Studien: Mehr als die Hälfte der Patienten versteht ihren Arzt nicht

Einer aktuellen Studie zufolge fühlt sich mehr als die Hälfte der Deutschen von der Informationsflut zu Gesundheitsthemen überfordert. Der "Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz" soll dem Problem entgegenwirken. (Bild: WavebreakmediaMicro/fotolia.com)
Alfred Domke
Gesundheitsthemen: Jeder zweite Deutsche von Informationsflut überfordert
Einer aktuellen Studie zufolge fühlt sich über die Hälfte der Deutschen von der Informationsflut zu Gesundheitsthemen überfordert. Insbesondere Menschen mit geringer Bildung, Senioren und Migranten sind in gesundheitlichen Fragen wenig kompetent. Dem Problem soll nun mit dem „Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ gegengesteuert werden.

Viele Patienten verstehen ihren Arzt nicht
Immer wieder zeigen Untersuchungen, dass viele Patienten ihren Arzt nicht verstehen. Das Gesundheitswissen der Deutschen lässt zu wünschen übrig. Eine repräsentative Studie der Universität Bielefeld hat nun gezeigt, dass sich mehr als die Hälfte der Bürger von der Informationsflut zu Gesundheitsthemen überfordert fühlt Wie es in einer Pressemitteilung der Hochschule heißt, weisen rund 44 Prozent der Deutschen eine eingeschränkte und weitere zehn Prozent sogar eine unzureichende Gesundheitskompetenz auf.

Einer aktuellen Studie zufolge fühlt sich mehr als die Hälfte der Deutschen von der Informationsflut zu Gesundheitsthemen überfordert. Der "Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz" soll dem Problem entgegenwirken. (Bild: WavebreakmediaMicro/fotolia.com)
Einer aktuellen Studie zufolge fühlt sich mehr als die Hälfte der Deutschen von der Informationsflut zu Gesundheitsthemen überfordert. Der „Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ soll dem Problem entgegenwirken. (Bild: WavebreakmediaMicro/fotolia.com)

Forschungsergebnisse von werblichen Angeboten unterscheiden
Den Angaben zufolge liegt Deutschland damit nicht nur unter dem europäischen Durchschnitt, sondern fällt auch deutlich gegenüber vergleichbaren Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark ab. Die Universität Bielefeld, der AOK-Bundesverband und die Hertie-School of Governance wollen dem mit einem „Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ entgegenwirken. Schirmherr ist Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Laut einer Pressemitteilung des Bundesministerium für Gesundheit (BMG) erklärte der Minister: „Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland hat erhebliche Mühe, sich in der ständig anwachsenden Fülle an Gesundheitsinformationen zurechtzufinden und Entscheidungen für die eigene Gesundheit zu treffen. Das muss alle Verantwortlichen im Gesundheitswesen aufrütteln. Der schnelle Zugang zu immer mehr Informationen im Internet ist dabei Chance und Herausforderung zugleich. Denn im Internet lassen sich neueste wissenschaftliche Forschungsergebnisse nicht immer leicht von werblichen Angeboten und interessengeleiteten Empfehlungen unterscheiden.“

Nötig sind „leicht verständliche Gesundheitsinformationen“
„Nötig sind unabhängige, wissenschaftlich belegte und leicht verständliche Gesundheitsinformationen. Gerade das Arzt- Patienten-Gespräch ist entscheidend, um Patienten die Diagnose und Behandlung verständlich zu erklären. Denn je mehr Patientinnen und Patienten über Vorsorge, Krankheitsbilder und Behandlungsmöglichkeiten wissen, desto besser können sie Krankheiten vorbeugen und in- formierte Entscheidungen treffen, die Therapie und Heilung unterstützen. Wir brauchen jetzt eine gemeinsame Kraftanstrengung von Ärzten, Krankenkassen, Apotheken, Pflege-, Verbraucher- und Selbsthilfeverbänden und Behörden, um das Gesundheitswissen in ganz Deutschland zu verbessern. Dazu müssen alle Verantwortlichen im Gesundheitswesen an einen Tisch. Der Nationale Aktionsplan für Gesundheitskompetenz‘, für den ich sehr gerne die Schirmherrschaft übernommen habe, ist dafür ein wichtiger Baustein“, so Gröhe weiter. Der Politiker hatte sich schon vor Jahren für eine Verbesserung in diesem Bereich stark gemacht und unter anderem gefordert, dass Ärzte im Umgang mit Patienten besser ausgebildet werden müssten.

