Studien: Resistente Bakterien sind aggressiver und ansteckender

Sebastian
Studie: Antibiotika-Resistenz macht Bakterien noch aggressiver
Nach bisherigem Wissensstand gingen Experten davon aus, dass Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind, eher geschwächt sind. Eine neue US-amerikanische Studie belegt jedoch nun das Gegenteil. Demnach sind resistente Erreger sogar noch aggressiver und ansteckender als Bakterien ohne Antibiotika-Resistenz.

Antibiotika Resistente Bakterien sind ein globales Problem
Wie die Forscher um Gerald Pier und David Skurnik von der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts im Fachblatt „Science Translational Medicine“ berichten, seien resistente Bakterien gefährlicher als bisher angenommen. Der Kampf gegen die Resistenzen gestalte sich schwieriger.

Sehr viel aggressiver und hochansteckend: Resistente Keime. Bild: Sebastian Kaulitzki - fotolia
Sehr viel aggressiver und hochansteckend: Resistente Keime. Bild: Sebastian Kaulitzki – fotolia

Antibiotika-Resistenzen sind unter anderem eine Folge des häufigen Einsatzes der Medikamente in Medizin und Tierzucht, insbesondere in der Massentierhaltung. Bereits seit Jahren warnen Experten weltweit vor dem Problem. Denn immer mehr Antibiotika sind bei bestimmten Bakterien wirkungslos. Besonders kritisch bewerten Fachleute den Einsatz sogenannter Breitband-Antibiotika, die gleichzeitig mehrere Bakterienstämme bekämpfen, aber leider auch resistent machen können. Dabei galten Antibiotika lange als Wunderwaffe im Kampf gegen Infektionen. Wie zukünftig Entzündungen ohne die gängigen Antibiotika bekämpft werden sollen, ist fraglich. Forscher arbeiten weltweit an alternativen Mitteln. Erste Erfolge konnte unter anderem Schweizer Wissenschaftler im vergangenen Jahr verzeichnen. Sie entwickelten Nanopartikel, die nicht die Bakterien selbst, sondern nur ihr Gift beseitigen. Resistenzen entstehen dabei nicht. Bislang wurde die neue Substanz jedoch nur an Mäusen getestet. Ob sie auch bei Menschen wirksam ist, muss in weiteren Studien geklärt werden.

Antibiotika-resistente Bakterien sind aktiver als angenommen
Bis eine Antibiotika-Alternative erhältlich ist, dürfte noch einige Zeit vergehen. Bis dahin stellt sich aber nicht nur das Problem, der Resistenz selbst. Denn der neuen Studie zufolge sind Antibiotika-resistente Erreger gefährlicher als bislang angenommen.

Pier und Skurnik wollte herausfinden, ob resistente Bakterienstämme tatsächlich weniger aktiv sind als ihre Antibiotika-empfindlichen Verwandten, wie es der gängigen Lehrmeinung entspricht. Dafür führten sie ihre Versuche mit drei Krankheitserregern an Mäusen durch: Pseudomonas aeruginosa, einem gängigen Auslöser von Lungenentzündungen, Vibrio cholerae, dem Verursacher der Cholera, und Acinetobacter baumannii, einem häufigen Auslöser von Krankenhausinfektionen. Wie sich herausstellte waren die drei resistenten Erreger leichter übertragbar und aggressiver.

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„Unsere Ergebnisse zeigen für jeden dieser sehr unterschiedlichen Erreger durchgängig, dass Resistenzen und das Aneignen neuer Resistenzen die Fitness und das Überleben in einem infizierten Wirt fördern“, zitiert die Nachrichtenagentur „dpa“ die Studienautoren. Das hänge mit der guten Abwehr auch jenseits des Kontaktes zu Antibiotika zusammen, die sie überlebensfähiger mache. Mikroorganismen würden permanent mit Giften anderer Erreger oder Abwehrstoffen des Immunsystems konfrontiert. „Gemeinsam warnen diese Erkenntnisse davor, dass die Bekämpfung der Antibiotikaresistenz schwieriger sein könnte, als wir dachten, aufgrund der verbesserten Fitness und Ansteckungsfähigkeit unserer Antibiotika-resistenten Gegner“, schreiben Pier und seine Kollegen im Fachmagazin.

Resistente Bakterien könnten schwere Infektionen verursachen
„Die erhöhte Aggressivität resistenter Stämme in Versuchen weckt die ernste Sorge, dass diese schwieriger zu behandelnde Infektionen verursachen können, auch jenseits einer Therapie mit Antibiotika“, so die Autoren weiter. Der Verzicht auf Antibiotika allein reiche nicht aus, um die Entstehung und Verbreitung resistenter Erregerstämme einzudämmen. Es würden Alternativen benötigt, um Infektionen zu vermeiden und zu therapieren.

Helmut Fickenscher von der Universität Kiel sprach gegenüber der Nachrichtenagentur zwar von einer „sehr, sehr spannenden Studie“. Die Forscher seien bei ihrer Arbeit sehr detailliert vorgegangen. „Ob das die Medizin revolutionieren wird, ist allerdings völlig offen.“ Dem Mediziner zufolge stelle sich zudem die Frage, ob die Ergebnisse aus Tierstudien auf den Menschen übertragbar seien. Er bewertet die Studienresultate jedoch als recht plausibel. Denn die Gene für Antibiotika-Resistenzen und für hohe Aggressivität würden oft gemeinsam übertragen, was eine erhöhte Aggressivität multiresistenter Mikroorganismen erklären könne. (ag)