Stress lässt Magen und Darm rebellieren

Heilpraxisnet

Stress lässt Magen und Darm rebellieren

30.08.2013

Es gibt Situationen, die stressen manche Menschen so sehr, dass sie Probleme mit dem Magen bekommen. Bei vielen endet das mit dem Gang zur Toilette. Ob ein bevorstehendes Bewerbungsgespräch, oder die Abgabe einer Prüfung. Der Drück fängt meist schon mit der bloßen Ankündigung eines Ereignissen an und schlägt dann auf Magen und Darm.

Manche Menschen reagieren mit leichter Übelkeit auf solche Stresssituationen, andere lässt das ganze kalt. Fest steht: Unser Gehirn steht mir unseren Verdauungsorganen in ständigem Kontakt. Im Magen-Darm-Trakt sitzen hundert Millionen Nervenzellen, so viele wie im Rückenmark. "Das, was sie machen sollen – nämlich die Bewegung, Abgabe von Verdauungssäften und Aufnahme von Nahrung steuern – machen sie von ganz alleine", entgegnet Prof. Joachim Erckenbrecht von der Gastro-Liga in Gießen. "Aber sie können durch das vegetative Nervensystem, das vom Gehirn gesteuert wird, beeinflusst werden."

Als Mittler zwischen Gehirn und Körper agiert das Zwischenhirn. Von hier aus werden Signale an alle Region des Körpers transportiert. Es ist unter anderem für die Ausschüttung aller Hormone zuständig. "Wenn beispielsweise jemandem, der Angst hat vor Hunden, ein sehr großer schwarzer Hund entgegen kommt, dann löst das im Gehirn aus: "Oh, Flucht! Oh, Stress!"", sagt Prof. Peter Falkai von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.

"Das meldet das Zwischenhirn an die Nebenniere." Die setze sofort eine große Menge des Stresshormons Cortisol frei. "Und das sorgt dann dafür, dass die Atmung beschleunigt wird, das Herz schneller schlägt, die Muskulatur durchblutet wird." Der Körper werde damit vorbereitet nach der Devise "zuhauen oder abhauen".

Abzug der Energiereserven
Kommt es zu einer Abwehraktion im Körper werden Energiereserven aus dem Magen-Darm-Trakt abgezogen, damit entsprechend reagiert werden kann. "Unsere Verdauungsprozesse kosten sehr viel Energie, benötigen viel Sauerstoff und Blut.

In Belastungssituationen ist das unproduktiv", sagt Paul Enck, Professor für psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Tübingen. Blut, das als Sauerstofftransporteur fungiert, wird dadurch aus den Verdauungsorganen abgezogen und stellt dadurch seine eigentliche Tätigkeit, die Nahrung zu transportieren, ein.

Bauchdrücken und Übelkeit sind dabei eher leichte Beschwerden. Im Extremfall will der Körper die Nahrungsreste schnellstmöglich loswerden – durch Erbrechen oder Durchfall. "Für die organischen Reaktionen ist mehr oder weniger egal, um was für eine Belastung es sich handelt – beruflicher Stress, Reiseaufregung oder ein Trauerfall. Je unvorhergesehener ein Ereignis ist, umso stärker muss die Reaktion des Körpers sein", führt Eck aus. Warum die Menschen unterschiedlich auf Belastungen reagieren, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt.

Zuwendung lässt uns stressresistenter werden
"Die unterschiedliche Sensibilität für Stress ist zum Teil angeboren, zum Teil aber auch erworben", sagt Falkai. Es gibt Zusammenhänge zwischen der Zuwendung, die man in der Kindheit efahren hat und die der späteren Stressresistenz. Außerdem spiele der eigene Umgang mit den Beschwerden für ihre Intensität eine Rolle. "Körperliche Stressreaktionen verstärken sich, wenn die Betroffenen sie als Katastrophe wahrnehmen." Auch Psychosomatiker Enck sieht mögliche Ursachen in der individuellen Geschichte. "So kann es gut sein, dass bei jemandem, der heute stark mit Magen und Darm reagiert, der Verdauungstrakt in der frühen Kindheit durch gehäufte oder auch schwere Infektionen sensibilisiert wurde. Genau dieselben Erfahrungen können allerdings auch dazu geführt haben, dass der Verdauungstrakt gegenüber Reizen abgehärtet wurde und heute nur sehr schwach reagiert."

Ab und zu mag ein ungutes Bauchgefühl verkraftbar und vielleicht als Warnsignal sogar gern gesehen sein. Ein ständiges zur Toilette rennen, ist aber zu viel Einfluss der Psyche auf die Verdauung. Ideal wäre es, erkennbare Stressfaktoren zu vermeiden. Doch Prüfungen, Meetings oder Reisen sind oft unumgänglich.

Auf die körperlichen Reaktionen einwirken
Doch es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf das Maß der körperlichen Reaktionen einzuwirken. "Man kann vor dem Verlassen des Hauses noch mal in Ruhe zur Toilette gehen, und man kann das Essen unterlassen oder auch versuchen, bestimmte Essgewohnheiten zu verändern", schlägt Enck vor.

Magen und Darm werden durch kleine Mahlzeiten mit wenig Fett und Ballaststoffen gering belastet. "Diese Inhaltsstoffe werden besonders langsam verdaut. Entsprechend bereiten sie vermehrt Probleme, wenn der Körper sie rasch loswerden will." Starke Übelkeit und Schmerzen könnten die Begleiterscheinungen sein.

Bei empfindliche Menschen werden sich starke psychische Belastungen jedoch immer auf die Verdauung auswirken. Wer ständig unter Strom steht, dem gibt eine Akutsituation den Rest. Das Stressniveau hat natürlich ebenfalls Einfluss auf die körperliche Reaktion.

"Viele Leute sind die besten Therapeuten: Sie wissen, was ihnen gut tut. Das können sie zum einen beherzigen, um ihr generelles Stressniveau zu reduzieren", erläutert Falkai. "Wenn ich weiß, dass ich lange brauche, um Dokumente sorgfältig zu lesen, kann ich entsprechend Zeit einplanen." In Stressphasen könne eine Tasse Tee nach dem Nachhausekommen oder ein Wannenbad gut tun.

Körperreaktionen sind in begrenztem Maße auch trainierbar und so besteht eine Möglichkeit die Stressresistenz positiv zu beeinflussen. "Möglicherweise kann man durch wiederkehrende Reizsituationen einen gewissen Gewöhnungseffekt erreichen", sagt Erckenbrecht. Das bedeutet: Wer Prüfungssituationen simuliert, übt nicht nur, sondern härtet sich möglicherweise auch ab. (fr)

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