Studie: Babys schreien in Deutschland weniger als in anderen Ländern

Nina Reese
Ländervergleich zeigt große Unterschiede beim Schreiverhalten
Babys schreien in Deutschland offenbar weniger als in anderen Ländern wie zum Beispiel Großbritannien und den Niederlanden. Zu diesem Ergebnis sind Wissenschaftler von der Universität Warwick gekommen, nachdem sie Daten zum Schreiverhalten von mehreren tausend Kindern analysiert haben. Den britischen Experten nach könnten unter anderem Unterschiede bei den Mutterschutzregelungen und der sozialen Unterstützung mögliche Gründe sein, warum Kinder in manchen Ländern mehr schreien als in anderen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden nun im Fachblatt „The Journal of Pediatrics“ veröffentlicht.

Schreien ist bei Neugeborenen ganz normal
Ob Hunger, Müdigkeit oder das Bedürfnis nach Nähe: Das Babys in den ersten Monaten schreien, ist völlig normal. Doch wie viel sie schreien, kann einer neuen Studie zufolge von Land zu Land ganz unterschiedlich sein. Wissenschaftler von der Universität Warwick (England) kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder in Großbritannien, Italien, Kanada und den Niederlanden am meisten brüllen. Am wenigsten schreien würden Neugeborene hingegen in Deutschland, Dänemark und Japan.

Forscher werten Daten von knapp 8700 Säuglingen aus
Die Forscher um den Psychologen Dieter Wolke hatten im Rahmen einer Meta-Analyse verschiedene Studien mit fast 8700 Säuglingen aus neun verschiedenen Ländern (z.B. Deutschland, Dänemark, Japan, Kanada, Italien und Großbritannien) ausgewertet, berichtet die Universität Warwick in einer Mitteilung. Sie berechneten, wie lange Babys in den ersten zwölf Lebenswochen über verschiedene Kulturen hinweg durchschnittlich innerhalb von 24 Stunden brüllen.

Es zeigte sich, dass Babys in den ersten zwei Lebenswochen durchschnittlich etwa zwei Stunden pro Tag schreien. Nach sechs Wochen steige der Wert in der Regel auf etwa zwei Stunden und fünfzehn Minuten pro Tag und verringere sich dann in den Wochen 6 bis 12 allmählich auf durchschnittlich eine Stunde und zehn Minuten. Dabei entdeckten die Forscher Kinder, welche weniger als 30 Minuten innerhalb von 24 Stunden weinten und andere, die länger als 5 Stunden schrien, so die Mitteilung.

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Babys in Großbritannien oft von Koliken betroffen
Die Unterschiede zwischen den Ländern waren dabei jedoch zum Teil enorm: Während in Großbritannien, Italien, Kanada und den Niederlanden relativ viel geschrien wurde, waren die Babys in Dänemark, Deutschland und Japan vergleichsweise ruhig. Für Deutschland berechneten die Forscher beispielsweise für ein drei bis vier Wochen altes Baby einen Durchschnittswert von knapp 81 Minuten am Tag – bei Säuglingen in Kanada und den Niederlanden wurden hingegen je 150 Minuten tägliches Schreien registriert.

Die Forscher prüften weiterhin, in welchen Ländern die Kinder am häufigsten so genannte Koliken hatten – definiert als das Schreien von mehr als 3 Stunden pro Tag an mindestens 3 Tagen pro Woche. Die höchsten Werte fanden sich hier unter anderem in Großbritannien, wo 28 Prozent der Neugeborenen in den ersten zwei Lebenswochen von Koliken betroffen waren. Im Gegensatz dazu wurden in Dänemark (5,5% bei 3-4 Wochen) und Deutschland (6,7% bei 3-4 Wochen) die niedrigsten Werte ermittelt.

Flaschenkinder weinen weniger
Über die Gründe der Länderunterschiede könne dem Forscher-Team nur spekuliert werden. Mögliche Ursachen seien abweichende ökonomische Bedingungen wie z. B. weniger soziale Ungleichheit, ebenso könnten Unterschiede in der Fürsorge und im Bereich der Betreuungssituation eine Rolle spielen.

Weiterhin sei es denkbar, dass genetische Faktoren und die Art der Fütterung einen Einfluss auf das Schreiverhalten von Neugeborenen haben könnten. Denn Kinder, die mit der Flasche bzw. im Wechsel zwischen Brust und Flasche gefüttert wurden, brüllten über den gesamten Tag hinweg (24 Stunden) insgesamt weniger als diejenigen, die ausschließlich gestillt wurden.

„Babys sind schon sehr verschieden, in Hinblick darauf, wie viel sie in den ersten Lebenswochen weinen – es gibt große, aber normale Abweichungen. Wir können mehr lernen, indem wir Kulturen betrachten, wo weniger geweint wird und beobachten, ob dies auf die Erziehung oder andere Faktoren in Bezug auf Schwangerschaftserfahrungen oder Genetik zurückzuführen ist“, so Professor Wolke laut der Mitteilung der Universität.

Eltern benötigen mehr Informationen
Für die Eltern sei es wichtig zu wissen, wie viel Schreien in den ersten Lebensmonaten normal sei. Doch häufig würden Informationen darüber noch nicht einmal in Geburtsvorbereitungskursen vermittelt. „Eltern sind oft nicht darauf vorbereitet, wie viel Säuglinge in den ersten drei Monaten schreien oder wimmern“, sagte Wolke gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. In den ersten drei Lebensmonaten könnten etwa 40 Prozent des Brüllens sogar gar nicht beruhigt werden, erklärt Wolke. „Eltern denken oft, dass sie etwas falsch machen oder dass mit dem Baby etwas nicht in Ordnung ist, wenn sie es nicht gleich beruhigen können.“

In einigen Fällen sei die Überforderung der Eltern so massiv, dass folgenschwere Fehler entstehen. Wichtig zu wissen sei, dass in mehr als 85 Prozent der Fälle eines Schüttelsyndroms das Schütteln des Kindes durch exzessives Schreien ausgelöst wurde, informiert Wolke. Etwa 30 von 100.000 Babys kämen Untersuchungen zufolge aufgrund schweren Schüttelns ins Krankenhaus – meist mit schlimmen Folgen wie Behinderungen oder sogar Tod. „Daher sollten Sorgen von Eltern hinsichtlich des Schreiens ernst genommen werden“, betont der Psychologe.

Wahrnehmung der Mütter sehr subjektiv
Aus Sicht von Prof. Dr. med. Sibylle Koletzko vom Dr. vom Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) seien die Ergebnisse der Meta-Analyse jedoch mit Vorsicht zu betrachten. Denn wie die Expertin gegenüber der Nachrichtenagentur erklärte, wurden zur Erhebung des Schreiverhaltens sehr unterschiedliche Methoden angewandt. Weiterhin sei die Einschätzung des Schreiens durch die Mütter sehr subjektiv, denn es sei kulturell geprägt, in welchem Maße dieses als „normal“ gilt. (nr)

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