Stadtleben erhöht die Stress-Anfälligkeit

Fabian Peters

Risiko psychischer Erkrankungen bei Städtern deutlich erhöht

23.06.2011

Stadtleben verursacht eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber Stress. Zahlreiche Studien haben in der Vergangenheit ein vermehrtes Auftreten von Depressionen und Angststörungen bei der Bevölkerung in den Metropolen festgestellt. Nun haben Forscher des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit herausgefunden, dass die Aktivität in zwei Hirnregionen, welche für die Verarbeitung von Stress und Emotionen verantwortlich sind, bei Städtern und Landbewohnern deutliche Unterschiede aufweist.

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Menschen, die in einer Großstadt mit mehr als 100.000 Einwohnern leben, sind wesentlich anfälliger für sozialen Stress, als Personen die auf dem Land leben, berichten Florian Lederbogen vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit und Kollegen in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Nature“. Bei der Untersuchung der Aktivität in den verschiedenen Hirnarealen während einer Stresssituation, haben die Städter sowohl im Mandelkern als auch in der Region des perigenuales anteriores Cingulum (pACC) deutlich höhere Aktivitäten aufgewiesen, als Landbewohner, so das Ergebnis der aktuellen Studie. Da beide Hirnregionen für die Verarbeitung von Emotionen und Stress zuständig sind, ermöglichen die Untersuchungsergebnisse auch Rückschlüsse auf die Stressanfälligkeit der Stadtbevölkerung, erklärten Florian Lederbogen und Kollegen.

Erhöhte Hirnaktivität der Städter im Stresstest
Um die erhöhte Stressanfälligkeit der Städter genauer unter die Lupe zu nehmen, hat das Team aus Psychiatern und Psychologen im Rahmen der nun veröffentlichten Studie 32 freiwillige gesunde Probanden dem sogenannten Montréal-Imaging-Stress-Test („Mist“-Test ) unterzogen, bei dem mit Hilfe eines funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT) die Hirnaktivität der Studienteilnehmer während einer Stresssituation aufgezeichnet wurde. Die Probanden mussten unter Zeitdruck schwere Rechenaufgaben lösen und waren dabei zeitgleich über Kopfhörer kritischen Kommentaren der Wissenschaftler ausgesetzt. Dadurch stiegt bei allen Versuchsteilnehmern die Hirnaktivität in den Stress- und Emotionen-verarbeitenden Regionen des Mandelkerns (Amygdala) und des perigenuales anteriores Cingulum (pACC). Doch bei Versuchsteilnehmern, die derzeit in einer Stadt mit über 100.000 Einwohnern leben, war insbesondere im Mandelkern die Hirnaktivität deutlich höher als bei den Landbewohnern, berichten Florian Lederbogen und Kollegen. Dieses Ergebnis habe sich auch im Rahmen einer anschließenden Kontrolluntersuchung bestätigt, so die Wissenschaftler weiter. Neben den veränderten Hirnaktivitäten seien außerdem normale Stressreaktionen wie Bluthochdruck und eine gesteigerte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol zu beobachten gewesen.

Aufwachsen in der Stadt erhöht die Stressanfälligkeit
Neben der deutlich gesteigerten Hirnaktivität des Mandelkerns bei Personen die aktuell in einer Großstadt leben, konnten die Forscher des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit auch eine Langzeitwirkung des Stadtlebens feststellten. Florian Lederbogen und Kollegen befragten die Studienteilnehmer nach ihren bisherigen Wohnorten und multiplizierten anschließend die Einwohnerzahl der Heimatorte mit den dort verbrachten Lebensjahren, um einen individuellen Indikator für das Stadt- beziehungsweise Landleben der Probanden zu entwickeln. Je höher die Kennzahl, umso städtischer geprägt war das bisherige Leben der Studienteilnehmer, erklärten die Wissenschaftler des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit. Bei dem Vergleich der individuellen Kennzahlen mit den Hirnaktivität den Probanden stellten die Forscher fest, dass mit einem steigenden Wert des Indikators auch die Aktivität in Bereich des pACC während des Stresstests deutlich anstieg. Da die Region des pACC einen wesentlichen Beitrag zur Steuerung der Aktivität des Mandelkerns leistet und ein gutes Zusammenspiel der beiden Hirnregionen entscheidend für die Verarbeitung von Stress und Emotionen ist, gehen Florian Lederbogen und Kollegen davon aus, dass in dem veränderten Wirkungskreise beziehungsweise dem schlechteren Zusammenspiel von Mandelkern und pACC auch die erhöhte Anfälligkeit der Städter gegenüber Stress begründet liegt. Frühere Studien haben bereits Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dem gestörten Zusammenspiel der beiden Hirnareale Mandelkern und pACC mit einer reduzierten psychische Stabilität geliefert, erklärten Lederbogen und Kollegen.

