Studie: Viele Operationen sind unnötig

Astrid Goldmayer

Viele Operationen werden aus scheinbar wirtschaftlichen Gründen unternommen

07.06.2012

Laut einer neuen Studie im Auftrag des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) werden viele Operationen weniger aufgrund einer medizinischen Notwendigkeit als vielmehr aus wirtschaftlichen Gründen durchgeführt. Denn viele Kliniken würden dem Spitzenverband zufolge zu sehr auf ihren Umsatz abzielen.

Mehr zum Thema:

Operation aus wirtschaftlichen Gründen?
Viele Versicherte sind fassungslos: „Das kann doch nicht wahr sein?“ Vollnarkose, Knie-Op, anschließend Reha – und alles ohne medizinische Notwendigkeit. Die Ergebnisse der neuesten Studie des GKV-Spitzenverbandes zeichnen ein ungeahntes Horrorszenario. Denn demnach werden viele Operationen in Deutschland aus wirtschaftlichen und weniger aus medizinischen Gründen durchgeführt. „Man muss immer mehr aufpassen, dass man nicht unters Messer kommt", erklärte der Krankenhaus-Experte des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung, Wulf-Dietrich Leber. Laut der Kassen würden immer mehr sogar schere Operationen durchgeführt werden, für die nicht unbedingt eine medizinische Notwendigkeit bestanden hätte. Die Zunahme bei den Behandlungszahlen seien vielfach ökonomisch begründet.

Laut Studie des Kassenverbandes ist die Zahl der Behandlungen zwischen 2006 und 2010 um 13 Prozent gestiegen. Bei der Berechnung wurden die schwereren Eingriffe stärker gewichtet als die leichteren. Lediglich 40 Prozent dieser Zunahme sei durch die Alterung der Bevölkerung begründet, berichtet Boris Augurzky, Studienautor und Gesundheitsexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). Das Angebot einiger Kliniken habe sich auch vergrößert.

Mehrere Klinikärzte hatten angegeben, zu mehr Behandlungen angehalten worden zu sein. Gesundheitsexperte Kai Vogel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät Patienten, denen eine länger im Voraus geplante Operation bevorsteht, immer kritisch zu hinterfragen, ob und warum der Arzt den Eingriff für erforderlich hält. „Fragen Sie, welche Alternativen es zu der Operation gibt und welche Risiken bestehen.“ Wenn der Patient Zweifel hat, könne er immer „Nein“ sagen. „Man sollte sich als Patient nicht unter Druck setzen lassen“, so Vogel. Es sei wichtig selbst aktiv zu werden und nicht nur dem Arzt zuzuhören. Beispielsweise gehöre die Frage, wie oft die Operation nicht gelinge, auch dazu. Um sich mehr Gewissheit als Patient zu verschaffen, sei es ebenso legitim einen zweiten Arzt für eine weitere Meinung zu konsultieren, beispielsweise bei Knie oder Bandscheibenproblemen. „Die Möglichkeit sollte man in Anspruch nehmen."

Operationen werden immer teurer
RWI und Kassenverband sehen die Hauptursache der steigenden Behandlungszahlen darin, dass die Operationen immer immer teuerer werden und die Kliniken deshalb die Zahl der lukrativen Behandlungen erhöhen. „Insgesamt kann der Preisanstieg ab 2007 einen erheblichen Anteil der Fallzahlentwicklung erklären", so ein Studienergebnis.

Besonders drastisch sei laut RWI und Kassenverband der Anstieg der orthopädischen und kardiologischen Eingriffe. Auf politischer Ebene plant die Koalition die stetigen Zunahme von Eingriffen aus finanziellen Gründen zu bremsen. Dieses Vorhaben kritisiert Leber, da es nur kurzfristig Wirkung zeigen werde. So würde die Politik nur Zeit bis nach der nächsten Bundestagswahl gewinnen. Schwarz-Gelb will Abschläge für zusätzliche Leistungen in den Krankenhäusern von längerer Dauer als bisher einführen. Dann würden die Kliniken weniger Geld für Mehrleistungen erhalten. „Es muss auch am Preis angesetzt werden, wenn man die Menge in den Griff kriegen will", betont Leber. Krankenkassen sollten die Möglichkeit haben, direkt Verträge mit Krankenhäusern abzuschließen, so der Experte. Eine Alternative seien Lizenzen für die Kliniken, die die Zahl der Behandlungen festlegten. Diese könnten dann auch auf andere Häuser übertragen werden.

Deutlicher Anstieg bei Rücken-Operationen
Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Berlin, der vom 24. bis 27. April 2012 stattfand, wurde unter anderem über den drastischen Anstieg von Rücken-Operationen diskutiert. Professor Dr. Bernd Kladny, zukünftiger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, erklärte, dass die statischen Ergebnisse von Bandscheibenpatienten mit und ohne Operation langfristig gleich seien. Demnach sollten sich Patienten vor einem solchen Eingriff gut beraten lassen. Quälende Rückenschmerzen führen jedoch häufig dazu, dass sich Betroffene einem invasiven Eingriff aussetzen. In vielen Fällen könnten schonendere Verfahren wie Rückenschmerzen Übungen, Osteopathie oder Physiotherapie teilweise sogar bessere Ergebnisse erzielen. Häufig fehlt Schmerzpatienten jedoch die Geduld. Zudem raten viele Orthopäden zu entsprechenden Eingriffen. Hier liegt der Verdacht nahe, dass viele Operationen unter medizinischen Gesichtspunkten überflüssig wären und diese nur aufgrund finanzieller Vorteile der Kliniken durchgeführt werden. (ag)