Studie: Auch Depressionen schädigen stark unser Herz

Alfred Domke
Depressionen sind auch eine Gefahr für das Herz
Es ist seit langem bekannt, dass Faktoren wie Übergewicht beziehungsweise Adipositas, hohe Cholesterinwerte und ständiger Stress dem Herzen schaden und zu schweren Erkrankungen führen können. Forscher berichten nun, dass Depressionen in diesem Zusammenhang ähnlich gefährlich sind.

Depressionen wirken sich auf körperliche Prozesse aus
Depressionen sind so weit verbreitet, dass sie längst als Volkskrankheit bezeichnet werden können. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden global 350 Millionen Menschen an Depressionen. In Deutschland sind laut Gesundheitsexperten innerhalb eines Jahres rund sechs Millionen Menschen betroffen. Die WHO schätzt, dass Suizid und Freitod wegen Depressionen 2020 die zweithäufigste Todesursache auf der Welt sein wird. Doch die Krankheit beeinträchtigt nicht nur den seelischen Zustand, sondern kann sich auch auf körperliche Prozesse auswirken.

Depressionen beeinträchtigen nicht nur den seelischen Zustand, sondern können sich auch auf körperliche Prozesse auswirken. Sie bergen ein ähnlich großes Risiko für Herzkreislauferkrankungen wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. (Bild: Jürgen Fälchle/fotolia.com)

Erhöhtes Diabetes-Risiko und Schlaganfall-Gefahr
Schon vor Jahren haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass eine Depression das Diabetes-Risiko erhöhen kann. Zudem berichteten Forscher, dass die psychische Erkrankung Schlaganfälle provozieren könne.

Deutsche Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass Depressionen für Männer ein ähnlich großes Risiko für Herzkreislauferkrankungen bergen wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit.

Das berichten Forscher des Helmholtz Zentrums München gemeinsam mit Kollegen der Technischen Universität München (TUM) und des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) im Fachmagazin „Atherosclerosis“.

Großes Risiko für Herzkreislauferkrankungen
Karl-Heinz Ladwig, Gruppenleiter am Institut für Epidemiologie II des Helmholtz Zentrums München und Professor für psychosomatische Medizin am Klinikum rechts der Isar der TU München sowie Wissenschaftler am DZHK, erklärte in einer Mitteilung: „Mittlerweile gibt es kaum einen Zweifel daran, dass Depressionen ein Risikofaktor für Herzkreislauferkrankungen sind.“

„Die Frage ist eher: in welchem Verhältnis steht die Depression zu anderen Risikofaktoren wie Rauchen, hohen Cholesterinwerten, Fettleibigkeit und Bluthochdruck – was wiegt wie schwer“, so der Experte.

Um dieser Frage nachzugehen, untersuchte das Wissenschaftlerteam die Daten von 3.428 männlichen Patienten im Alter zwischen 45 und 74 und beobachtete deren Verlauf über einen Zeitraum von zehn Jahren.

„Die Arbeit basiert auf einem prospektiven bevölkerungsbezogenen Datensatz der MONICA/KORA-Studie, die mit einer Gesamtlaufzeit von bis zu 25 Jahren zu den wenigen Großstudien in Europa zählt, die solche Analysen ermöglichen“, erklärte der Statistiker Dr. Jens Baumert vom Helmholtz Zentrum München, der ebenfalls an der Publikation beteiligt ist.

Nur Bluthochdruck und Rauchen sind gefährlicher
In der Studie wurde die Depression mit den großen vier Risikofaktoren verglichen. „Unsere Untersuchung zeigt, dass das Risiko für eine tödliche Herzkreislauferkrankung in Folge einer Depression fast ebenso hoch ist, wie bei zu hohen Cholesterinwerten oder Fettleibigkeit“, fasste Ladwig zusammen.

Den Angaben zufolge sind nur noch Bluthochdruck und das Rauchen mit einem höheren Risiko verbunden.

