Studie zeigt erhebliche Defizite beim Medikationsplan auf

Sebastian
Praxis weicht häufig vom Medikationsplan ab
Auf Blutverdünner, Schmerzmittel, Cholesterinsenker und viele andere Medikamente sind insbesondere ältere Menschen angewiesen. Die korrekte Einnahme der Mittel ist sehr wichtig. Um das zu gewährleisten und den Überblick zu behalten, helfen sogenannte Medikationspläne, die meist vom Hausarzt erstellt werden. Aber nur jeder 16. ärztliche Medikationsplan entspricht auch der Einnahmepraxis, wie eine Studie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zeigt. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher jetzt im „Journal of Evaluation in Clinical Practice“.

Bei jedem Patienten gab es durchschnittlich fünf Abweichungen vom Medikationsplan
Die Studie ist Teil eines Ausbildungs-Modellprojekts der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zur Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS). Dabei wird das Thema Arzneimitteltherapiesicherheit im sogenannte Apo-AMTS-Modell in die Ausbildung von Pharmazeuten integriert. Es handelt sich um eine Kooperation mit der Apothekerkammer Westfalen-Lippe.

Erhebliche
Erhebliche Abweichungen beim Medikationsplan. Bild: Kzenon-fotolia

Im Rahmen der Studie analysierten die Teilnehmer des Programms die Arzneimitteleinnahmen von 500 Patienten in einem Zeitraum von 15 Monaten. 399 der begleiteten Patienten (80 Prozent) verfügten über einen individuellen Medikationsplan. Dieser enthielt durchschnittlich neun verschreibungspflichtige Medikamente in einer Bandbreite von einem bis 21 Wirkstoffen sowie ein nicht verschreibungspflichtiges Arzneimittel in einer Bandbreite von null bis sechs Präparaten. Bei der Kontrolle wurden jedoch im Schnitt mehr als fünf Abweichungen je Patient festgestellt. Insgesamt wurden 2.021 Unterschiede zwischen den laut Medikationsplänen einzunehmenden Arzneimitteln und den tatsächlich eingenommenen registriert. „Die Abweichungen betrafen in 78 Prozent der Fälle verschreibungspflichtige und in 22 Prozent der Fälle nicht verschreibungspflichtige Medikamente und Präparate“, teilt die Universität mit.

Fast jede fünfte Abweichung im Medikationsplan betraf die Absetzung eines Medikaments, ohne den Arzt darüber zu informieren
Der Studie zufolge betrafen 41 Prozent der Abweichungen den Austausch eines Arzneimittels durch ein weitgehend wirkstoffgleiches Mittel eines anderen Herstellers. „Der Austausch an sich ist nicht das Problem, da die Wirksamkeit dieselbe ist. Aber dadurch, dass auf dem Medikationsplan ein anderer Name steht als auf dem ausgehändigten Medikament, kann es bei den Patienten zu Missverständnissen und Fehleinnahmen kommen“, erläutert Georg Hempel, der die Studie gemeinsam mit Isabel Waltering und Oliver Schwalbe geleitet hat. In 30 Prozent der Fälle nahmen Patienten ein Medikament ein, das nicht Teil des Medikationsplans war. Bei 18 Prozent der Abweichungen wurden eines oder mehrere Mittel ohne Kenntnis des Arztes abgesetzt. „In elf Prozent der Fälle gab es zum Teil erhebliche Abweichungen bei der eingenommenen Dosis. Die meisten Abweichungen betrafen Mittel gegen Bluthochdruck (494 Fälle), gefolgt von Schmerzmitteln (178) und Antidepressiva (105)“, heißt es in der Mitteilung der Universität.

Mögliche Defizite in der Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern
„Vollständige und aktuelle Informationen über die verordnete Medikation sind eine Grundvoraussetzung für eine sichere und optimale Therapie. Vor dem Aushändigen des Medikationsplanes ist eine Medikationsanalyse vorzunehmen“, betonen die Studienautoren. Öffentlichen Apotheken sollten nach ihrer Ansicht eine wesentliche Rolle bei der Erstellung und regelmäßigen Aktualisierung von Medikationsplänen zukommen. „Gerade bei Patienten, die mehrere Medikamente einnehmen – und das sind in den meisten Fällen ältere Menschen – ist eine Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern besonders wichtig. Offensichtlich bestehen hier noch hohe Defizite“, erklärt Waltering. Als AMTS-Dozentin war sie in den letzten drei Jahren an der Ausbildung von 428 Apothekerinnen und Apotheker zum AMTS-Manager beteiligt. „Diese Apothekerinnen und Apotheker können als Lotsen zwischen dem Patienten und den verordnenden Ärzten in ganz entscheidendem Maße zu einer Verbesserung der Therapiesicherheit beitragen.“ (ag)