Neue Studie macht Hoffnung für Autisten

Sebastian

Studie: Neue Hoffnung für Autisten

10.02.2014

Bislang gilt Autismus als nicht ursächlich heilbar. Eine neue Studie gibt nun Anlass zur Hoffnung darauf, dass sich das bald ändern könnte. Im Tierversuch seien mit dem seit Langem bekannten Medikament Bumetanid gute Ergebnisse erzielt worden.

Entwässerungsmittel Bumetanid

Entwässerungsmittel Bumetanid
Autismus gilt bislang als nicht ursächlich behandelbar. Möglicherweise könnte sich dies mithilfe des seit Langem bekannten Medikaments Bumetanid in Zukunft ändern. Ärzte verschreiben diesen Wirkstoff normalerweise als Entwässerungsmittel. Doch wie Roman Tyzio, Yehezkel Ben-Ari und Kollegen vom Forschungsinstitut Inmed im französischen Marseille im Fachmagazin „Science“ berichten, könne das Medikament im Tierversuch ein fehlgesteuertes soziales Verhalten, welches dem beim menschlichen Autismus ähnle, unterbinden.

Autismus ist bislang nicht heilbar
Autismus wird mehrheitlich als eine angeborene, unheilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns beschrieben. Die Symptome und die individuellen Ausprägungen der Störung können von leichten Verhaltensproblemen, die kaum auffallen bis zu schweren geistigen Behinderungen reichen. Gemein ist allen autistischen Behinderungen eine Beeinträchtigung des Sozialverhaltens. So bestehen Schwierigkeiten mit anderen Menschen zu sprechen, Gesagtes richtig zu interpretieren, Mimik und Körpersprache einzusetzen und zu verstehen. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge zählt Autismus zu den tiefgreifenden neurologischen Entwicklungsstörungen. Schätzungen gehen davon aus, dass Autismus, je nach ausgeprägter Form, mit einer Häufigkeit von eins zu 100 bis eins zu 1.000 in der Bevölkerung auftritt.

Überängstliche Tiere die Kontakte mieden
Die Wissenschaftler in Frankreich haben nun Bumetanid trächtigen Mäusen und Ratten injiziert, die aufgrund genetischer Defekte autistische Symptome zeigten und vererbten. Die Injektionen bewirkten, dass der Nachwuchs der Tiere, die durch Überängstlichkeit auffielen und Kontakte vermieden, dauerhaft vor solchen Auffälligkeiten geschützt war. Wie es in der Studie hieß, hätte keins der Jungtiere irgendwelche autistischen Symptome gezeigt.

Studie mit autistischen Kindern
„Aus ethischen Gründen ist es nicht möglich, das Mittel wie im Experiment beim Menschen einzusetzen“, erklärten die Forscher. Doch Yehezkel Ben-Ari und Kollegen hatten bereits Ende 2012 im Fachblatt „Translational Psychiatry“ einen Artikel veröffentlicht, in dem sie über die Ergebnisse einer klinischen Studie mit autistischen Kindern berichteten, die mit Bumetanid behandelt worden waren. Die Symptome der neurologischen Störung konnten durch das Mittel so weit gemildert werden, dass sich die Kinder weniger zurückzogen und den Eltern „präsenter“ erschienen. Die Wissenschaftler nehmen an, dass dies auf die Fähigkeit des Medikaments, das Gleichgewicht der Nervenaktivität im Gehirn positiv zu beeinflussen, zurückzuführen sei.

