Stark erhöhte Radioaktivität im AKW Gundremmingen

Fabian Peters

Stark erhöhte Radioaktivität bei Jahresrevision im AKW Gundremmingen

14.11.2011

Bei dem Atomkraftwerk Gundremmingen zwischen Ulm und Augsburg sind im Rahmen der Jahresrevision deutliche mehr radioaktive Edelgase in die Umwelt abgegeben worden, als im normalen Leistungsbetrieb. Dies berichtete die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW am Freitag unter Berufung auf die erstmals ungemittelt vorliegenden Messwerte.

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Die Experten des Ärzteorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.) erklärten, dass im September mit Beginn der Jahresrevision bei dem Atomkraftwerk Gundremmingen die Emissionswerte der radioaktiven Edelgase „schlagartig in extremer Weise“ angestiegen seien. Dabei wurden den IPPNW-Angaben zufolge kurzfristig Spitzenbelastungen erreicht, die knapp 500 mal höher lagen als im Normalbetrieb. Während die atomkritische Ärzteorganisation vor „wahrscheinlichen gesundheitlichen Folgen solcher Emissionsspitzen“ warnt, verwies der Betreiber des Kernkraftwerks Gundremmingen darauf, dass die geltenden Grenzwerte trotz der erhöhten Freisetzung radioaktiver Edelgase eingehalten wurden.

Radioaktivität 500 mal höher als im Normalbetrieb
Wie IPPNW berichtet, lag die Emissions-Konzentration des Atomkraftwerks vor der Jahresrevision ungefähr bei drei Kilo-Becquerel pro Kubikmeter und ist mit dem Beginn der Revision auf mehr als 700 Kilo-Becquerel pro Kubikmeter am Spätnachmittag und Abend des 22. September angestiegen. Zwischenzeitig wurde laut IPPNW ein Maximalwert von 1470 Kilo-Becquerel pro Kubikmeter erreicht und auch während der Folgetage zwischen dem 23. und dem 29. September lag die Belastung mit durchschnittlich 106 Kilo-Becquerel pro Kubikmeter immer noch rund 30 mal so hoch wie im normalen Leistungsbetrieb. Zur Ursache der erhöhten Freisetzung radioaktiver Stoffe erklärte die atomkritische Ärzteorganisation, dass bei einer Revision mit Brennelementewechsel der Deckel des Reaktordruckgefäßes geöffnet wird und so neben „radioaktivem Kohlenstoff weitere Radionuklide, wie Tritium, Jod-131, Cäsium-137 und radioaktive Edelgase“ entweichen können. Die Angaben zu den freigesetzten radioaktiven Partikel und den radioaktiven Edelgase lagen bisher jedoch ausschließlich als gemittelte Werte vor. Aufgrund einer Anfragen der IPPNW und der Grünen im Bayerischen Landtag wurden nun jedoch erstmals auch die ungemittelten Werte veröffentlicht. Die wissenschaftliche Auswertung dieser Werte durch das IPPNW und den Nürnberger Wissenschaftler Dr. Alfred Körblein verdeutlichte den massiven Anstieg der Emissionen zu Beginn der Jahresrevision in Gundremmingen. Wie Dr. Körblein betonte erreichte die Konzentration radioaktiver Edelgase „im Maximum das 500-fache des Normalwerts.“

Gesundheitsrisiko durch die freigesetzte Radioaktivität – insbesondere für Kinder
Die enormen Emissionsspitzen bei dem AKW Gundremmingen waren für die IPPNW-Experten noch einmal Anlass vor möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch die radioaktive Belastung zu warnen. Dem IPPNW-Vorstandsmitglied, Reinhold Thiel, zufolge sind insbesondere „ungeborene Kinder im Mutterleib“ gefährdet, da „schwangere Frauen in den Betriebsphasen mit geöffnetem Reaktordruckgefäß mit der Atmung mehr radioaktive Nuklide aufnehmen als sonst.“ Diese gelangen über die mütterliche Blutbahn und die Plazenta zum ungeborenen Kind, was im schlimmsten Fall das Auftreten bestimmter Erkrankungen bei den Kindern fördern könne, erklärte Thiel. Als Beispiel nannte der Experte das erhöhte Leukämie-Risiko von Kindern mit Wohnorten in der Nähe der Atomkraftwerke, welches durch „die Ergebnisse der 2007 veröffentlichten Kinderkrebsstudie des Mainzer Kinderkrebsregisters“ plausibel erklärt werde.

Betreiber verweist auf Einhaltung der Tagesgrenzwerte
Die Betreiber des Atomkraftwerks Gundremmingen – die Kernkraftwerk Gundremmingen GmbH, welche zu 75 Prozent der RWE Power AG und zu 25 Prozent der E.ON Kernkraft GmbH gehört – schlossen gesundheitliche Risiken durch die erhöhten Emissionen im Rahmen der Jahresrevision jedoch aus. Ein Sprecher der Kernkraftwerk Gundremmingen GmbH erklärte, dass bei der Jahresrevision alle Grenzwerte für den Ausstoß radioaktiver Stoffe eingehalten worden seien und die kontrollierte Aktivitätsableitung deutlich unterhalb der genehmigten Grenzwerte gelegen habe. Den Kraftwerksbetreibern zufolge ist für die Abschätzung möglicher Gesundheitsrisiken bisher ausschließlich der sogenannte Tagesgrenzwert relevant, der die Summe aller Ableitungen innerhalb von 24 Stunden inklusive des Spitzenwertes widerspiegelt. Kurzfristige Ausreißer, wie der um das 500-fache erhöhte Emissionswert, seien zu vernachlässigen, da auch an den Tagen mit den höchsten Emissionen der Tagesgrenzwert um rund 85 Prozent unterschritten worden sei, erklärte der Sprecher der Betreibergesellschaft.

Ungemittelte Halbstundenwerte zur Abgabe radioaktiver Stoffe erforderlich
Die IPPNW-Experten sehen dies jedoch anders und bemängelten die bisherigen Vorgehensweise, bei der die entsprechenden Messwerte von den Aufsichtsbehörden und Kraftwerksbetreibern lediglich als nivellierte Mittelwerte veröffentlicht werden. „Für eine vernünftige wissenschaftliche Auswertung zum Schutz ungeborener Kinder, brauchen wir jetzt von allen Atomkraftwerken ungemittelte Halbstundenwerte aller radioaktiven Abgaben“, betonte Reinhold Thiel. Diese Werte seien in der Vergangenheit „von den Aufsichtsbehörden und den Atomkraftwerksbetreibern wie Betriebseigentum behandelt und trotz mehrfacher Nachfragen lediglich in gemittelter Form zur Verfügung gestellt“ worden, so die Kritik der atomkritischen Ärzteorganisation. Für die Abschätzung des Gesundheitsrisikos durch die freigesetzte Strahlung müssen die Werte nach Ansicht der IPPNW in Zukunft zeitnah und ohne Nivellierung über einen längeren Zeitraum zur Verfügung gestellte werde. (fp)