategien zu ersetzen“, erklärt die Expertin weiter.

Erkrankung in der Öffentlichkeit noch relativ unbekannt
Doch vielen Betroffen ist ihre exzessive „Hautpflege“ gar nicht bewusst. Zudem ist in der Öffentlichkeit erst wenig bekannt, dass es sich bei Skin Picking tatsächlich um eine psychische Erkrankung und nicht um eine übertriebene „Marotte“ handelt. Dies kennt auch Ingrid Bäumer, die bereits im Alter von sechs Jahren mit dem Bearbeiten ihrer Haut begann und erst mit Ende 30 durch eine Internetrecherche auf den Namen der Störung aufmerksam wurde. „Mit fast 40 hatte ich dann so viele Wunden, dass ich dachte: Jetzt muss ich zusehen, dass ich das in den Griff kriege“, so die heute 44-Jährige gegenüber der „dpa“.

Bäumer schloss sich einer Selbsthilfegruppe an, bekam ihr Verhalten dadurch gut unter Kontrolle und gründetet schließlich selbst einen Zusammenschluss Betroffener. Durch die Arbeit an sich selbst habe sie erkennen könne, dass für sie das Sitzen vor dem PC besonders schwierig sei. Denn während sie mit der einen Hand die Maus bedient, habe sie früher mit der anderen vor allem im Gesicht gekratzt und geknibbelt. Heute würde sie alternativ einen kleinen Ball zum Knautschen in die freie Hand nehmen, berichtet Ingrid Bäumer.

Änderung des Verhaltens braucht viel Zeit
Doch die Veränderung des Verhaltens brauche Zeit, erklärt Iris Hauth weiter. „Ein bis zwei Monate sollte man sich schon Zeit nehmen“. Bliebe der Erfolg aus, sollte sich professionelle Hilfe gesucht werden, wobei der Hausarzt oder ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie helfen könne, der kognitive Verhaltenstherapie anbietet. Denn Skin Picking ist in erster Linie ein psychisches Problem, welches unter Umständen zu Depressionen führen kann.

Neben der seelischen Behandlung sei aber auch die fachmännische Versorgung der betroffenen Stellen wichtig, um Langzeitschädigungen wie Narben oder starke Entzündungen zu vermeiden. „Die Desinfektion der betroffenen Stellen ist wichtig“, so Steffen Gass, Vizepräsident des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen gegenüber der „dpa“. Während für die Wunden eine Heilsalbe helfen könne, käme für die entstandenen Narben Kortison oder Cremes auf Silikon-Basis in Frage, erklärt der Experte. Das Cremen könne möglicherweise auch den brutalen Umgang mit der Haut abmildern. Denn „dabei arbeitet man auch mit den Händen, schadet sich aber nicht, sondern pflegt sich“, erläutert Gass weiter.

Krankheitsbild bislang nur wenig erforscht
Aus Sicht von Expertin Hauth sei Skin Picking insgesamt ein unterschätztes Thema, welches bislang nur recht wenig erforscht ist. Dementsprechend sind Statistiken und empirische Daten derzeit rar, geschätzt wird jedoch, dass in Deutschland und den USA etwa zwei bis fünf Prozent der Erwachsenen betroffen sind.
Lisa M. möchte zukünftig aktiv gegen ihre Erkrankung vorgehen, denn die Prüfungsphase in der Uni habe so heftige Spuren „wie noch nie“ hinterlassen. „So kann es nicht weitergehen.“ Daher wolle sie neben ihrer Selbsthilfegruppe nun eine entsprechende Psychotherapie beginnen und sich nach Möglichkeit stationär behandeln lassen. (nr)