Studie: In 10 Jahren eine Million Pflegefälle

Sebastian

Studie: In zehn Jahren werden doppelt so viele Menschen Angehörige pflegen

04.12.2012

Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland haben mindestens einen Pflegebedürftigen in der Familie. Diese Betroffenengruppe wird laut einer wissenschaftlichen Auswertung in den kommenden Jahren drastisch ansteigen. Für pflegende Angehörige, Betroffene und das Sozialsystem wird diese Entwickelung zu einer drastischen Belastungsprobe werden. Ursächlich hierfür ist der demografische Wandel, der die Deutschen immer älter werden lässt. Dadurch steigt auch die Zahl der Pflegefälle.

Zahl der Pflegebedürftigen wird sich verdoppeln
„In zehn Jahren wird sich die Anzahl der Menschen in Deutschland, die mindestens eine zu pflegende Person in der Familie haben, mehr als verdoppeln.“ So lautet das Resultat einer aktuellen Studie des Allensbach-Instituts im Auftrag des Versicherungsunternehmen „R + V Versicherungen“. Derzeit leben deutschlandweit mehr als zehn Millionen betroffene Familienangehörige. Laut der Hochrechnungen des Versicherungsunternehmens wird die Zahl in 2022 auf rund 27 Millionen in Deutschland angestiegen sein.

Vor allem Frauen pflegen Angehörige
Etwa zwei Drittel der Familienangehörigen betreuen ihre pflegebedürftigen Verwandten selbst. Vor allem Frauen sind bereits heute überdurchschnittlich betroffen. Laut der Studie gehören sie zu den am meisten pflegenden Personen wie auch öfter als Männer zu den Pflegefällen. Typischerweise ist der „Pflegende“ etwa 61 Lebensjahre alt, verheiratet, nicht berufstätig und hat zwei Kinder. Die meisten freiwilligen Pflegehelfer unterstützen ihre bedürftigen Familienmitglieder bereits über drei Jahre. Nur 42 Prozent der pflegenden Frauen sind berufstätig, in der Mehrheit allerdings nur in Teilzeit.

Über die Hälfte der Frauen versorgt jeden Tag mindestens drei Stunden einen Pflegebedürftigen. 37 Prozent der berufstätigen Frauen bringen ebenfalls mindestens drei Stunden für ihren Angehörigen auf. Etwa zwei Drittel der befragten Frauen sagten, dass sie unter psychischen Leiden klagen oder die Pflegearbeit sie mental und körperlich „stark belaste“. 40 Prozent der Frauen gaben an, dass die Pflegetätigkeit auch die Partnerschaft zu ihrem Ehemann belaste.

Betroffene erwarten mehr Hilfe durch staatliche Sozialsicherungssysteme
Die meisten Betroffenen fordern von Seiten der Politik ein höheres Engagement. So sagten 60 Prozent, dass sie sich eine verbesserte Vereinbarkeit von Pflege und Berufstätigkeit wünschen. Bei einer ähnliche Umfragestudie hatten diesen Wunsch gerade einmal 41 Prozent der Teilnehmer geäußert. Die absolute Mehrheit (78 Prozent) wünschen sich mehr finanzielle und praktische Unterstützung durch die Sozialsysteme des Staates. 55 Prozent forderten gleiche Hilfen auch von ihrem Arbeitgeber.

Die meisten befragten Teilnehmerinnen gaben an, die in naher Zeit mit einem Pflegefall in ihrer Verwandtschaft rechnen, wollen für diese Aufgabe auf Ersparnisse zurückgreifen. Auf Spareinlagen der Pflegebedürftigen werden 61 Prozent zugreifen und auf das eigene Sparbuch etwa 34 Prozent. Etwa 25 Prozent will in der näheren Verwandtschaft um Gelder bitten. Gut 32 Prozent gehen davon aus, sich künftig durch die Tätigkeit finanziell einschränken zu müssen.

Nur wenige haben eine private Pflegeversicherung abgeschlossen
Im Gegensatz dazu geben die wenigsten Geld für eine private Pflegeversicherung aus. Nur 23 Prozent der Befragten gaben an, eine private Zusatzversicherung abgeschlossen zu haben. Die Studienautoren gehen aber davon aus, dass es sich dabei vielfach „nur um eine gesetzliche Pflegeversicherung handelt“. Diese Vermutung speist sich aus der Tatsache, dass nur etwa zwei Prozent der Deutschen eine solche private Pflegeversicherung abgeschlossen haben. Das ermittelte unlängst der Verband der Privaten Krankenversicherungen (PKV) in einer Auswertung.

Das R+V-Vorstandsmitglied Tillmann Lukosch warnte angesichts der Studienergebnisse vor einer „tickenden Zeitbombe“. Das Thema Pflege habe „eine genauso große Sprengkraft wie das viel diskutierte Thema Altersarmut", so Lukosch. Die Menschen in Deutschland werden immer älter, so dass auch der Anteil der Pflegebedürftigen kontinuierlich steige. Laut der Allensbach-Chefin Renate Köcher, werde durch die demografische Entwicklung die Pflege zu einer sehr großen Herausforderung für das Sozialsicherungssystem in Deutschland. (sb)

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