Stressverarbeitung der Land- und Stadtbewohnern weiter untersuchen
Obwohl die aktuellen Forschungsergebnisse den Schluss nahe legen, dass „je weiter der Mensch sich von seinem natürlichen Biotop entfernt, desto höher der Preis sein“ könnte, liefere die Studie der Mannheimer Forscher jedoch keine eindeutigen wissenschaftlichen Belege dafür, dass die Größe des Wohnortes die Stressverarbeitung direkt beeinflusst, kommentierte der Biopsychologe Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin den aktuellen Artikel im Fachmagazin „Nature“. Die Anzahl der Studienteilnehmer sei zu gering und die Daten beziehen sich ausschließlich auf Deutschland, was einen internationalen Vergleich deutlich erschwere, erklärte Walschburger. Um zu belastbaren Ergebnissen zu kommen, sei daher eine Langzeitstudie mit wesentlich mehr Teilnehmern und unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lebensverhältnisse in den verschiedenen Städten notwendig. Denn die Ausgangsbedingungen seien von Großstadt zu Großstadt äußerst unterschiedlich und Walschburger betonte, er könne sich kaum vorstellen, dass es keine Unterschiede zwischen den Auswirkungen des Wohnens im Zentrum von Mexico-City und des Wohnens in einer Ökosiedlung am Stadtrand von Freiburg gebe. Auch müsse berücksichtigt werden, ob jemand freiwillig in einer Großstadt lebt oder ob der Beruf oder das Studium dies erfordert. „Solche Faktoren müssten“ im Rahmen weitere Studien „dringend einbezogen werden“, betonte der Biopsychologe Peter Walschburger.

Stadtbevölkerung generell anfälliger für psychische Erkrankungen
Insgesamt sind die Ergebnisse der Forscher des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit vor allem im Hinblick auf die Aussagen älterer umfassenderer Studien interessant, da diese bereits eine signifikant erhöhte Anfälligkeit der Stadtbevölkerung für psychische Erkrankungen festgestellt haben. Zwar ermöglicht die aktuelle Untersuchung von Florian Lederbogen und Kollegen keine eindeutigen wissenschaftlichen Aussagen zu den Auswirkungen des Stadtlebens auf das Risiko psychischer Erkrankungen. Doch die festgestellte erhöhten Aktivität in den Hirnregionen des Mandelkerns und des pACC bei den Städtern bietet eine mögliche Erklärung für die bereits in früheren Studien nachgewiesene gesteigerte psychische Labilität der Stadtbevölkerung. So sei bekannt, dass Stadtbewohner rund 20 Prozent häufiger von Angststörungen betroffen sind und Personen, die in der Stadt aufwuchsen, im Vergleich zu den Landmenschen rund doppelt so häufig an Schizophrenie leiden, erklärte Peter Walschburger. Dem gegenüber stehen jedoch andere Untersuchungen, die in manchen Ländern ein geringere Suizidrate bei der Stadtbevölkerung als bei den Landbewohnern beobachten, kommentieren Daniel Kennedy und Ralph Adolphs vom kalifornischen Institut für Technologie in Pasadena den aktuellen „Nature“ Artikel. Insgesamt verdichten sich mit der aktuellen Studie jedoch die Hinweise darauf, dass ein Aufwachsen und Leben in der Großstadt die Verarbeitung von sozialem Stress im Gehirn erheblich beeinflusst, so das Fazit von Florian Lederbogen und Kollegen. (fp)