Studien zum H5N1-Supervirus werden veröffentlicht

Fabian Peters

Studien zu humanpathogenen Vogelgrippe-Erregern werden veröffentlicht

04.04.2012

Die vorerst aus Angst vor Bioterrorismus unter Verschluss gehaltenen Studien zu im Labor gezüchteten humanpathogenen Vogelgrippe-Erregern (H5N1-Viren) werden nun doch veröffentlicht. Nachdem die Autoren ihre Studien überarbeitet haben, spreche nichts mehr gegen eine Veröffentlichung, so die Einschätzung des Beratergremiums für Biosicherheit der amerikanischen Regierung (NSABB), das sich bis dato gegen eine Veröffentlichung ausgesprochen hatte.

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Seit Monaten zieht sich der Streit über den Umgang mit den brisanten Ergebnissen aus den Studien von Ron Fouchier, Professor an der Erasmus Universität in Rotterdam und Yoshihiro Kawaoka, Professor an der US-Universität von Wisconsin. Aus Rücksicht auf die Einwände der NSABB hatten die Fachzeitschriften „Science“ und „Nature“ vorerst auf eine Veröffentlichung verzichtet, allerdings unter erheblichem Protest. Zuletzt forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor rund zwei Monaten eine umfassende Veröffentlichung der Forschungsergebnisse zu den mutierten Vogelgrippe-Erregern, der auch als Supervirus benannt wurde. Fouchier und Kawaoka hatten im Rahmen zwei unabhängiger Studien eine Mutation der H5N1-Viren erreicht, die zur Folge hatte, dass die Vogelgrippe wie einen gewöhnliche Influenza per Tröpfchen-Infektion von Mensch zu Mensch übertragen werden konnte.

Züchtung von Superviren im Labor soll Pandemie-Risiko verdeutlichen
Mit der Züchtung des humanpathogenen Vogelgrippe-Virus im Labor, wollten die Forscher das Risiko einer Pandemie durch die Vogelgrippe untersuchen. Das Ergebnis ist eindeutig: Wenige Mutationen der Erreger reichen aus, damit diese von Mensch zu Mensch übertragen werden können. Hier sah die NSABB jedoch ein erhebliches Risiko des Missbrauchs der Studienergebnisse für Zwecke des Bioterrorismus und empfahl daher auf eine umfassende Veröffentlichung zu verzichten beziehungsweise die Daten nur in einer zensierten Version bekannt zu geben. Die Redaktionen der Fachmagazine „Science“ und „Nature“ protestierten zwar massiv, hielten sich gemäß den Vorgaben der NSABB mit einer Veröffentlichung jedoch vorerst zurück. Auch aus anderen Richtungen folgte anschließend erhebliche Kritik an dem Vorgehen der US-Behörde. Zumal die Daten nach Ansicht der meisten Wissenschaftler auch dazu geeignet sind, die Risiken einer Vogelgrippe-Pandemie abzuschätzen und sich auf mögliche Mutationen der H5N1-Viren vorzubereiten. Ein extra einberufenes Expertengremium der WHO, in dem auch die Studienautoren und die Chefredakteure von „Science“ und „Nature“ saßen, kam zu dem Fazit, dass der Abdruck einer zensierten Version nicht angebracht wäre und die Daten vollständig veröffentlicht werden sollten. Der Nutzen überwiege eindeutig die Risiken, so die Einschätzung des WHO-Expertengremiums. Keiji Fukuda, ranghöchster Berater der WHO für Fragen der Gesundheitssicherheit hatte in diesem Zusammenhang betont, dass die Entwicklung des humanpathogenen H5N1-Virus eindeutig gezeigt habe, „wie wichtig es ist, die Forschung mit diesem Virus weiterzuführen.“