Über die Bevölkerung betrachtet nimmt der Anteil an durch Depression verursachten Herzkreislauftoden etwa 15 Prozent ein. „Das ist vergleichbar mit den anderen Risikofaktoren wie Hypercholesterinämie, Fettleibigkeit und Rauchen“, so Ladwig. Hier reiche der Anteil von 8,4 bis 21,4 Prozent.

Warum nur Daten von Männern ausgewertet wurden
„Unsere Daten zeigen, dass Depressionen eine mittlere Effektstärke innerhalb der großen nicht angeborenen Risikofaktoren für Herzkreislauferkrankungen erreichen.“ Daher schlägt Ladwig vor: „Bei Hochrisikopatienten sollte die diagnostische Abklärung einer Depression als Begleiterkrankung Standard werden. Das könnte man mit einfachen Mitteln erfassen.“

Laut einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa erklärte der Studienleiter, dass die Studie Daten von Männer ausgewertet hatte, weil Frauen im Alter bis 65 selten Herzkreislauferkrankungen haben. Die Ergebnisse seien jedoch grundsätzlich auf Frauen übertragbar.

Zwar hatten auch schon frühere Studien einen Zusammenhang zwischen Depressionen und Herzkreislauferkrankungen nachgewiesen, allerdings nicht in diesem Ausmaß.

Bei seelischen Erkrankungen körperliche Seite im Blick
Arno Deister, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), erklärte laut dpa, das neue an der Studie sei unter anderem „die Aussage, dass Depression ein so großer Risikofaktor sein kann wie andere klassische Erkrankungen, von denen man das schon lange weiß“.

Zwar hätten Mediziner bei Patienten mit seelischen Erkrankungen meist auch die körperliche Seite mit im Blick, und bei körperlichen die seelische. „Aber bei der Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Kardiologen und Psychiatern könnten wir noch etwas besser werden“, so Deister.

Depressionen werden oft erst spät oder gar nicht erkannt. Zudem gelten sie in Teilen der Gesellschaft nicht als ernsthafte Erkrankung. „Depressive haben oft den Eindruck, sie sind nicht richtig krank – oder denken, sie hätten etwas falsch gemacht und seien selbst schuld“, sagte der Experte. Doch eine Depression greift tief in den Organismus ein. „Depression ist eine Form von massivem Stress.“

Depressive Herzpatienten mit besonderem Risiko
Ein besonderes Risiko haben dabei depressive Herzpatienten: „Die Patienten nehmen nicht so strikt ihre Medikamente und kümmern sich nicht so gut um Ernährung und sportliche Betätigung wie Nicht-Depressive“, erläuterte die Münchner Kardiologin Petra Hoppmann in der dpa-Meldung.

Außerdem wirke die Depression auf die Gefäße auch über Stresshormone, die den Stoffwechsel verändern. Wegen der daraus folgenden chronischen Entzündungsvorgänge können Adern leichter verstopfen.

Die neue Studie zeige diesen Effekt deutlicher als bisher. Ähnliche Vorgänge hätten andere Wissenschaftler auch bei chronischer Erschöpfung beobachtet.

„Herzliche Grüße“ und nicht „Gehirnliche Grüße“
Es ist bekannt, dass das Herz über Stresshormone besonders stark auf die Psyche reagiert. Schon seit Anfang der 1990er Jahre beschäftigen sich Kardiologen auch mit dem sogenannten „Broken-Heart-Syndrom“.

Das „gebrochene Herz“ führt bei schweren Verlusten, Trennungen und psychischer Belastung zu ähnlichen Symptomen wie ein Infarkt. So krampft sich das Herz zusammen und die Brust schmerzt. Ursache ist jedoch keine verschlossene Ader, sondern eine stressbedingte Schädigung des Herzmuskels, die in der Regel wieder heilt.

Wie Deister in der dpa-Meldung erklärte, beziehen sich Redewendungen wie „Jemand stirbt an gebrochenem Herzen“ und „sich etwas zu Herzen nehmen“ auf den besonderen Zusammenhang zwischen Herz und Gefühl. „Wir schreiben unter einen Brief ja auch „herzliche Grüße“ – und nicht „gehirnliche Grüße“.“ (ad)