Studie: Tenofovir Gel gegen Ausbreitung von Aids?

Sebastian

Chemisches Kondom gegen Aids?

Forscher stellen während der Weltaidskonferenz ein Gel vor, dass die Ansteckungsgefahr von Aids minimieren soll.

(20.07.2010) Zum ersten Mal soll sich ein Gel gegen die Ausbreitung der Immunschwächekrankheit Aids als wirksam erwiesen haben. Seit nun mehr 20 Jahren hatten Forscher daran gearbeitet, ein wirksames Gel gegen die Übertragung des HI-Virus zu entwickeln.

Fachkreise sprechen mittlerweile schon von einem "chemischen Kondom", das vor dem Geschlechtsverkehr in die Scheide der Frau eingeführt wird. Durch das Gel soll sich das Übertragungs- Risiko von Aids minimieren. Bei einer Studie hatten Forscher des südafrikanischen Aids-Forschungszentrum "CAPRISA" das Mittel bereits mit Erfolg getestet. In der Studie konnte nachgewiesen werden, dass sich das HIV Übertragungsrisiko bei Frauen um rund 40 Prozent minimiert. Fest steht, dass konventionelle Kondome durch dieses neu entwickelte Gel keineswegs überflüssig werden. Das Vaginalgel enthält zu elf Prozent das Aids-Arzneimittel "Tenofovir". Tenofovir wird auch als Arzneimittel bei der Behandlung von HIV-Patienten in Tablettenform eingesetzt.

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An der Studie hatten rund 900 Frauen teilgenommen. Die Studie wurde im medizinischen US-Journal "Science" veröffentlicht und soll heute auf der Welt-Aids-Konferenz in Wien vorgestellt werden. Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass erstmals seit 20 Jahren Forschung ein Durchbruch auf diesem Gebiet geschafft wurde. Denn keine der insgesamt 11 Studien der letzten Jahre mit sechs verschiedenen Mikrobizid Substanzen konnte bislang eine wirksamen Schutz vor dem HI-Virus erreichen. Fast euphorisch wurden deshalb die Studienergebnisse des südafrikanischen Aids-Forschungszentrum "CAPRISA" vorgestellt.

Im Studienverlauf wurden die Probanden in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe bekam das Tenofovir Gel und die andere ein Placebo. Alle Studienteilnehmerinnen wurden ausführlich über mögliche Ansteckungsrisiken von Aids und anderen Geschlechtskrankheiten beraten. Hinzu bekamen alle Frauen ausreichend Kondome ausgehändigt und wurden regelmäßig untersucht und ärztlich behandelt. Wie die Forscher betonen, wurde die Studie mit "höchst ethischen Maßstäben" gestaltet, wenn gleich der Studienverlauf moralisch gesehen verwerflich erscheint. Denn die Probanden, die ein Placebo erhielten, gingen schließlich trotz Beratung davon aus, dass sie ein wirksames "Anti-Aids-Mittel" ausgehändigt bekommen haben.

Nach 30 Monaten hatten sich 38 Frauen, die das "Tenofovir" Gel erhalten hatten, mit der Immunschwächekrankheit "Aids" angesteckt. Bei der Gruppe, die ein nicht-wirksames Geld erhalten hatten, hatten sich insgesamt 60 Frauen mit Aids infiziert. Umgerechnet auf die Studiendauer der Probanden ergaben sich 5,6 HI-Virus-Infektionen pro 100 Teilnahme-Jahre in der Wirkstoffgruppe und 9,1 in der Wirkstoff freien Gruppe. Damit sank rein rechnerisch die Ansteckungsgefahr um fast 40 Prozent (39).

Die Frauen, die das Wirkstoff Gel regelmäßig beim Geschlechtsverkehr anwendeten, war die Infektionshäufigkeit sogar um 54 Prozent niedriger. Doch wenn gleich die Studienergebnisse suggerieren, das Gel habe einen gewissen Schutz vor Aids geschaffen, sind weiterhin Studien erforderlich, um die Ergebnisse erneut auf den Prüfstand zu stellen. Das sehen auch die Autoren der Studie so.

Von dem Einsatz des Gels erhoffen sich Forscher, dass Frauen zukünftig einen "selbst bestimmten Schutz" erhalten. Bislang sind die Frauen davon abhängig, ob die Männer ein Kondom verwenden oder nicht. Denn in Afrika können sich Frauen kaum gegenüber ihren männlichen Partner durchsetzen, ein Kondom zu verwenden. Aufgrund dessen trifft Aids in Afrika vor allem Frauen. Rund 60 Prozent der neu Infizierten, sind Frauen. Mit dem neuen Gel erhoffen sich die Wissenschaftler eine Wende und einen besseren Schutz, insbesondere für Frauen.

Doch wie erwähnt sollten die Studienergebnisse mit Vorsicht betrachtet werden. Schon einmal gab es die Meldung, es gäbe ein völlig neuartiges Anti-Aids-Gel. Zunächst sah es so aus, als könne das Mittel "Pro 2000" vor Ansteckungen bewahren. In einer größeren Studie mit etwa 9000 Frauen stellte sich allerdings heraus, dass das Vaginalgel völlig wirkungslos war. (sb)

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Bild: BirgitH / pixelio.de