Studie deckt Suchtgefahr des Internets auf

Astrid Goldmayer

Besorgniserregend: Vier Prozent der 14- bis 16-Jährigen sind internetabhängig

10.10.2012

Eine im Auftrag der Bundesregierung erstellte Studie zum Thema Internetsucht offenbart besorgniserregende Zahlen. Allein in der Altersgruppe der 14- bis 16-Jährigen sind demnach vier Prozent betroffen. Zu den Hauptrisikogruppen gehören zudem vor allem Männer, Arbeitslose, Migranten und Ledige. Die Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), stellte die Ergebnisse der Studie am Dienstag in Berlin vor.

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Ein Prozent der Deutschen leidet an Internetsucht
Laut Studie, die von den Universitäten Lübeck und Greifswald im Auftrag der Bundesregierung erstellt wurde, ist bereits ein Prozent der Deutschen, 560.000 Menschen im Alter zwischen 14 und 64 Jahren, abhängig vom Internet. Weitere 2,5 Millionen Bundesbürger seien zudem gefährdet, da sie das Internet stundenlang und unverhältnismäßig nutzten. „Das Internet bietet vielfältige Vorteile und ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Aber es birgt auch Risiken für Menschen in allen Altersgruppen. Diese verlieren die Kontrolle, flüchten in eine virtuelle Welt und vernachlässigen ihr Sozialleben“, berichtete Mechthild Dyckmans, Drogenbeauftragten der Bundesregierung, am Dienstag bei der Vorstellung der Studie. „Jugendliche und Erwachsene müssen in ihrer Medienkompetenz gestärkt werden, damit sie das Internet verantwortungsbewusst nutzen“, betonte Dyckmans.

Für die bundesweite repräsentative Umfrage wurden 15.000 Menschen stichprobenartig befragt. Dabei stellte sich heraus, dass 1,7 Prozent der Arbeitslosen über 25 Jahre an einer Internetabhängigkeit leidet. Bei den berufstätigen Altersgenossen sind es nur 0,6 Prozent. Auch Migranten gehören laut Studie zu den Hauptrisikogruppen für Internetsucht. Diese haben demnach ein deutlich höheres Risiko im Vergleich zu Deutschstämmigen.

Jugendliche sind besonders gefährdet für Internetsucht
Laut Studie sind in der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen mehr als zwei Prozent betroffen. Noch höher ist das Risiko einer Internetabhängigkeit bei den 14- bis 16-Jährigen, von denen vier Prozent als internetsüchtig gelten. Experten gehen davon aus, dass die Zahlen besonders bei jungen Menschen zukünftig steigen werden. Mehr als drei Viertel der befragten Jungendlichen sind laut Umfrage vorwiegend in sozialen Netzwerken wie beispielsweise Facebook unterwegs. Für die Drogenbeauftragte der Bundesregierung sprechen diese Zahlen eine deutliche Sprache: „Es muss verhindert werden, dass sie noch weiter steigen.“ Die Betroffenen legten mit ihrem Verhalten bereits in ihrer Jugend den Grundstein späteren Verhaltens. Internetsucht führe im weiteren Verlauf zu Misserfolg in der Schule. Hinzu komme die Vernachlässigung realer sozialer Kontakte außerhalb von Online-Plattformen. Als Erwachsene drohe den Betroffenen zudem der Verlust des Arbeitsplatzes aufgrund der Sucht.

Dyckmans fordert deshalb eine bessere und gezieltere Aufklärung. Dazu gehöre auch, Beratungsstellen besser zu vernetzen und die Mitarbeiter vor Ort intensiver zu schulen. Es sei nötig, in der Familie und der Schule über Vorbeugungsmaßnahmen aufzuklären. „Aber auch die Anbieter von Computerspielen oder sozialen Netzwerken sind in der Pflicht, ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden, indem sie ihre Nutzer über die Risiken aufklären“, fordert die Drogenbeauftragte.

Bei Internetsucht von Jugendlichen ist die Familie gefordert
„Solange jemand die exzessive Internetnutzung noch aus freiem Willen reduzieren kann, ist der Gebrauch nur problematisch“, erklärte Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck. Der Übergang zur Sucht sei jedoch häufig fließend. Anzeichen für eine Sucht seien die ausschließliche Nutzung des Internets im Alltag und Kontrollverlust, aber auch Entzugserscheinungen.

Im Bundesmodellprojekt „Escapade“ werden nicht nur die Jugendlichen sondern auch ihre Familien miteinbezogen. Laut Dyckmans zeigen die Ergebnisse des Projekts, „dass Familien und insbesondere Eltern eine große Bedeutung haben und erfolgreich Einfluss nehmen können, damit eine Abhängigkeit gar nicht erst entsteht“. Zudem stünden Eltern in der Verantwortung „hinzuzulernen und sich mit dem Internet zu beschäftigen, um dessen Chancen und Gefahren realistisch einschätzen zu können.“ Bei „Escapade“ gehe es vor allem um gemeinsame Beratungsgespräche erklärte Anne Kreft von der Drogenhilfe Köln. Ein enger Kontakt zwischen Jugendlichen und Familie sei „immer noch die erfolgreichste Prävention“.

Erste Ambulanz für Internetsucht eröffnet
Seit Anfang Oktober hat die erste Ambulanz für Internetsucht eröffnet. Patienten, die unter Symptome einer Internetsucht durch Online-Spiele, Cybersex oder sozialen Netzwerken leiden, können sich in der Medienambulanz an der Bochumer Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums behandeln lassen. Der Leiter der Ambulanz, Dr. Bert Te Wildt, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin, bedauert, dass es bislang nur sehr wenige Einrichtungen wie diese für Internetsüchtige gibt. Bei den stetig wachsenden Zahlen der Betroffenen sei das bisherige Angebot, dass es neben Bochum auch in Hamburg, Hannover, Köln und Berlin gebe, längst nicht ausreichend.

In der Medienambulanz finden regelmäßige Sprechstunden statt. Zudem gibt es gruppentherapeutische Angebote, in denen Betroffene lernen, außerhalb der virtuellen Welt ein reales, erfülltes Leben zu führen. Im Rahmen der Therapie soll der Reiz der Internetsucht ausgelöscht werden, in dem bewusst Situationen erzeugt werden, die die das Suchtverhalten provozieren. In Begleitung der Therapeuten lernen die Betroffenen, ihren Drang nach dem Internet zu kontrollieren bis dieser nachlässt.

Internetsucht nicht als Verhaltenssucht anerkannt
Bislang wurde Internetsucht nicht von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Verhaltenssucht anerkannt. Da sie schwer wissenschaftlich zu definieren ist, gilt ihre offizielle Anerkennung als eigenständige Krankheit im weltweit gültigen Diagnoseklassifikationssystem der WHO weiterhin als umstritten. „Damit eine spezifische Behandlung erfolgen kann, muss diese Frage von den zuständigen medizinischen Fachgesellschaften geklärt werden“, fordert Dyckmans. „Das setzt aber voraus, dass zunächst die Datenlage zu Verbreitung und Symptomatik der Internetabhängigkeit verbessert wird.“

Auch zahlreiche Ärzte und Therapeuten drängen seit längerer Zeit auf die Anerkennung von Internetsucht als Krankheit. Sie sehen insbesondere in Computer-Rollenspiele ein großes Abhängigkeitspotential. Tausende von Menschen in Online-Netzwerken nehmen daran teil und können süchtig werden. Das sei mittlerweile wissenschaftlich belegt, berichtet Te Wildt. Er geht davon aus, dass die Zahl der Patienten künftig stark zunehmen wird. (ag)