Studien: Kommt eine Narzissmus-Epidemie?

Alfred Domke

Wird unsere Gesellschaft immer narzisstischer?

Manche Wissenschaftler nehmen an, dass die Zahl der Menschen mit einer narzisstischen Störung in unserer Gesellschaft immer weiter steigt. Forscher von der Universität Konstanz haben diese Annahme in einer Studie nun überprüft und stellten statt einem Anstieg einen Rückgang dieser Persönlichkeitsstörung fest.

Gibt es wirklich immer mehr Menschen mit einer narzisstischen Störung?

In den westlichen Ländern sind immer mehr Menschen krankhaft selbst verliebt. Auch viele Kinder werden von ihren Eltern zu Narzissten erzogen, mahnen Experten schon seit langem. Stimmt es aber wirklich, dass die Zahl der Menschen mit einer narzisstischen Störung steigt? Wissenschaftler von der Universität Konstanz haben diese Annahme nun überprüft und statt einem Anstieg einen Rückgang dieser Persönlichkeitsstörung festgestellt.

Wissenschaftler nehmen einen Anstieg des Narzissmus von Generation zu Generation an. Manche reden gar von einer „Narzissmusepidemie“. In einer Studie zeigte sich jetzt jedoch, dass die Persönlichkeitsstörung nicht angestiegen, sondern zurückgegangen ist. (Bild: Michael Eichhammer/fotolia.com)

Ursprung des Narzissmus

Der Ursprung des Narzissmus liegt oft in der Kindheit:

„Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine sogenannte frühe Störung, die schon in der frühen Bindung/Beziehung zur Mutter zustande kommt“, erklärte Gritli Bertram, Sozialpädagogin und Therapeutin aus Hannover in einem älteren Interview mit „Heilpraxisnet.de“.

„Es konnte aufgrund mangelnder emotionaler Passung zwischen Mutter und Kind kein gesundes Selbst entwickelt werden“, so die Expertin.

Schon seit längerem vermuten Wissenschaftler einen Anstieg des Narzissmus von Generation zu Generation und sprechen sogar vom Ausbruch einer „Narzissmusepidemie“ in unserer Gesellschaft. Stimmt das aber wirklich?

Leichter Rückgang festgestellt

Ein Forschungsteam von Psychologen um Dr. Eunike Wetzel von der Universität Konstanz überprüfte diese Annahme nun anhand von rund 60.000 Persönlichkeitstests von amerikanischen Studierenden aus drei Jahrzehnten.

Die Psychologen kamen zu einem überraschenden Ergebnis: Narzissmus ist in den letzten 25 Jahren nicht etwa angestiegen, sondern ging sogar leicht zurück.

Der Rückgang verläuft kontinuierlich seit Anfang der 1990er und setzte somit bereits vor der Wirtschaftskrise ein. Die Ergebnisse der Auswertung wurden im Wissenschaftsjournal „Psychological Science“ veröffentlicht.

Überraschende Ergebnisse

„Wir hatten erwartet, dass wir einen Anstieg im Narzissmus zwischen 1992 und den 2000er-Jahren finden würden und anschließend einen möglichen Rückgang nach der Weltwirtschaftskrise. Wir waren daher überrascht von den Ergebnissen unserer Studie“, so Wetzel in einer Mitteilung der Uni Konstanz, die vom „Informationsdienst Wissenschaft“ (idw) veröffentlicht wurde.

Klassische Theorien gehen davon aus, dass Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums förderlich für die Entwicklung von Narzissmus sind, während Wirtschaftskrisen mit sinkendem Narzissmus in Zusammenhang gebracht werden.

Wetzels Ergebnisse zeichnen jedoch ein anderes Bild: Der Rückgang im Narzissmus setzte bereits in den ökonomisch stabilen Zeiten vor der Wirtschaftskrise ein.

Manche Menschen neigen stärker zu Narzissmus

Für ihre Studie werteten die Psychologen Daten von drei US-amerikanischen Universitäten (University of California, Berkeley, University of California, Davis, University of Illinois in Urbana-Champaign) aus, die seit 1992 einen einheitlichen Narzissmus-Persönlichkeitstest durchführen.

Die Daten stammen von insgesamt rund 60.000 Studierenden, die zum Zeitpunkt ihrer jeweiligen Befragung im Alter zwischen 18 und 24 Jahren waren.

Der Frauenanteil der befragten Studierenden lag zwischen 55 Prozent (1992) und 72 Prozent (2015).

An der Studie waren neben der Universität Konstanz auch die Universität Magdeburg, University of Kent (Großbritannien), Carleton University (Kanada), Tilburg University (Niederlande), University of California, Davis (USA) sowie die University of Illinois at Urbana-Champaign (USA) beteiligt.

„Es geht uns nicht um den Narzissmus im Sinne einer klinischen Störung wie die narzisstische Persönlichkeitsstörung“, betont Wetzel und verdeutlicht:

„Wir untersuchen Narzissmus in der allgemeinen Bevölkerung. Wir betrachten Narzissmus als Persönlichkeitseigenschaft, wie zum Beispiel auch Extraversion oder Gewissenhaftigkeit Merkmale eines Menschen sind: Manche Menschen sind gewissenhafter als andere, manche neigen stärker zu Narzissmus als andere.“

Persönlichkeitsstörung besteht aus verschiedenen Aspekten

„Bisherige Forschung betrachtete Narzissmus nur als Gesamtkonstrukt. Das ist problematisch, weil Narzissmus aus verschiedenen Aspekten besteht“, sagt Eunike Wetzel.

Die Psychologin unterscheidet daher in ihrer Studie drei wesentliche Facetten des Narzissmus – Führungsverhalten („Leadership“), Eitelkeit („Vanity“) und Anspruchsdenken („Entitlement“) – und verfolgt die Ausprägung dieser Facetten über die drei untersuchten Jahrzehnte hinweg.

Den deutlichsten Rückgang verzeichnet das Merkmal „Anspruchsdenken“, das ausdrückt, ob sich ein Mensch gegenüber seinen Mitmenschen als höherwertig und überlegen fühlt.

„Das ist interessant, da dieses Merkmal gemeinsam mit Eitelkeit zum Kern des Narzissmus gehört. Dass gerade diese Aspekte zurückgegangen sind, widerspricht der These von einer Epidemie des Narzissmus“, verdeutlicht Wetzel.

Der Rückgang von Narzissmus zeichnet sich gleichermaßen bei Männern und Frauen ab, insbesondere in den Aspekten Anspruchsdenken und Führungsverhalten.

Abweichend von dem Schema stellten die Psychologen jedoch nur bei Frauen eine generelle Verringerung des dritten Aspekts, Eitelkeit, fest. (ad)