Studie: Wehleidiger oder einfach anfälliger? Männer werden öfter krank

Alfred Domke

Warum Männer öfter krank werden

Schnupfen, Kratzen im Hals, Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen: Jeder Mensch leidet durchschnittlich ein- bis zweimal jährlich unter einer Erkältung. Männer scheinen die Infekte aber deutlich stärker zu beeinträchtigen. Sind sie einfach nur wehleidiger oder erkranken Männer häufiger beziehungsweise intensiver? Eine Expertin klärt auf.

Frauen finden Männer wehleidiger

In einer älteren Umfrage zum männlichen Umgang mit Gesundheit und Krankheit meinte der Großteil der Frauen mit 85,1 Prozent, dass Männer häufig wehleidiger als sie selbst seien und schon jammern würden, wenn sich die ersten Anzeichen einer Krankheit zeigen. Männer teilten diese Sicht mit 47,0 Prozent viel seltener. Doch sind Männer bei leichten Krankheiten wirklich viel wehleidiger als Frauen, oder stimmen eher die Klischees vom „typischen Mann“, der wie die „Indianer keinen Schmerz kennt“?

Männer leiden oft deutlich stärker an Erkältungen als Frauen. Das hat auch mit geschlechtsspezifischen Unterschieden der Immunantwort zu tun. (Bild: Jana Behr/fotolia.com)

Männliches Immunsystem reagiert langsamer

Auch in wissenschaftlichen Untersuchungen wurden schon Antworten auf die Frage gefunden, ob der Männerschnupfen beziehungsweise die Männergrippe tatsächlich existiert oder ob das „starke Geschlecht“ nur wehleidiger ist.

So haben britische Forscher der Queen Mary University in London in einer Studie festgestellt, dass das männliche Immunsystem im Gegensatz zum weiblichen langsamer und weniger effizient auf Infektionskrankheiten reagiert.

Dies sei der Grund dafür, dass Krankheiten bei Männern immer gravierender verliefen als bei Frauen. Dementsprechend würden sich Männer auch kränker fühlen, als Frauen.

Die Ergebnisse wurden zwar bei der Untersuchung von Mäusen erzielt, seien jedoch laut den Forschern ohne weiteres auf den Menschen übertragbar.

Männer können häufiger krank werden

Wer sich mit der Frage beschäftigt, ob Männer tatsächlich leichter oder stärker von Erkältungs- und Grippeviren angegriffen werden als Frauen, landet früher oder später bei Beatrix Grubeck-Loebenstein.

Die Wissenschaftlerin von der Universität Innsbruck untersucht seit längerem, wie sich die Immunsysteme von Frauen und Männern unterscheiden.

Laut einer Mitteilung der Nachrichtenagentur dpa erklärte die Immunologin im Vorfeld des Internationalen Männertags am 19. November: „Grob vereinfacht lässt sich feststellen, dass Männer durch die Unterschiede in der Immunantwort häufiger krank werden können als Frauen.“

Spezifische und unspezifische Immunzellen

Um zu verstehen, warum dies so ist, muss man wissen, wie das Immunsystem funktioniert. Wenn Krankheitserreger in den Körper eindringen, werden sie durch körpereigene Immunzellen bekämpft.

Dabei gibt es unspezifische und spezifische Immunzellen. Letztere sind nur gegen ganz bestimmte Krankheitserreger wirksam. Der Mensch kann sich dadurch gegen eine Vielzahl von Viren, Bakterien oder Parasiten zur Wehr setzen.

Von den spezifischen Immunzellen gibt es allerdings im Körper jeweils nur eine geringe Menge. Sie müssen sich millionenfach vermehren, um eindringende Krankheitserreger besiegen zu können. Genau hier kommt der Unterschied zwischen den Geschlechtern zum Tragen.

Denn während das weibliche Hormon Östrogen die Vermehrung der spezifischen Immunzellen unterstützt, wirkt sich das männliche Hormon Testosteron genau gegenteilig aus.

„Östrogen stimuliert das Immunsystem, Testosteron hingegen unterdrückt es. Das Immunsystem von Frauen reagiert deshalb schneller und aggressiver gegen Krankheitserreger als das von Männern“, erklärte Marcus Altfeld vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg in der dpa-Meldung.

Erschwerend hinzu kommt, dass das männliche Immunsystem umso mehr geschwächt wird, je höher der Testosteron-Spiegel ist.

Aufgabe des weiblichen Immunsystems

Die Ursachen dieses Unterschieds sind nicht eindeutig geklärt. Da sich das menschliche Immunsystem über Jahrmillionen entwickelt habe, müsse eine mögliche Erklärung laut Altfeld weit zurückblicken.

„Unsere Vorfahren in der Steinzeit lebten in gemeinsamen Höhlen und setzten sich Gefahren aus. Die Aufgabe des weiblichen Immunsystems war es schon damals, das ungeborene oder neugeborene Kind besonders zu schützen“, so der Experte laut dpa.

Auch der Einfluss der Hormonaktivität könnte durch diesen Zusammenhang erklärt werden. Grubeck-Loebenstein erläuterte in der Agenturmeldung: „Der Effekt des durch Östrogen gestärkten Immunsystems ist bei jungen Frauen ab der Pubertät besonders ausgeprägt und wird bei Frauen nach der Menopause schwächer.“

Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Immunantwort können also tatsächlich eine Begründung dafür liefern, warum Männer für manche Krankheiten anfälliger sind als Frauen. Doch dies nur mit dem Testosteron-geschwächten Immunsystem zu erklären, greift zu kurz.

„Auch weitere Faktoren spielen eine Rolle, die sich stärker auf das Verhalten und die Umwelt beziehen. Männer leben immer noch risikoreicher, sie ernähren sich ungesünder und sie lassen sich weniger diszipliniert impfen“, sagte Grubeck-Loebenstein.

Dass Männer ungesünder als Frauen leben, wurde auch schon in Studien belegt.

Prof. Dr. med. Sommer, der als erster Arzt der Welt als Universitätsprofessor für Männergesundheit berufen wurde, erklärte dazu vor Jahren: „Frauen leben in ihrem Körper. Männer benutzen ihren Körper eher als Instrument – und vernachlässigen ihn dabei.“

Doch auch wenn mittlerweile mehr Erkenntnisse über die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Krankheitsabwehr gewonnen wurden, hält Marcus Altfeld den Stand des Wissens immer noch für unzureichend:

„Es wird heutzutage viel über personalisierte Medizin geredet, das Individuum soll immer stärkere Berücksichtigung in der Forschung finden. Dabei wissen wir noch nicht einmal genug über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern“, so der Experte laut dpa. (ad)