Studie: Warum lebten arme Menschen vom Land früher am längsten?

Alexander Stindt

Experten untersuchten die Ernährung von Menschen im viktorianischen Zeitalter

In der heutigen Zeit ernähren sich viele Menschen leider nicht sehr gesund. Forscher fanden jetzt heraus, dass sich früher vor allem Menschen aus ärmeren ländlichen Gesellschaften besonders gesund ernährten. Sie konnten auf qualitativ hochwertige Nahrungsmittel aus der Umgebung zurückgreifen und hatten die gesündeste Ernährung und die beste Gesundheit im viktorianischen Großbritannien. Die aufgenommenen Lebensmittel ähnelten der heutigen sogenannten mediterranen Ernährung.


Die Wissenschaftler vom Leicester Cancer Research Centre stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass im viktorianischen Zeitalter Menschen in armen, ländlichen Gegenden die beste Gesundheit aufwiesen, was an ihrer Ernährung lag. Die Experten veröffentlichten die Ergebnisse ihrer aktuelen Studie in der englischsprachigen Fachzeitschrift „RSM Open“.

In der Vergangenheit lebten arme Menschen, welche in ländlichen Gebieten wohnten, meist sehr lange, weil die Qualität der Lebensmittel dort deutlich besser war. (Bild: travelbook/fotolia.com)

Menschen in isolierten Gebieten waren besonders gesund

Im viktorianischen Zeitalter war das Leben in den Regionen Großbritanniens am gesündesten, die besonders isoliert waren – gemessen an den Sterberaten. In diesen Gebieten konsumierten die Menschen lokal produzierte Kartoffeln, Vollkornprodukte, Gemüse, Fisch und Milch. Gleichzeitig gab es in den genannten Regionen beispielsweise weniger Todesfälle durch Lungentuberkulose, erläutern die Mediziner. Dies lege nahe, dass die Menschen dort von der gesünderen Ernährung profitierten.

Mediterrane Ernährung reduziert das Risiko frühzeitig zu versterben

Die Experten stellten fest, dass die nährstoffreichsten Formen der Ernährung in abgelegenen ländlichen Gebieten Englands, auf dem Festland und auf den Inseln Schottlands erfolgte. Die Tatsache, dass diese besser genährten Regionen in Großbritannien auch niedrigere Sterblichkeitsraten aufwiesen, steht in völligem Einklang mit neueren Studien, welche ein verringertes Sterberisiko im Zusammenhang mit einer sogenannten mediterranen Ernährung belegen, erläutert Studienautor Dr. Peter Greaves vom Leicester Cancer Research Center.

Qualität von Lebensmitteln auf dem Lande war besser

Die ländliche Ernährung war oft gesünder für die Menschen in abgelegenen Gebieten – wegen der Qualität von Getreide, Kartoffeln, Fleisch und Milch. Die Betroffenen hatten damals häufig kleine Flächen, um Gemüse anzubauen oder Tiere zu halten. Oft tauschten die Menschen Nahrungsmittel untereinander und bezahlten für Dienste in Sachgütern. Unglücklicherweise verschwanden diese Gesellschaften unter dem Druck der Urbanisierung, der kommerziellen Landwirtschaft und der Migration, erklären die Autoren.

Nahrungsmittel wurden weniger vielfältig

Diese Veränderungen in der viktorianischen Gesellschaft führten zu schlechteren Ernährungsgewohnheiten unter armen ländlichen Bevölkerungsgruppen und hatten zur Folge, dass lokal produzierte Nahrungsmittel weniger vielfältig wurden, erläutert Dr. Greaves. Dieser Prozess habe im Laufe der Jahre in vielen Gebieten auf der ganzen Welt stattgefunden.

Wie viel Menschen lebten damals auf dem Land?

In der Mitte des 19. Jahrhunderts lebte weniger als die Hälfte der knapp 19 Millionen Menschen in England und Wales in großen städtischen Zentren. Unter den drei Millionen Einwohnern Schottlands lebten nur eine Million in Stadtbezirken und in Irland weniger als 30 Prozent der 5,5 Millionen Einwohner.

Was aßen arme Menschen damals?

Für viele arme Menschen in ganz Großbritannien war Weißbrot aus geschältem Weizenmehl der Hauptbestandteil der Ernährung. Wenn sie es sich leisten konnten, ergänzten die Menschen ihr Essen mit Gemüse, Obst und tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch, Milch, Käse und Eiern, was einer mediterranen Ernährung entspricht, erläutern die Wissenschaftler.

Viele Landbewohnern erreichten ein hohes Alter

Arme Menschen in wohlhabenderen Landbezirken, welche normalerweise in bar bezahlt wurden, hatten oft große Schwierigkeiten diese Nahrungsmittel regelmäßig zu bekommen, aber in abgelegenen Gebieten Großbritanniens waren Milch und Fisch leichter zugänglich. Ein große Anzahl der Bewohnern auf dem Lande erreichte damals ein hohes Alter. In den armen ländlichen Gebieten von Connaught im Westen Irlands erreichten beispielsweise fast 20 Prozent der Menschen das 65. Lebensjahr oder wurden noch älter. Manche Menschen lebten schon damals bis zu einem Alter von 95 oder gar 100 Jahren, fügen die Experten hinzu. (as)