Starkes Rizin-Gift: Patient ist immun gegen das tödliche Gift

Alfred Domke

Deutscher Patient ist immun gegen tödliches Gift Rizin

Rizin ist einer der giftigsten Stoffe der Welt. Das Pflanzengift wurde auch für die biologische Kriegsführung genutzt. Bislang ist kein wirksames Gegengift bekannt. Es gibt jedoch Menschen, die gegen Rizin immun sind. Weltweit sind drei dieser Personen bekannt, eine davon stammt aus Deutschland.


Rizin gilt als eines der tödlichsten Gift überhaupt

Rizin ist eines der tödlichsten Gifte der Welt. Im deutschen Kriegswaffenkontrollgesetz wird das Pflanzengift als Kriegswaffe gelistet. Im Laufe der Geschichte wurde der Stoff immer wieder zur biologischen Kriegsführung eingesetzt und in den vergangenen Jahren auch im Rahmen bioterroristischer Angriffe. Im April 2013 geriet das Gift international in die Schlagzeilen, weil das FBI einen mit Rizin versehenen Brief an den damaligen US-Präsidenten Obama abfing. Bislang ist kein wirksames Gegengift bekannt. Doch manche Menschen sind gegen das gefährliche Gift immun. Einer von ihnen kommt aus Deutschland.

Rizin ist ein giftiges Protein aus den Samen des Wunderbaums. Der Stoff gilt als eines der tödlichsten Gifte der Welt. Manche Menschen mit seltenen Erkrankungen sind gegen das Pflanzengift immun – auch ein Deutscher. (Bild: Nina Hoff/fotolia.com)

Regenschirmattentat mit Pflanzengift

Rizin wurde weltweit bekannt, als 1978 der bulgarische Dissident Georgi Markow in London ermordet wurde. Das Universitätsklinikum Münster (UKM) schreibt dazu in einer Mitteilung:

„Ein Reporter wartet im Stadtverkehr auf den Bus, als ein vorbeigehender Passant ihn anscheinend zufällig mit der Spitze seines Regenschirms am Bein berührt – vier Tage später ist der Mann tot.“

Und weiter: „Die Obduktion ergibt, dass das Pflanzengift Rizin injiziert wurde, mittels einer millimetergroßen Platinkugel ins Bein – die Legende des Regenschirmattentats ist geboren.“

Obwohl bis heute kein wirksames Gegengift gefunden wurde, gibt es laut UKM drei Menschen auf der Welt, die das Attentat überlebt hätten: Sie haben einen genetisch bedingten Stoffwechsel-Defekt, können den Zucker Fucose nicht umsetzen.

Einer von ihnen ist der 20-jährige Jakob (Name geändert), der seit seiner Geburt am UKM behandelt wird.

Aufnahmemechanismus des Gifts wird nun besser verstanden

Jakob, der 1997 mit 770 Gramm deutlich zu früh zur Welt kam, musste schon am Tag nach der Geburt das erste mal operiert werden. In seinen ersten beiden Lebensjahren hatte er oft hohes Fieber.

„Wir konnten uns lange nicht erklären, warum er immer wieder das Fieber hat“, erklärt Prof. Dr. Thorsten Marquardt, Leiter des Bereichs Angeborene Stoffwechselerkrankungen am UKM, in einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa.

Den Angaben zufolge sei ein junger Arzt auf der Station schließlich auf die richtige Spur gekommen: „Er biss sich daran fest, dass Jakob viel zu viele weiße Blutkörperchen hat“, erläutert der Mediziner.

„Für die Forschung ist Jakob ein Glücksgriff“, so Marquardt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Auch dank ihm verstehe man den Aufnahmemechanismus des Gifts heute besser. „Wo man die Mechanismen kennt, kann man Gegengifte entwickeln“, sagt der Experte.

Rizin ist ein giftiges Protein aus den Samen des Wunderbaums. Schon die Dosis weniger Samenkörner kann mitunter tödlich sein.