Kinder offener für Kommunikation
Insgesamt waren 60 Kinder im Alter zwischen drei und elf Jahren, die alle an einer bestimmten Form von Autismus litten, in die Studie eingeschlossen. Die Kinder wurden per Zufallslos in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt. Die eine erhielt drei Monate lang täglich ein Milligramm Bumetanid und die andere Gruppe ein gleich aussehendes Scheinmedikament. Somit sei sichergestellt, dass die mit dem Medikament erzielten Wirkungen vergleichbar sind und nicht einer subjektiven Wertung unterliegen. Bei den Kindern der Gruppe, die das Medikament erhielten, kam es zu einer Verbesserung der Symptome um fast zehn Prozent, bewertet auf einer international gebräuchlichen Skala für die Ausprägung von Autismus. Die betroffenen Kinder hätten sich weniger zurückgezogen gezeigt und seien offener für die Kommunikation gewesen. „Auch wenn wir noch keine vollständige Heilung erzielen konnten, so hat das Mittel doch bei den meisten Kindern den Schweregrad der autistischen Störungen reduziert. Laut den Eltern seien ihre Kinder nun mehr ‚präsent’“, so Forschungsleiter Yehezkel Ben-Ari.

Valium wirkt wie Aufputschmittel
Der Nervenbotenstoff GABA, der normalerweise beruhigend auf überaktive Nervenzellen wirkt, stehe im Zentrum der Arbeiten. Dieser im Hirn weitverbreitete Botenstoff sorgt für ein Gleichgewicht zwischen Anregung und Dämpfung der Nervensignale. Die Wissenschaftler vermuten, dass dieser zentrale Mechanismus bei Autismus-Patienten aus der Balance ist, so dass es zu einem Übergewicht erregender Impulse kommt. Die Ergebnisse der Gruppe um Eric Lemonnier vom Centre de Resssources autisme de Bretagne in Brest habe sie auf diese Spur geführt. Dieser Forscher hatte die paradoxe Wirkung von Valium bei autistischen Kindern untersucht. Dieses Schlafmittel hätte bei den Patienten keinen beruhigenden Effekt gezeigt, sondern im Gegenteil wie ein Aufputschmittel bei ihnen gewirkt.

Autisten bilden zu wenig „Kuschelhormone“
Die Inmed-Wissenschaftler hatten die Idee, dass ein Mittel, das den Salzbestandteil aus dem Nervensystem ausschwemmt, die krankhafte Überregung in den Nervenzellen dämpfen und so die Autismus-Symptome zumindest mildern könne. Der Mechanismus ist bereits bei der Entwicklung des Fötus im Mutterleib wirksam, wie die aktuellen Studienergebnisse zeigen. Im Tierversuch ließ sich so die Ausprägung der neurologischen Störung vollständig unterbinden. Wie die Inmed-Forscher nun bestätigt haben, spielt dabei auch das vom weiblichen Organismus während der Schwangerschaft in großen Mengen ausgeschüttete Hormon Oxytocin eine wichtige Rolle. Bereits seit Längerem sei bekannt, dass Menschen, die an Autismus leiden, zu wenig Oxytocin bilden. Dieser auch als „Kuschelhormon“ bezeichnete Faktor sorgt für die intensive Bindung und fürsorgliche Zuwendung der Mutter, ist aber zugleich ein Nervenbotenstoff.

Hoffnung auf Medikament gegen Autismus
Dieser wirkt im Gehirn des sich entwickelnden Nachwuchses wie ein Schalter, der die Balance zwischen erregenden und hemmenden Nervenimpulsen reguliert. „Im Falle von Autismus wird dieser Schalter aber nicht ausgeprägt“, so die Forscher. Noch seien aber nicht alle Wirkungen des Hormons und Nervenbotenstoffes erforscht. Es seien weitergehende Untersuchungen nötig, um mögliche Zusammenhänge zwischen Komplikationen in der Schwangerschaft, Kaiserschnittgeburten und den in den vergangenen Jahren steigenden Autismus-Diagnosen zu erhellen, meinen die Inmed-Forscher. Die Wissenschaftler würden aber auch dank der Mäusestudien die Ursachen für die Entwicklungsstörung verstehen. Und dies lasse darauf hoffen, dass in absehbarer Zukunft ein Medikament gegen Autismus gefunden werden könne. (sb)

Advertising