Eine gesunde Darmflora hält auch das Gehirn gesund

Fabian Peters
Gesunde Darmflora könnte das Gehirn schützen
Dass eine gesunde Darmflora einen wichtigen Beitrag zum Schutz vor Infektionen, Allergien und anderen Krankheiten leistet, ist lange bekannt. Möglicherweise kann sie aber auch das Gehirn schützen. Denn laut einer neuen Studie hat die Bakterienzusammensetzung im menschlichen Darm sogar Einfluss auf Immunzellen im Gehirn.

Gesunde Darmflora beeinflusst den Verlauf von Alzheimer und MS
Eine neue Studie legt nahe, dass eine gesunde Darmflora offenbar auch das Gehirn schützt. Demnach beeinflusst die Besiedlung des Darms mit Bakterien lebenslang die Immunabwehr des Gehirns und damit möglicherweise auch den Verlauf von Hirnerkrankungen wie Alzheimer und Multipler Sklerose (MS). Dies hat ein Team um Neuropathologen des Universitätsklinikums Freiburg im Breisgau erstmals an Mäusen festgestellt. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass die Funktion von Fresszellen des Gehirns, sogenannte Mikroglia (auch Gehirn-Makrophagen genannt), durch Abbauprodukte von Darmbakterien gesteuert werden. Vor allem bei der Zersetzung von Ballaststoffen produzieren Bakterien kurzkettige Fettsäuren, die für die korrekte Funktion der Mikroglia benötigt werden.

buona e cattiva flora batterica intestinale
Eine gesunde Darmflora wirkt Infektionen und Allergien entgegen, kann jedoch offenabr auch vor Erkrankungen wie Alzheimer oder MS schützen. (Bild: rob3000/fotolia.com)

Ausgewogene Ernährung für die Vorbeugung von Gehirnerkrankungen
Es zeigte sich, dass Mäuse, deren Darm keine Bakterien enthielt, unreife und verkümmerte Mikroglia entwickeln. Wenn später eine Darmflora etabliert wurde, waren auch die Mikroglia-Zellen wieder gesünder. Fehlgesteuerte Mikroglia-Zellen spielen den Angaben zufolge bei mehreren Hirnerkrankungen eine Rolle. Wie die Reifung und Aktivierung dieser Zellen genau gesteuert wird, war bislang nicht klar. Die Forscher präsentierten ihre Ergebnisse nun in der Juli-Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift „Nature Neuroscience“ und vorab in der Online-Ausgabe der Zeitschrift. Die Studie gibt nicht nur Hinweise auf die mögliche Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen, sondern auch auf die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung für die Vorbeugung von Gehirnerkrankungen.

Gestörte Immunantwort nach Antibiotika-Therapie
Die Forscher stellten fest, dass Tiere, die in einer komplett keimfreien Umgebung aufgezogen und gehalten wurden, verkümmerte und unreife Mikroglia besaßen. Die Zellen reagierten kaum auf Entzündungsreize im Gehirn. Auch Mäuse, deren Darmbakterien durch eine vierwöchige Antibiotika-Therapie abgetötet worden waren, wiesen eine gestörte Immunantwort auf. Wenn die Mäuse aber mit gesunden Artgenossen in Kontakt kamen, etablierte sich bald eine Darmflora. Die Mikroglia-Zellen waren ebenfalls gesünder. „Je größer die Vielfalt der Darmbakterien war, desto besser entwickelten sich auch die Mikroglia“, so der Studienleiter Marco Prinz.

Mehr zum Thema:

Hohe Relevanz auch für den Menschen
In der Studie konnte nachgewiesen werden, dass kurzkettige Fettsäuren als Botenstoff zwischen Darmflora und Mikroglia dienen. Diese werden produziert, wenn Bakterien Ballaststoffe, Milchprodukte oder andere Nahrungsmittel abbauen. „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, wie wichtig für die geistige Gesundheit eine ausgewogene Ernährung ist“, erklärte Prinz in einer Mitteilung. Aber eben auch Bakterien, die daraus kurzkettige Fettsäuren herstellen können. Bei der Darmsanierung bekommen Betroffene daher auch oft Milchsäure-bildende Keime, wie Lactobazillen und Bifidobakterien in Höchstdosierungen. Eine weitere Möglichkeit ist die Einnahme von Kolibakterien und anderen Keimarten. Nach Einschätzungen der Forscher dürfte die neue Untersuchung auch für den Menschen eine hohe Relevanz haben. Bereits bekannt war, dass fehlgesteuerte Mikroglia-Zellen bei mehreren Hirnerkrankungen wie Alzheimer-Demenz eine Rolle spielen.

Behandlung durch Stuhltransplantation wird geprüft
Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin „Nature Neuroscience“ berichten, konnten bei Entzündungskrankheiten des Gehirns wie Multipler Sklerose Zusammenhänge mit der Darmflora gefunden werden. Zu den Resultaten passt demnach auch, dass Autoimmunerkrankungen des Darms wie Morbus Crohn mit einem Mangel an kurzkettigen Fettsäuren in Verbindung gebracht werden. In dem Bereich wird seit einiger Zeit die Behandlung durch eine sogenannte Stuhltransplantation geprüft, bei der die Darmflora von einem Menschen auf einen anderen übertragen wird. Auch wenn solche Stuhltransplantationen bei schwerem Durchfall und anderen Darmproblemen schon länger angewandt werden, kann es dadurch scheinbar auch zu rätselhaften Komplikationen kommen. So wurde kürzlich über eine Patientin berichtet, bei der sich eine starke Gewichtszunahme nach der Stuhltransplantation einstellte. Mediziner rätseln derzeit noch über die Ursachen. (ad)