Stiftung Warentest: Keime im Hühnerfleisch

Fabian Peters

Stiftung Warentest warnt vor Keimen in Hähnchenschenkeln

26.09.2013

Die Stiftung Warentest hat bei einer aktuellen Untersuchung in fast jedem zweiten getesteten Hähnchenschenkel eine zu hohe Keimbelastung festgestellt. Besonders kritisch war dabei auch, dass viele der getesteten Produkte Keime aufwiesen, die Resistenzen gegen Antibiotika entwickelt haben. Zwar sei Hühnerfleisch nie völlig frei von Keimen, doch sollten diese „kritische Mengen nicht überschreiten und nicht krank machen“, betont die Stiftung Warentest.

Aufgrund des massiven Einsatzes von Antibiotika in der Vieh- und Geflügelhaltung haben sich in den vergangenen Jahren vermehrt resistente Keime gebildet, die nun auch mit den Hähnchenschenkeln und Co. in die Kühlregale der Supermärkte und schließlich in die Kühlschränke der Verbraucher gelangen. Eine äußerst kritische Entwicklung, denn immungeschwächte Personen könnten sich mit den Keimen infizieren und eine Behandlung würde anschließend durch die Resistenzen massiv erschwert. Das nun von der Stiftung Warentest „in 12 der 20 getesteten Produkte resistente Bakterien“ nachgewiesen wurden, bestätigt eine Entwicklung, vor der Experten bereits seit Jahren warnen.

Verbreitung resistenter Erreger über die Nahrungsmittelversorgung
Wurde die Verbreitung resistenter Keime anfangs vor allem mit dem Kliniksektor in Zusammenhang gebracht, hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass insbesondere die Tier- und Geflügelmastbetriebe hier ebenfalls eine unrühmliche Rolle spielen. Seit Jahren fordern Experten daher, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung zu reduzieren. So vertritt beispielsweise das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die Position, dass „der Antibiotikaeinsatz auf das unbedingt therapeutisch notwendige Maß begrenzt werden“ müsse und „Anstrengungen, die Tiere gesund zu erhalten, damit keine Behandlung erforderlich ist, im Vordergrund stehen“ sollten. Eine Forderung die bislang jedoch leider meist kein Gehör findet.

Verderbnis- und Krankheitskeime in Hähnchenschenkeln
Die Stiftung Warentest hat nach eigenen Angaben die Hähnchenschenkel „auf Verderbnis- und Krankheitskeime sowie antibiotikaresistente Bakterien“ geprüft und wurde dabei bedauerlicherweise sehr oft fündig. So haben neun der 20 getesteten Produkte „kurz vor dem oder am Verbrauchsdatum mikrobiologisch nur ausreichend oder mangelhaft“ abgeschnitten, berichtet die Stiftung Warentest. In zwei Produkten („Bio Geflügel“ und „Le Marensin“) seien mehr Listerien nachgewiesen worden, als die EU erlaubt. Bei anderen Bakterien wie beispielsweise Pseudomonaden oder Enterobakterien seien oft die Richt- oder Warnwerte der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie überschritten worden. Auch haben die Tester laut Mitteilung der Stiftung Warentest in acht Produkten Campylobacter nachgewiesen, einen Erreger der Durchfall auslösen kann und der ein typischer Keim bei Hühnerhofbewohnern ist. Insgesamt hätten lediglich fünf der 20 getesteten Produkte gut abgeschnitten, „darunter auch die Hähnchenschenkel dreier großer Handelsketten“, berichtet die Stiftung Warentest.

Bio-Produkte vermehrt mit Keimen, aber seltener mit resistenten Erregern
Von den getesteten Bio-Produkten konnte den Angaben der Tester zufolge keines eine gute Bewertung erreichen. Die Bio-Hähnchenschenkel hätten alle auffällig viele Verderbnis- und Krankheitskeime enthalten, weshalb „keines der getesteten Produkte besser als befriedigend“ abschnitt, berichtet die Stiftung Warentest. Erfreulich war jedoch die deutlich geringere Belastung der Bio-Produkte mit antibiotikaresistenten Erregern. Resistente Keime wurden lediglich in einem der fünf getesteten Bio-Hähnchenschenkel nachgewiesen. Die Stiftung Warentest führt das gute Ergebnis des Bio-Hühnerfleischs auf den deutlich geringeren Antibiotikaeinsatz während der Aufzucht zurück. Beispielsweise dürften „Bio-Masthähnchen die Medikamente nur einmal in ihrem kurzen Leben erhalten.“ Vergleichbar strenge Regeln gebe es in der konventionellen Landwirtschaft nicht. Hier werde oftmals vorsorglich der gesamte Bestand mit Antibiotika behandelt, wenn einzelne Tiere kränkeln, berichtet die Stiftung Warentest. Ein nordrhein-westfälischer Behördenbericht aus dem Jahr 2011 habe gezeigt, „dass 92 Prozent der Masthühner in geprüften Betrieben Antibiotika erhielten.“

Gesundheitsrisiko durch resistente Erreger
Durch den leichtfertigen, massenhaften Einsatz der Antibiotika werden die Bakterien zunehmend immun gegen die antibakteriellen Arzneien. Einer der Erreger mit umfassender Antibiotikaresistenz ist MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus). Ihn hat die Stiftung Warentest in fünf Hähnchenschenkeln nachgewiesen. In elf Produkten entdeckten die Tester Darmkeime, „die durch ein spezielles Enzym ganze Antibiotika-Gruppen zerstören.“ Zwar würden die resistenten Keime gesunden Menschen normalerweise nicht schaden, „doch bei Immunschwäche, etwa durch Alter, Krankheit oder immundämpfende Medikamente, können sie sich über die Maßen vermehren oder in Blutgefäße und Organe eindringen“, warnt die Stiftung Warentest. In Kliniken stellen die antibiotikaresistenten Erreger ein besonderes Problem dar, weil sie über offene Wunden, Katheter und Kanülen in den Organismus eindringen und schwerwiegende Infektionen verursachen können.

Verkürzung der Verbrauchsfrist?
Angesichts der Keimbelastung zahlreicher Proben, empfiehlt die Stiftung Warentest den Herstellern eine Verkürzung der Verbrauchsfrist beziehungsweise der Haltbarkeitsangaben, um sicherzustellen, dass von dem Verzehr kein Risiko ausgeht. Nach Ablauf der Verbrauchsfrist „sollte man Geflügel wegwerfen – dann haben sich Keime trotz Kühlregal und Kühlschrank so stark vermehrt, dass das Essen übel munden oder gar krankmachen kann“, betont die Stiftung Warentest. Die Verbraucher müssten sich der Tatsache bewusst sein, dass es grundsätzlich keine sterilen Hähnchenschenkel geben könne und eine Einhaltung der Hygiene daher umso wichtiger sei. „Damit die Keime nicht überhand nehmen, gehören gekaufte Keulen sofort in den Kühlschrank“, berichten die Tester. Auch würden beim Durchgaren oder -braten vor dem Verzehr die Bakterien abgetötet – selbst schädliche und resistente. Im Zweifelsfall sollte demnach das Fleisch lieber eine Minute länger in der Pfanne garen als zu kurz. (fp)

Bild: Petra Bork / pixelio.de