Studie: Frauen aus finanziell benachteiligten Regionen entwickeln häufiger Angststörungen

Alexander Stindt
Wirkt sich die Wohnumgebung auf die Entstehung von Ängsten aus
Wenn Menschen unter Ängsten leiden, führt dies häufig zu gesundheitlichen Problemen. Forscher fanden jetzt heraus, dass Frauen aus stark benachteiligten Regionen viel stärker von Ängsten betroffen sind, verglichen mit wohlhabenden Frauen. Bei Männern ist dieser Effekt allerdings nicht festzustellen.

Die Wissenschaftler der international anerkannten University of Cambridge stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass finanziell und sozial benachteiligte Frauen zu 60 Prozent häufiger unter starken Ängsten leiden, verglichen mit Frauen aus wohlhabenden Gebieten. Männer sind von diesem Effekt nicht betroffen, für sie macht es offenbar keinen großen Unterschied, ob sie aus benachteiligten Gebieten kommen oder nicht. Die Mediziner veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der Fachzeitschrift „BMJ“.

Das Wohnumfeld von Frauen beeinflusst ihre Wahrscheinlichkeit Ängste zu entwickeln. Mediziner haben festgestellt, dass Frauen aus benachteiligten Regionen häufiger unter Ängsten leiden. (Bild: pathdoc/fotolia.com)

Forscher untersuchen über 18.000 Probanden
Für ihre Studie untersuchten die Experten über 18.000 britische Teilnehmer. Dabei suchten sie nach Anzeichen für eine sogenannte Angststörung. Diese verursacht übermäßige unkontrollierbare Sorgen und Ängste bei einer Reihe von Lebensumständen. Solche Ängste betreffen beispielsweise Arbeit, Finanzen, Beziehungen und Gesundheit, erklären die Mediziner. Betroffene können ihre Ängste äußerst schwer kontrollieren.

Auswirkungen von Ängsten
Menschen mit Angststörungen denken oft, dass in ihrer Zukunft etwas Negatives passieren wird. Solche Vorstellungen entsprechen nicht notwendigerweise der Realität. Betroffene leiden häufig auch unter Symptomen wie Unruhe, Schlaflosigkeit und Reizbarkeit, fügen die Wissenschaftler hinzu. Dadurch haben diese Menschen oft Probleme sich in der Schule oder bei der Arbeit zu konzentrieren. Außerdem sind die Muskeln der Betroffenen häufig angespannt. Dies führt zu Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und Gelenkschmerzen. Manche Menschen mit Angststörungen haben außerdem Probleme mit dem Einschlafen. Dadurch sind Betroffene am nächsten Tag sehr müde und die Konzentration wird beeinträchtigt, erklären die Autoren.

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Wohnumgebung hat einen signifikanten Einfluss auf die menschliche Gesundheit
Bisher haben bereits einige Studien die persönlichen Faktoren untersucht, welche das Risiko für die Entstehung von Ängsten erhöhen. Es gibt allerdings einen Mangel an Studien, welche die Auswirkungen von bestimmten Orten oder Gegenden auf die psychische Gesundheit untersuchen. Die Wohnumgebung hat jedoch einen signifikanten Einfluss auf die menschliche Gesundheit. Studien haben bereits gezeigt, dass das Leben in Gebieten, welche durch eine hohe Einkommensungleichheit gekennzeichnet sind, zu einem erhöhten Risiko für schwere medizinische Ereignisse und sogar zu einem frühen Tod führen kann, sagen die Wissenschaftler.

Warum sind Frauen stärker von Ängsten betroffen?
Unsere Wohnumgebung kann Auswirkungen auf unsere Ängste haben. Aber warum ist die psychische Gesundheit von Frauen mehr davon betroffen als die Gesundheit von Männern? Eine Reihe von Gründen kann nach Ansicht der Forscher dazu beitragen. Frauen neigen generell dazu, dass sie mehr Zeit in ihrem Wohnumfeld verbringen, sagen die Wissenschaftler. Dies liege beispielsweise an Teilzeitarbeit, Kinderbetreuung und der Durchführung von häuslichen Tätigkeiten. Wenn Frauen mehr Zeit zu Hause verbringen und in einer ärmeren Gegend leben, sind sie teilweise erhöhtem Stress und Belastung ausgesetzt. Durch diesen Einflüsse können in betroffenen Frauen Ängste ausgelöst werden, erläutern die Experten.

Auswirkungen der Angst
Beide Geschlechter scheinen von verschiedenen Aspekten ihrer Umwelt unterschiedlich betroffen zu sein. Beispielsweise ist die Angst vor Angriffen und die generelle Sicherheit in der Nachbarschaft eine besonderes Anliegen für Frauen, sagen die Wissenschaftler. Wenn Frauen ihre Nachbarschaft für unsicher halten, werden sie beispielsweise weniger Spaziergänge durchführen und sich seltener bei körperlicher Aktivität engagieren. Das Engagieren bei körperlichen Tätigkeiten führt aber zu enormen Vorteilen für die psychische Gesundheit.

Frauen brauchen dringend soziale Kontakte
Die Einbindung in soziale Netzwerke ist besonders wichtig für die psychische Gesundheit von Frauen. Wenn Frauen in einem benachteiligten Gebiet leben und ihre Gemeinschaft als unsicher empfinden, haben sie dadurch seltener Kontakt zu ihren Nachbarn. Betroffene haben daher auch Schwierigkeiten Beziehungen aufzubauen. Dies kann sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken, erläutern die Autoren der Studie.

Wie gehen Frauen und Männer mit Stress um?
Frauen und Männer gehen verschiedenen mit den Auswirkungen von Stress um. Wenn Frauen Stress ausgesetzt werden, neigen sie eher dazu, die Auswirkungen zu verinnerlichen. Dadurch entwickeln sie auch eher psychische Probleme – verglichen mit Männern, sagen die Mediziner. Männer neigen indes dazu, dass sie bei Stress ihren Unmut äußern und Probleme wie beispielsweise Alkoholmissbrauch entwickeln.

Weitere Forschung erfrderlich
Weitere Forschung ist nötig, aber die festgestellten Ergebnisse über die Auswirkungen von bestimmten Wohngebieten sind trotzdem äußerst interessant, erklären die Forscher. Kein besonderer Aspekt der sogenannten Deprivation sei schädlich für die psychische Gesundheit von Frauen, sondern es ist der Gesamteffekt des Lebens in der Deprivation, welcher das Risiko der Angst bei Frauen erhöht, fügen die Mediziner hinzu.

Frauen sind oft einer erhöhten Belastung ausgesetzt
Frauen nehmen zunehmend mehrere Rollen in der modernen Gesellschaft ein. Viele Betroffene haben Vollzeitstellen und kümmern sich zusätzlich um Kinder und ältere Verwandte. Dies führt zu einer erhöhten Belastung und zu vermehrten Stress, erklären die Autoren. All diese Faktoren würden noch weiter verstärkt, wenn Frauen in Entbehrung leben.

Viele Frauen auf der Welt leben in benachteiligten Gebieten
Somit ist es nicht wirklich verwunderlich, dass das Leben in armen Regionen mit einer generalisierten Angststörung bei Frauen verbunden wird. Diese Feststellung sollte von politischen Entscheidungsträgern und Planern berücksichtigt werden. Die Zahl von Frauen, welche in benachteiligten Gebieten leben, sei weltweit sehr hoch. Und Ängste sind heutzutage eines der am häufigsten auftretenden gesundheitlichen Probleme, sagen die Wissenschaftler. (as)