Umfassende Veröffentlichung der Studien zu den mutierten Vogelgrippe-Viren gefordert
Damit andere Forscher die Ergebnisse von Fouchier und Kawaoka nutzen können, bedarf es einer umfassenden Veröffentlichung. Auch die NSABB hat dies offenbar mittlerweile erkannt und rudert derzeit massiv zurück. Fouchier und Kawaoka haben ihre Studienmanuskripte überarbeitet und „die beschriebenen Daten scheinen nicht mehr geeignet, derart missbraucht werden zu können, dass die öffentliche Gesundheit oder die nationale Sicherheit gefährdet ist“, so die jetzige Position der NSABB. Welche Änderungen die Forscher an ihren Manuskripten vorgenommen haben, bleibt jedoch im Dunkeln. Auch die von der NSABB angebrachten angeblich neu aufgetauchten Belege dafür, dass das Wissen über bestimmte Mutationen der Viren sogar hilfreich bei der internationalen Überwachung von Infektionskrankheiten und Gesundheitsrisiken sein kann, wirken eher fragwürdig. Zumal hier von „neuen Belegen“ eigentlich keine Rede sein kann, da die Vorteile derartiger Grundlagenforschung lange bekannt sind.. Dass ausgerechnet die NSABB nun betont, die „Globale Zusammenarbeit, gerade in der Vorbereitung auf eine Influenza-Pandemie, basiere auf dem freien Zugriff auf Informationen“, scheint wie ein schlechter Witz. Hatte doch die gleiche Behörde noch vor kurzen für eine Geheimhaltung der Daten gekämpft. Welche Beweggründe hinter dem Vorgehen der NSABB stecken, ist schwer zu sagen. Möglicherweise hat die Behörde sich Anfangs einfach von der in den USA stark verbreiteten Terrorangst leiten lassen und ist dabei deutlich über das Ziel hinausgeschossen.

Fragwürdig Geheimhaltung von Forschungsergebnissen
Der Versuch die Studienergebnisse zu dem mutierten Vogelgrippevirus geheim zu halten, schien von Anfang an recht fragwürdig, nicht zuletzt da die US-Regierung die Entwicklung des neuen hochansteckenden Virus selber mitfinanziert hatte. Auch bedarf es einer vollständigen Veröffentlichung der Daten, um das Risiko einer Pandemie durch mutierte Vogelgrippe-Erreger (H5N1) abzuschätzen und die Entwicklung neuer Behandlungsmöglichkeiten zu ermöglichen, so die Position der WHO. Besteht die Sorge, dass der im Labor gezüchtete Erreger als Biowaffe eingesetzt wird, so hätte das mutierte Virus gar nicht gezüchtet, geschweige denn mit öffentlichen Geldern finanziert werden dürfen. Auch die Sorge vor einer versehentlichen Freisetzung der mutierten Erreger durch einen Unfall, scheint auf den ersten Blick zwar berechtigt. Doch wer diese Sorge hat, dürfte nicht in die Entwicklung von derartigen Superviren investieren. So war die Argumentation der NSABB zur Begründung einer Geheimhaltung der Studienergebnisse nicht nur in der Fachwelt äußerst umstritten.

US-Behörde stimmte Veröffentlichung der Studienergebnisse zu
In Bezug auf die Studien zu den Risiken einer Mutation der Vogelgrippe-Erreger hat die NSABB letztendlich eingelenkt und einer Veröffentlichung zugestimmt. Damit stellt sich die NSABB nach massiver Kritik an ihrem bisherigen Vorgehen durch die Redaktionen von „Science“ und „Nature“, die WHO und zahlreiche Virologen weltweit, nicht mehr gegen die Bekanntgabe der Forschungsergebnisse von Ron Fouchier und Yoshihiro Kawaoka. Allerdings ist bislang dennoch nicht klar, wann die Daten tatsächlich veröffentlicht werden, da „Science“ und „Nature“ die Manuskripte vorerst noch einmal von unabhängigen Wissenschaftlern begutachten lassen werden, wie dies vor Veröffentlichung von Forschungsarbeiten generell üblich sei, berichten die Wissenschaftsmagazine.

