Spermien können nicht riechen

Fabian Peters

Duftstoffe spielen für Spermien keine Rolle

28.02.2012

Spermien werden auf ihrem Weg zur Eizelle von bestimmten Lockstoffen dirigiert, doch mit Riechen hat dies nichts zu tun. Das sogenannte „Maiglöckchen-Phänomen“, demzufolge Duftstoffe die Reise der Spermien beeinflussen, beruht auf einem Laborphänomen, so das aktuelle Ergebnis eines Forscherteams der Bonner Stiftung Caesare und des Forschungszentrums Jülich.

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Die bisherige Annahme, dass Spermien auf ihrem Weg zur Eizelle von Duftstoffen geleitet werden, ist widerlegt. Forscher der Stiftung Caesar (center of advanced european studies and research) in Bonn haben gemeinsam mit Wissenschaftlern des Forschungszentrums Jülich herausgefunden, dass die Spermien über keinen Riech-Signalweg verfügen, sondern bei ihrer Reise von einem hormonellen Lockstoff geleitet werden – dem Progesteron.

Maiglöckchen-Phänomen lediglich ein Laborphänomen
Das sogenannte „Maiglöckchen-Phänomen“ galt lange als relativ anerkannte Theorie für die Steuerung der Spermien auf ihrem Weg zur Eizelle. Deutsche und amerikanische Wissenschaftler hatten im Jahr 2003 in dem Fachjournal „Science“ eine Studie veröffentlicht, derzufolge ein Bestandteil des Maiglöckchenduftes die Spermien in Richtung der Eizelle lockt. Die Bonner Wissenschaftler Caesare Stiftung (assoziiert mit der Max-Planck-Gesellschaft) wollten dieser Theorie jedoch nicht folgen. Zumal bisher weder Maiglöckchenduft noch irgendein anderer „Duftstoff im weiblichen Genitaltrakt gefunden“ wurde, der diese Theorie stützt, erklärte Dr. Timo Strünker von der Abteilung Molekulare Neurosensorik an der Stiftung Caesare gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Im vergangenen Jahr stellten die Caesare-Forscher ein Alternativmodell vor, dem zufolge das Hormon Progesteron als chemischer Wegweiser die Spermien in Richtung Eizelle dirigiert. Nun habe die Forscher gemeinsam mit Wissenschaftlern des Forschungszentrums Jülich nachgewiesen, dass der Maiglöckchenduft zwar eine ähnliche Wirkung auf die Spermien entfaltet wie Progesteron, diese sich jedoch nur im Labor erzielen lässt, da eine 1000-fach höhere Konzentration als bei dem Hormon erforderlich ist. Das „Maiglöckchen-Phänomen“ beruhe demnach auf „auf einem Labor-Artefakt“, einen Riech-Signalweg gebe es in Spermien nicht, berichten die Wissenschaftler.

Spermien durch chemische Lockstoffe gesteuert
Aus früheren Studien war bereits bekannt, dass die Eizellen die Spermien auf ihrem Weg unterstützen, indem bestimmte Lockstoffe freigesetzt werden, die Einfluss auf die Schwimmbewegung der Spermien nehmen.. Die Theorie, dass Duftstoffe als Wegweiser für die Spermien dienen, stand dabei dem Modell einer Steuerung durch das weibliche Sexualhormon Progesteron gegenüber. Nun haben die Forscher um Dr. Timo Strünker nachgewiesen, dass die Wirkung des Progesterons auf die sogenannten „CatSper-Ionenkanäle (cation channels of sperm)“ für die Steuerung der Spermien verantwortlich ist. Zwar zeige der Maiglöckchen-Duft „Bourgeonal“ einen vergleichbaren Effekt auf die „CatSper-Ionenkanäle“ wie Progesteron, doch komme der Duftstoff im weiblichen Genitaltrakt nicht vor und wirke erst ab einer 1.000-fach höheren Konzentration als Progesteron, so die aktuellen Ergebnisse der Forscher. Über die CatSper-Kanäle, die sich ausschließlich in Spermien befinden, kann Kalzium in die Spermien strömen, woraufhin diese ihre Schwimmrichtung anpassen. Männer, die aufgrund eines Gendefekts Funktionsstörungen der CatSper-Kanäle aufweisen, sind unfruchtbar.

Pille für den Mann?
Da der Maiglöckchenduft nicht im weiblichen Geschlechtstrakt zu finden ist und erst bei einer Überdosis eine vergleichbare Wirkung wie bei Progesteron erzielt werden kann, ist das „Maiglöckchen-Phänomen“ nach Ansicht der Caesare-Forscher lediglich ein Laborphänomen. „Spermien funktionieren nicht wie Riechzellen in der Nase“, betonte Studienleiter Dr. Timo Strünker gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Stattdessen nehmen die Spermien über die CatSper-Kanäle „das chemische Milieu im Eileiter“ wahr und können „so die Eizelle aufspüren“, berichten die Neurowissenschaftler. Demnach nutzen die Spermien die CatSper-Kanäle auf ihrer beschwerlichen Reise zur Eizelle, um sich immer wieder anhand verschiedener „chemischer Wegweiser“zu orientieren. Warum die Spermien dabei so wenig wählerisch auf verschiedene Stoffe wie zum Beispiel Maiglöckchenduft oder auch Menthol reagieren, ist bislang jedoch nicht geklärt. Die Wissenschaftler wollen sich nun in kommenden Studien darauf konzentrieren, weitere Lockstoffe im Eileiter zu identifizieren, die neben Progesteron die Steuerung der Spermien bestimmen. Laut Aussage der Caesare-Forscher sind die Entdeckungen auch „auch medizinisch bedeutsam“, da sie die Entwicklung neuartiger Verhütungsmittel ermöglichen könnten (Pille für den Mann), „wenn es gelänge, die Wirkung weiblicher Faktoren auf die CatSper-Kanäle zu stören.“ (fp)

Bild: Thommy Weiss / pixelio.de