Studie: Rauchen in der Schwangerschaft verändert Erbgut des Ungeborenen

Rauchen während der Schwangerschaft ist noch gefährlicher als bisher bekannt war. Wie deutsche Forscher Das Erbgut des Ungeborenen kann dadurch verändert werden. (Bild: vadymvdrobot/fotolia.com)
Alfred Domke
Rauchen während der Schwangerschaft noch gefährlicher als bisher bekannt
Deutschen Forschern zufolge ist Rauchen während der Schwangerschaft womöglich noch gefährlicher als bislang bekannt. Tabakkonsum kann demnach das Erbgut des Ungeborenen beeinflussen. Manche dieser Schäden können selbst noch im Erwachsenenalter zu Krankheiten führen.

Rauchen während der Schwangerschaft gefährlicher als bislang bekannt
Gesundheitsexperten warnen immer wieder vor den Risiken des Zigarettenkonsums schwangerer Frauen. Unter anderem werde dadurch das Risiko einer Früh- oder Fehlgeburt deutlich erhöht. Außerdem schädigt Rauchen während der Schwangerschaft Kinder jahrelang, wie wissenschaftliche Studien zeigten. So hat der Nachwuchs rauchender Mütter ein erheblich gesteigertes Risiko der Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Offenbar ist der Tabakkonsum von werdenden Müttern aber noch gefährlicher als bislang angenommen. Wie deutsche Forscher nun berichten, verändern Mütter, die während der Schwangerschaft rauchen, damit das Erbgut ihres noch ungeborenen Kindes. Dies kann zu einem erhöhten Risiko von Lungenerkrankungen führen.

Rauchen während der Schwangerschaft ist noch gefährlicher als bisher bekannt war. Wie deutsche Forscher Das Erbgut des Ungeborenen kann dadurch verändert werden. (Bild: vadymvdrobot/fotolia.com)
Rauchen während der Schwangerschaft ist noch gefährlicher als bisher bekannt war. Das Erbgut des Ungeborenen kann dadurch verändert werden. (Bild: vadymvdrobot/fotolia.com)

Lebenslange Folgen für den Nachwuchs
Eine Umfrage zeigte vor kurzem, dass tausende Frauen trotz Risiko während der Schwangerschaft rauchen. Das kann lebenslange Folgen für ihren Nachwuchs haben. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig sowie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg und der Universität Heidelberg haben herausgefunden, dass durch den Tabakkonsum von Schwangeren die epigenetische Programmierung des Erbguts des Ungeborenen nachhaltig beeinflusst werden kann. Diese Veränderungen sind nicht auf einzelne DNA-Regionen begrenzt, sondern lassen sich im gesamten Genom der Kinder nachweisen, wie die Forscher im Fachjournal „Molecular Systems Biology“ berichten.

Erhöhtes Risiko für Lungenerkrankungen
„Wir konnten nun zum ersten Mal zeigen, dass eine Belastung durch Tabakrauch auch epigenetische Veränderungen in Verstärkern der Genregulation, sogenannten Enhancern hervorruft“, erklärte UFZ-Umweltimmunologin Dr. Irina Lehman in einer Pressemitteilung. Dass Umwelteinflüsse das Erbgut im Mutterleib verändern können, ist lange bekannt. In ihrer aktuellen Studie konnte die Forschergruppe aus Leipzig und Heidelberg zeigen, dass mit Tabakrauch verbundene epigenetische Veränderungen das Risiko von Kindern für Lungenerkrankungen erhöhen.

Negativer Einfluss durch Umweltfaktoren
Wie mitgeteilt wurde, stammen die Daten dazu aus der epidemiologischen Studie LiNA (Lebensstil und Umweltfaktoren und deren Einfluss auf das Neugeborenen-Allergierisiko). In dem Projekt gehen die Wissenschaftler der Frage nach, welche Umweltfaktoren während der Schwangerschaft einen negativen Einfluss auf die Gesundheit von Kindern haben können. „Unser Immunsystem reagiert in der Reifungsphase vor der Geburt und in der frühen Kindheit besonders sensitiv auf Umweltbelastungen. Unsere Forschungen im Department Umweltimmunologie (IMMU) konzentrieren sich deshalb auf dieses sensible Zeitfenster“, heißt es auf der Webseite des UFZ.

Veränderungen bereits im Mutterleib
Bereits seit 2006 begleiten die Leipziger Wissenschaftler 622 Mütter und deren Kinder. Die Schwangeren wurden intensiv auf Umweltbelastungen untersucht, später wurde die Gesundheit der Kinder genau analysiert. In der aktuellen Untersuchung wurden Schwangere aus Raucher- und Nichtraucher-Familien verglichen. „Wir konnten die epigenetischen Veränderungen sowohl bei den rauchenden Müttern als auch im Nabelschnurblut der neugeborenen Kinder nachweisen“, so Lehmann. Die Veränderungen treten also schon im Mutterleib auf und beeinflussen die Genregulation des noch ungeborenen Kindes. Auch noch mehrere Jahre nach der der Geburt konnte der negative Einfluss bei den Kindern nachgewiesen werden. Dies könnte laut den Forschern jedoch auch daran gelegen haben, dass die meisten Kinder weiterhin Tabakrauch ausgesetzt waren. „Kinder, die vor der Geburt schon mit Tabakrauch belastet sind, sind es meist auch nach der Geburt“, meinte Lehmann.

Fehlregulierung von mehreren Genen
Die Forscher haben festgestellt, dass durch das Rauchen besonders häufig sogenannte Enhancer-Regionen im Erbgut beeinflusst werden. Dabei handelt es sich um DNA-Abschnitte, die eines oder gleich mehrere Gene zu bestimmten Zeitpunkten aktivieren. „Wenn eine Enhancer-Region von den Wirkungen des Rauchens betroffen ist, kann dies zu einer Fehlregulierung von gleich mehreren Genen führen“, erklärte Lehmann. Die Forscher zeigen in ihrer Arbeit ein Beispiel für die Folgen eines fehlregulierten Enhancers: Das Enzym JNK2 (c-Jun N-terminal Proteinkinase 2) ist an der Entstehung von Entzündungsreaktionen beteiligt. Wird nun der Enhancer beeinflusst, der JNK2 aktiviert, kann dies das Risiko für Lungenerkrankungen im späteren Leben der Kinder erhöhen.

Ansatzpunkte für neue Therapieoptionen
Dass der Lebensstil der Eltern die Gene belastet, haben auch schon andere Untersuchungen gezeigt. In ihrer aktuellen Analyse haben die deutschen Wissenschaftler nun über 400 Enhancer ausgemacht, die vom Tabakrauch betroffen sind. Diese regulieren Gene, die unter anderem bei Diabetes, Fettleibigkeit (Adipositas) oder sogar Krebs eine Rolle spielen. „Durch diese Entdeckung beginnen wir jetzt, die Mechanismen zu verstehen, die dazu führen, dass das Rauchen zu so unterschiedlichen Krankheiten führen kann“, sagte Roland Eils vom DKFZ. Wie die Wissenschaftler mitteilten, sollen die Erkenntnisse dieser Arbeit Ansatzpunkte für neue Therapieoptionen von umweltbedingten Erkrankungen liefern. „Je besser wir verstehen, was durch die Umweltbelastung fehlgesteuert wird, desto besser können wir auch darauf reagieren. Im Fall von Tabakrauch ist allerdings das Vermeiden der Belastung immer noch die beste Alternative“, sagte Lehmann. (ad)

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