Neue Richtlinien zur Forschung an bestimmten Krankheitserregern
Zumindest legt die vergangene Woche erlassene neue Richtlinien des National Institutes of Health (NIH) für die „Dual-Use-Reearch“ (wörtlich „Dual-Nutzen-Forschung“) in den USA nun eindeutig fest, wie in Zukunft mit Forschungen umgegangen werden soll, die auch zum Zweck des Bioterrorismus missbraucht werden könnten.Die NIH-Richtlinie benennt 15 Krankheitserreger und Gifte, bei denen künftig von Seiten der Behörden eine stärkere Überwachung erfolgen soll, wenn an ihnen geforscht wird. Zu den gelisteten Erregern zählen zum Beispiel auch die H5N1-Viren, Milzbranderreger und Ebolaviren. Die US-Bundesbehörden sind aufgefordert, dem Weißen Haus binnen 60 Tagen mitzuteilen, wie viele öffentlich geförderte Studien hiervon betroffen sind. Sämtliche betroffenen Studien sollten nun mit Blick auf einen möglichen Missbrauch als Biowaffe untersucht und gegebenenfalls entschärft oder nicht länger finanziell unterstützt werden, so die Richtlinie der NIH. Zwar hat die Richtlinie für die Forschungsergebnisse zu den H5N1-Viren keine Auswirkungen mehr, doch in Zukunft ließen sich entsprechende Streitfälle mit ihrer Hilfe möglicherweise vermeiden.

Überschätztes Risiko einer Vogelgrippe-Pandemie?
Das Risiko einer Vogelgrippe-Pandemie wurde einer kürzlich veröffentlichten Studie von Forschern der Mount Sinai School of Medicine in New York (USA) zufolge bisher möglicherweise jedoch ohnehin überschätzt. Denn die tatsächlichen Infektionszahlen seien deutlich höher, als von der WHO angegeben, schrieben die US-Forscher im Fachmagazin „Science“. Entsprechend müsse die Anzahl der Todesfälle auf eine weit größere Anzahl an Betroffenen umgelegt werden, wodurch die Letalität deutlich geringer ausfalle, als bislang angenommen. Die Daten der WHO gehen von lediglich 584 Vogelgrippe-Erkrankungen bei Menschen weltweit aus (seit dem Jahr 2003), wobei 345 Patienten in Folge der Infektion verstarben. Entsprechend lag die angenommene Letalität bei rund 60 Prozent. Wie die Wissenschaftler um Taia T. Wang und Peter Palese von der Mount Sinai School of Medicine in New York erklärten, sind die offiziellen Zahlen der WHO jedoch zu bezweifeln.

So hätte die Auswertung von zwanzig bestehenden Studien zu den H5N1-Infektionen ergeben, dass circa ein bis zwei Prozent der mehr als 12.500 Studienteilnehmer Anzeichen einer zurückliegenden Vogelgrippe-Erkrankung in ihrem Blut aufwiesen. Tatsächlich erfasst werden jedoch nur schwere Erkrankungen, bei denen die Patienten ins Krankenhaus müssen und ohnehin schlechte Überlebenschancen haben, berichteten die US-Forscher Ende Februar in dem Fachmagazin „Science“. Sollten sich – wie in den ausgewerteten Studien – zwei Prozent der Risikogruppe weltweit bereits mit dem Erreger infiziert haben, so hätten Millionen Menschen schon eine Vogelgrippe-Infektionen hinter sich, ohne davon zu ahnen, erklärten die US-Wissenschaftler. Unter Umständen liege auch die Zahl der Vogelgrippe-bedingten Todesfälle deutlich höher als bislang angenommen, so Wang und Kollegen weiter. Die Todesrate werde von der WHO jedoch in jedem Fall zu hoch angegeben, bei gleichzeitig viel zu gering angesetzten Infektionszahlen, betonten die US-Forscher. Eine Vogelgrippe-Pandemie hätte demnach vermutlich deutlich weniger verheerende Folgen, als bislang angenommen. (fp)

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Bild: Gerd Altmann / pixelio.de (Bild ist eine Nachzeichnung)

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