Studie: Augen verraten sexuelle Orientierung

Fabian Peters

Pupillenreaktion als Indikator der sexuellen Orientierung

06.08.2012

Anhand der Augen lässt sich die sexuelle Orientierung ablesen. Wie US-Forscher in dem Fachmagazin „PLoS ONE“ berichten, ist die Pupillenerweiterung beim Anblick des bevorzugten Geschlechts „in der Regel ein verlässlicher Indikator der sexuellen Orientierung.“ Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit liefert zahlreiche Möglichkeiten für weitergehende Forschungen.

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In ihrer Studie wiesen die US-Forscher um Gerulf Rieger von der Cornell University in Ithaca nach, dass die Pupillenreaktion sich beim Anblick von Männern und Frauen in aufreizenden Posen entsprechend der sexuellen Orientierung unterscheidet. So weitete sich bei heterosexuellen Menschen die Pupille, wenn sie Personen des jeweils anderen Geschlechts betrachteten. Bei den homosexuellen Probanden beobachteten die Forscher die selbe Reaktion beim Betrachten Gleichgeschlechtlicher und Bisexuelle zeigten einen Weitung der Pupillen sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Die Entdeckung des Zusammenhangs könnte bei zukünftigen Studien deutliche Vorteile bieten, da die sexuelle Orientierung bislang objektiv nur mir Hilfe von Messungen der genitalen Erregung machbar ist. Dies empfinden viele Probanden als einen zu intimen Eingriff, so dass die Ermittlung anhand der Pupillenreaktion hier einen deutlichen Vorteil bietet, berichten die US-Wissenschaftler.

Pupillenreaktion von 325 Probanden analysiert
Im Rahmen ihrer Studie haben die Forscher um Gerulf Rieger die Pupillenreaktion von 325 Männern und Frauen untersucht, während diese verschiedenen sexuellen Reizen ausgesetzt wurden. Beim Betrachten erotischer Videos von Männern oder Frauen zeigten die Probanden deutliche Unterschiede in der Weitung der Pupillen. Seit längerem bestehe der Verdacht, dass die unwillkürliche Reaktion der Augen unterbewusst die sexuelle Orientierung widerspiegelt, doch wissenschaftliche Belege gebe es hierfür bislang nicht, begründeten die US-Wissenschaftler ihre Studie. Nachdem sie die Probanden zu ihrer sexueller Orientierung befragt hatten, zeigten sie den 160 Frauen und 165 Männer erotische Videoausschnitte und beobachteten dabei die Pupillenreaktion mit Hilfe einer speziellen Kamera, welche die Augenbewegung, Blickrichtung und die Weite der Pupillen erfasst.

Auge als Spiegel der sexuellen Orientierung?
Dabei galt es nicht nur herauszufinden, ob die Augen tatsächlich die sexuelle Orientierung erkennbar machen, sondern die Forscher überprüften auch weitere Hypothesen, wie zum Beispiel, ob „die Korrespondenz der Pupillenerweiterung zu männlichen oder weiblichen sexuellen Reizen mit der selbst berichteten sexuellen Orientierung bei Männern stärker ist als bei Frauen.“ Auch die allgemeine Annahme, dass heterosexuelle Männer weniger stark auf das gleiche Geschlecht reagieren als heterosexuelle Frauen, wurde im Rahmen der aktuellen Forschung genauer unter die Lupe genommen – und widerlegt. Insgesamt weiteten sich die Pupillen der heterosexuellen Männern und Frauen beim Anblick des jeweils anderen Geschlechts am stärksten, während homosexuelle Versuchspersonen eine deutliche Pupillenweitung beim Anblick des eigenen Geschlechts in erotischen Situationen zeigten. Bisexuelle Probanden reagierten auf beide Geschlechter in ähnlicher Weise. Doch die Forscher bemerkten auch einige ungewöhnliche Feinheiten.

Auch heterosexuelle Männer haben gelegentlich Interesse am eigenen Geschlecht
Zum Beispiel habe die Reaktion der Pupillen nicht immer mit den Aussagen der Probanden zu ihrer sexuellen Orientierung übereingestimmt. So hätten sich die Pupillen von Männern und Frauen, die sich selbst als heterosexuell einstuften, gelegentliche auch beim Anblick von Angehörigen des eigenen Geschlechts geweitet. Dabei waren Männer keineswegs ausgeschlossen. Obwohl bisher die Annahme galt, das Männer tendenziell eine striktere Trennung von homosexuellen und heterosexuellen Vorlieben aufweisen als Frauen, zeigten überraschend viele Männer auch beim Anblick des eigenen Geschlechts eine Pupillenweitung. Dieses Ergebnis widerlege das Vorurteil über die Sexualität von Männern, so Rieger und Kollegen. „Wir können eindeutig belegen, dass es nicht nur Frauen mit flexiblem sexuellem Begehren gibt“, betonte der Co-Autor der Studie, Ritch Savin-Williams. Nach Ansicht der US-Forscher reicht die gängige Einteilung in schwul, heterosexuell und bi nicht mehr aus, um die erkennbaren Abstufungen zu erfassen.

Pupillenreaktion mach die sexuelle Orientierung messbar
Die Auswertung der gewonnenen Daten habe ergeben, dass die Pupillenreaktion stark mit der sexuellen Orientierung korrelierte. „Wenn eine Versuchsperson im Laufe der 45-minütigen Testphase immer die gleiche unwillkürliche Reaktion auf die Bilder zeigt, dann spricht dies dafür, dass dies ein verlässliches Signal ist“, so die Aussage der US-Wissenschaftler. Erstmals sei ihnen mit der aktuellen Studie an einer größeren Zahl von Personen der Nachweis gelungen, dass die Pupillenreaktion eine messbare Auskunft über die sexuelle Orientierung geben kann, schreiben Rieger und Kollegen im Fachmagazin „PLoS ONE“. Für die Forschung biete die Feststellung der sexuellen Orientierung mittels der Pupillenreaktion vielversprechende neue Ansätze, da hier bislang die einzige Möglichkeit zur Messung des sexuellen Orientierung in Sensoren direkt an den Genitalien bestand. Diese intime und unangenehmen Methode kam für die meisten Menschen nicht in Betracht.

Forschung kann von den neuen Erkenntnissen zur Pupillenreaktion profitieren
„Wir wollten eine weniger invasive Methode finden“, um die sexuelle Orientierung messbar zu machen, betonte Rieger und ergänzte: „Die Pupillenreaktion ist genau dies.“ So könne die sexuelle Orientierung von Menschen erforscht werden, ohne sie der unangenehmen Messung der genitalen Erregung zu unterziehen. Auch biete die Messung der Pupillenreaktion eine Möglichkeit zum Beispiel die sexuelle Orientierung von Naturvölkern zu analysieren. Auf diese Weise ließe sich ein Vergleich mit der sexuellen Orientierung in den modernen Gesellschaften bewerkstelligen. Letztendlich könnten entsprechenden Forschungen dazu beitragen, die biologische Basis der menschlichen Sexualität zu entschlüsseln, schreiben Rieger und Kollegen. (fp)