Deutschland schneidet im europäischen Vergleich schlecht ab
Unter „Gesundheitskompetenz“ wird das Finden, Verstehen und Umsetzen von Gesundheitsinformationen verstanden. Die Universität Bielefeld hat für die erste repräsentative Studie zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland 2.000 Menschen über 15 Jahren vom Forschungsinstitut Ipsos befragen lassen. Basis war der international erprobte Fragebogen „Health Literacy Questionaire Europe“. Wie es heißt, stechen zwei Ergebnisse besonders hervor: Über die Hälfte der Deutschen hat offenbar Schwierigkeiten, gesundheitsrelevante Informationen zu verstehen und zu verarbeiten. Dies gilt insbesondere für sogenannte vulnerable Gruppen, also Menschen mit Migrationshintergrund, geringem Bildungsgrad oder hohem Lebensalter. Die Einschränkungen und Unsicherheiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen sind hier besonders ausgeprägt. Auch das schlechte Abschneiden Deutschlands im Vergleich zu anderen europäischen Staaten ist auffällig. Den Angaben zufolge hat die gleiche Befragung in den Niederlanden, Dänemark, Irland oder Polen deutlich höhere Kompetenzwerte ergeben. Im europäischen Vergleich schneidet Deutschland also unterdurchschnittlich ab.

Strategie zur Stärkung der Gesundheitskompetenz
Studienleiterin Professorin Dr. Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld hält die Ergebnisse für bedenklich: „In den vergangen Jahren wurde einiges angestoßen, um die Gesundheitsinformationen der Bevölkerung zu verbessern. Aber die Ergebnisse zeigen, dass das längst nicht ausreicht. Wir müssen neu über die Art, Aufbereitung und Vermittlung von Informationen nachdenken.“ Die Expertin kündigte an, gemeinsam mit einer Gruppe von anerkannten Fachleuten in den nächsten zwei Jahren eine umfassende und koordinierte Strategie zur Stärkung der Gesundheitskompetenz auszuarbeiten. „Wir brauchen ein abgestimmtes Maßnahmenkonzept, eben einen Nationalen Aktionsplan, der konkrete Handlungsimpulse setzt und nicht nur das Gesundheitswesen, sondern auch den Bildungssektor und die Forschung erreicht.“

Informationen und gesichertes Wissen für eine gesunde Lebensführung
Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes sagte: „Für eine gesunde Lebensführung braucht man heute Informationen und gesichertes Wissen. Welchen Einfluss haben Ernährung und Bewegung auf meinen Körper? Was kann ich tun, um fit zu bleiben? Aber auch das Kleingedruckte auf den Lebensmittelverpackungen, das für die Entscheidung gesund oder nicht nur selten Transparenz schafft. Bei all dem kann das Internetwissen helfen, wenn es gut läuft. Aber die Studie zeigt: Es sorgt in großem Maße eher für Verwirrung und ein mulmiges Gefühl, was da oft ergoogelt wird.“ Dieses Misstrauen sei auch berechtigt, hinter vielen Internetseiten zu Gesundheitsthemen steckten Pharmafirmen. Auch das Angebot von teilweise unsinnigen „individuellen Gesundheitsleistungen“ in Arztpraxen sei ein Problem. Litsch kündigte an, die AOK-Faktenboxen weiter auszubauen. Dieses neue Informationsformat vermittle verfügbares medizinisches Wissen auf verständliche, kompakte Weise und stärke durch seine Kompassfunktion die Orientierung im Meer der Informationen. Die AOK werde noch in diesem Jahr eine Reihe weiterer Faktenboxen veröffentlichen, etwa zu den Themen Nahrungsergänzungsmittel oder Bluthochdruck. (ad)

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