Schnelles Auf und Ab bei bipolaren Störungen

Heilpraxisnet

Auf und ab bei bipolaren Störungen: Das Leben in den Extremen

11.04.2015

Etwa zwei Millionen Menschen leiden an starken Stimmungsschwankungen. Ärzte nennen diese Form einer psychischen Erkrankung „bipolare Störung“. Diese schwere Krankheit führt nicht nur zur sozialen Isolation, sondern kann sogar zum Tode führen. Die Gefahr eines Suizids ist deutlich erhöht. Die zum Teil massiven Stimmungsschwankungen verlaufen in Episoden.

Gefühlswelt gleicht einer Achterbahnfahrt
In Deutschland leiden laut Schätzungen rund zwei Millionen Menschen an einer bipolaren Störung. Die Gefühlswelt der Betroffenen gleicht einer Achterbahnfahrt. Die in Phasen verlaufenden Stimmungsschwankungen wechseln zwischen ausuferndem Hochgefühl und zerstörerischen Tiefs. Ein normaler Alltag lässt sich durch diesen ständigen Wechsel zwischen Manie und Depression kaum bewältigen. Studien zufolge besteht bei Betroffenen ein bis zu 30-fach erhöhtes Selbstmordrisiko im Vergleich zur Normalbevölkerung. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählen bipolare Störungen zu den zehn Erkrankungen, die weltweit am häufigsten zu andauernder Behinderung führen.

Mehr zum Thema:

Grenzenloser Tatendrang und Euphorie
Die Agentur schreibt zunächst über Thomas Stein (Name geändert). Der Hamburger kann einen interessanten Lebenslauf vorweisen. Er hat an vielen unterschiedlichen Orten der Welt gelebt und gearbeitet, hat Unternehmen beraten, Nichtregierungsorganisationen betreut und Internet-Startups gegründet. Allerdings gehören auch harte Brüche und lange Klinikaufenthalte zum Leben des heute Fünfzigjährigen. Als 18-Jährigen wirft es ihn in einer sehr stressigen Lebensphase zum ersten Mal aus der Bahn. Er macht sein schriftliches Abitur, nebenbei die Fahrschule. Zunächst fühlt er sich durch die Anforderungen belastet und unter Druck, doch dann schlägt die Gefühlslage zu grenzenlosem Tatendrang und Euphorie um. Er überredet Freunde mit ihm in Frankreich ein Haus zu kaufen, blendet den nicht vorhandenen finanziellen Background dabei aber völlig aus. Thomas Stein ist inmitten seiner ersten Manie.

„Man fühlt sich wie unter Drogen“
Prof. Martin Schäfer, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Suchtmedizin in Essen und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen erklärte gegenüber der dpa: „In der Manie kann es passieren, dass Patienten im Job eine ganze Firma ins Wackeln bringen, indem Sie zum Beispiel als Banker an der Börse durch waghalsige Geschäfte viel Geld verspekulieren.“ Bei Betroffenen schüttet der Körper zu viele euphorisch machende Botenstoffe wie Dopamin aus. „Man fühlt sich wie unter Drogen: euphorisch, enthemmt, gut drauf, voller Energie, Schlaf scheint überflüssig“, so Schäfer. Bei einer Manie trauen sich Betroffene im grenzenlosen Überschwang der Gefühle oft alles zu, blenden Gefahren aus, handeln übertrieben und stürzen sich in riskante Geschäfte. Bei extremer Ausprägung können auch Wahrnehmungsverschiebungen auftreten.

Völlige Energie- und Antriebslosigkeit
Auf der anderen Seite kennen dieselben Menschen auch die Kehrseite: die oft langen Phasen der Depression, geprägt von innerer Unruhe, Ängsten, Schuldgefühlen, Suizidgedanken, Entscheidungsunfähigkeit und völliger Energie- und Antriebslosigkeit. Extreme Gefühlsschwankungen sind typisch für eine bipolare Störung, unter der auch Thomas Stein leidet. Es gibt aber neben der zerstörerischen Komponente auch die andere Seite der bipolaren Störung. „Die beginnende Manie, die Hypomanie, kann bedeuten, dass es einem gut geht, man enorm leistungsfähig ist, andere mitreißen kann“, erklärte der Leiter der Ambulanz für Psychosen und Bipolare Störungen, Prof. Thomas Bock. Künstler wie Vincent van Gogh oder Robert Schumann haben in solchen Phasen Großes geschaffen.

Ursachen für bipolare Störungen weitgehend unklar
Die Ursachen für bipolare Störungen sind noch weitgehend ungeklärt. Das Risiko ist höher, wenn in der Familie bereits Depressionen oder bipolare Erkrankungen aufgetreten sind. „Es gibt bis in die höchsten Etagen der Wirtschaft hinein Menschen mit bipolaren Störungen“, erläuterte Bock. Die Störung bedeute zwar nicht unbedingt, dass man nicht arbeiten kann, doch die Gefahr des Umschlagens von einem Extrem ins andere, des Absturzes in die zerstörerische Manie oder Depression, bleibt. Die Diagnose ist oft schwer. „Von der ersten depressiven Episode bis zur Diagnose der bipolaren Störungen vergehen nicht selten gut zehn Jahre“, so Schäfer. Daher erhalten viele Betroffene über lange Jahre keine adäquate Behandlung. Der Leidensdruck ist enorm. „Die Suizidrate bei Menschen mit bipolaren Störungen ist 10 bis 15 Mal höher als in der Normalbevölkerung“, sagte Schäfer. Ohne Medikamente verläuft die manisch depressive Erkrankung wesentlich schwerer. Ein besonderes Risiko stellen Stressund Belastung, vor allem verbunden mit Schlafmangel, dar. Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle sind enorm wichtig, um sich vor dem Abgleiten in Extremphasen zu schützen.

Mehr auf die eigenen Bedürfnisse achten
„Meine Erfahrung ist, dass Menschen mit bipolarer Störung eher überangepasste Menschen sind, die es anderen rechtmachen wollen, die nicht gelernt haben, sich genügend abzugrenzen. Und dann werden sie erschlagen von allen Ansprüchen, den fremden und den eigenen“, erläuterte Prof. Bock. Bei der Erkrankung sei entscheidend, mehr auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Dies zu vermitteln ist eine wichtige Aufgabe der Psychotherapie. Gesprächs- und Verhaltenstherapien können Betroffenen helfen, sich besser kennenzulernen und auch frühe Warnsignale zu erkennen. Prof. Schäfer ergänzte, dass es nur wenige Störungen gibt, bei denen die Information so wichtig ist, bei denen man so viel erreichen kann, indem man sich schult und schulen lässt. „Man braucht mit dieser Krankheit enorm viel Disziplin“, meinte Thomas Stein. Es lohne sich aber zu kämpfen, denn das Leben sei mehr als die Krankheit. „Ich möchte anderen Menschen ebenso wie mir selbst zeigen, dass sich das ‚Abenteuer Dasein‘ lohnt.“ Er selbst hat in dieser Hinsicht viel geschafft. Ein sehr wichtiger Lebensaspekt für ihn ist die Arbeit. Privat hat die Krankheit aber vieles kaputt gemacht. (ad)