Über 30.000 tödliche Klinik-Infektionen pro Jahr?

Fabian Peters

Zahl der Todesfälle durch Krankenhausinfektion höher als bislang angenommen?

28.03.2014

Jährlich sterben zehntausende Menschen in Deutschland an den Folgen einer sogenannten Klinik-Infektion (nosokomialen Infektionen). Auf der Pressekonferenz zum 12. Kongress für Krankenhaushygiene erklärten die Experten der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) nun, „dass die Anzahl der nosokomialen Infektionen und der nosokomialen Todesfälle deutlich höher ist als bisher von offizieller Seite verkündet.“ Einer aktuellen Untersuchung der DGKH zufolge sei von 900.000 Infektionen und mindestens 30.000 Todesfälle auszugehen.

Die auf dem Kongress genannten Zahlen zu den Klinik-Infektionen sorgten bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) für Empörung. Zwar sei „jede vermeidbare Infektion infolge einer medizinischen Behandlung immer eine zu viel. Es ist aber unverantwortlich gegenüber den Patienten und wenig hilfreich für die Krankenhäuser, nicht gesicherte Annahmen über Todesfallzahlen in die Welt zu setzen“, kritisierte der DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum. „Das Nationale Referenzzentrum gehe von jährlich 2.000 bis 4.500 möglichen Patienten aus, die an einer vermeidbaren nosokominalen Infektion versterben würden“, so die Pressemitteilung der DKG weiter.

Während die Verbände sich in Bezug auf die tatsächliche Zahl der jährlichen Klinik-Infektionen äußerst uneins sind, lassen beide keinen Zweifel daran, dass hier Handlungsbedarf besteht. Allerdings haben sie dabei durchaus unterschiedliche Auffassungen zu den erforderlichen Maßnahmen. Die DGKH forderte eine Verbesserung der Hygiene und eine deutliche Personalverstärkung, denn die Einhaltung der Hygiene-Regeln stehe und falle auch mit einer ausreichenden Anzahl gut ausgebildeten Personals. Die DKG verweist in ihrer Pressemitteilung indes auf das Problem antibiotikaresistenter Erreger und forderte eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenversicherungen für die Verbesserung der Prophylaxe. Auch seien bauliche Mängel zu beheben, wofür es entsprechender Investitionsmittel bedürfe.

Die Forderungen der DKG und DGKH erwecken ein wenig den Eindruck, als würde jeder hier zunächst im Sinne des eigenen Interessenverbandes agieren, anstatt tatsächlich eine Lösung für das Problem der nosokominalen Infektion zu suchen. Beispielsweise mag der Verweis des DKG-Hauptgeschäftsführers auf die „baulichen Unzulänglichkeiten“ und die Forderung nach einem Investitionsförderprogramm „für moderne Zimmer- und Sanitärausstattungen und für mehr Isolierräume“ durchaus gerechtfertigt sein, doch zeigt Baum damit nicht die Möglichkeiten auf, die bei den Kliniken selbst bestehen. Bei der Bekämpfung der Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern könnten die Krankenhäuser indes dem DKG-Hauptgeschäftsführer zufolge einen Beitrag zur Verbesserung der Prophylaxe leisten, indem beispielsweise der Kreis von Patienten ausgeweitet wird, die bei Aufnahme im Krankenhaus auf resistente Erreger getestet werden. Heute erfolge ein solcher Test und eine gegebenenfalls erforderliche Vorbehandlung bereits für „die vom Robert-Koch-Institut (RKI) benannten Risikogruppen.“ Sollten mehr Patienten getestet werden, müsste „allerdings die gesetzliche Krankenversicherung für die Mehrkosten auch aufkommen“, forderte DKG–Hauptgeschäftsführer Baum – an dieser Stelle wieder voll im Sinne seiner Mitglieder.

Sicher ist, dass die Kliniken ohne finanzielle Unterstützung durch die gesetzlichen Krankenkassen und die öffentliche Hand das Problem der nosokomialen Infektionen nicht beheben können. Da insbesondere die zunehmende Verbreitung antibiotikaresistenter Erreger nicht nur durch die unsachgemäße Anwendung von Antibiotika beim Menschen entsteht, sondern auch im Zusammenhang mit dem Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft beziehungsweise steht, sind zudem unter Umständen entsprechende gesetzgeberische Maßnahmen auf dieser Ebne erforderlich. Die von der DKGH genannten Zahlen zur den Klinik-Infektionen mögen zwar überhöht sein, doch haben sie zumindest bei den Akteuren die Aufmerksamkeit für das Thema deutlich erhöht. (fp)

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