„Symptome einer Vergiftung sind etwa Erbrechen, Durchfall, Kreislauf- und Nierenversagen“, erläutert der Toxikologe Prof. Markus Christmann von der Universitätsmedizin Mainz in der dpa-Meldung.

Nur drei Patienten weltweit

Wissenschaftler des UKM und Forscher des Instituts für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (IMBA) hatten vor wenigen Monaten berichtet, dass sie die Wirkungsweise des natürlichen Giftstoffes Rizin entschlüsselt haben.

Geholfen hat dabei ein Patient: „Vor fast 20 Jahren lernten wir hier Jakob kennen, der genau diese seltene Stoffwechselkrankheit hatte. Den Kollegen aus Wien stellten wir Hautproben zur Verfügung, mithilfe derer sie den Wirkungsmechanismus von Rizin entschlüsseln konnten“, erläutert Marquardt in der Mitteilung.

Laut den Experten sind es zwei Gene, die Rizin tödlich machen. Eines davon ist bei den Patienten defekt, deshalb sind ihre Zellen gegen das Gift immun.

Neben Jakob gibt es weltweit nur noch zwei weitere Personen, von denen bekannt ist, dass sie den gleichen Defekt haben. Beide leben in Israel.

Da nun bekannt ist, dass Betroffene aufgrund des Gendefekts keine Fucose produzieren können, konnte eine Therapie entwickelt werden: Dem Patienten in Münster wird Fucose künstlich zugeführt.

Laut UKM waren die Fieberschübe, die den Jungen dazu zwangen, ein ganzes Jahr im Krankenhaus zu verbringen, dank der Medikation schnell vorüber.

Schritt auf dem Weg zum Gegengift

„Die neu gewonnenen Erkenntnisse über die Entschlüsselung des Wirkmechanismus eines der tödlichsten Gifte überhaupt sind ein Paradebeispiel dafür, wie die Beschäftigung mit seltenen Erkrankungen nicht nur den betroffenen Patienten helfen kann, sondern auch fundamentale wissenschaftliche Ergebnisse liefert, die der Medizin insgesamt zugutekommen“, so Marquardt in der Mitteilung des UKM.

Ihre Studie, die im Fachmagazin „Cell Research“ veröffentlicht wurde, sei ein weiterer Schritt auf dem langen Weg zum Gegengift: „Noch ist das Zukunftsmusik, aber wir sind ein Stück weitergekommen.“

Seltene Krankheiten gar nicht so selten

Jakob haben die Mediziner helfen können, doch viele andere Patienten müssen oft lange oder vergeblich auf Hilfe warten.

Laut dem Nationalen Aktionsbündnis für Menschen mit seltenen Erkrankungen (NAMSE) gilt eine Krankheit dann als selten, wenn weniger als fünf von 10.000 Menschen betroffen sind.

Allein in Deutschland leiden rund vier Millionen Menschen an einer der etwa 6.000 seltenen Erkrankungen, die bislang einen Namen haben. Europaweit sind 30 Millionen Patienten betroffen. Seltene Erkrankungen sind also oft gar nicht so selten.

Weil es an Spezialisten und häufig auch an wirksamen Therapien fehlt, ist die Diagnose oft schwierig und langwierig. Erfolgversprechend ist hier eine Neuerung, die vor einigen Jahren am „Frankfurter Referenzzentrum für Seltene Erkrankungen“ (FRZSE) eingeführt wurde.

Dort suchen junge Medizinstudenten nach der Diagnose bei seltenen Erkrankungen. Sie erkennen diese häufig besser als ältere, erfahrenere Mediziner.

Das NAMSE arbeitet seit 2010 daran, auf dem Gebiet solcher Leiden ein koordiniertes Handeln zu erreichen – dazu gehört, dass Fachzentren gegründet werden.

Wie Christine Mundlos von der Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (Achse) in der Agenturmeldung erläutert, gebe es bundesweit derzeit 28 Zentren.

Allerdings fehle es bislang an einem Zertifizierungsverfahren – die Kliniken können sich selbst Fachzentrum nennen. Es werde daran gearbeitet, dass sich das ändere. (ad)